Der Trittbrettfahrer

   Thai-Musik klingt aus den Ohrstöpseln des kleinen Weltempfängers, der vorn an der Lenkertasche baumelt. Zu melancholischen Klängen trällert eine zarte, weibliche Stimme, die sich mit dem Knistern vermischt, durch die im Takt der Kurbelumdrehungen schwankende Kabelantenne. Eigentlich passt die Melancholie zu meiner Gemütsstimmung, denn insgeheim sehne ich das Erreichen der einige Kilometer vor mir liegenden Passhöhe herbei.

   Denn dort oben findet endlich für mich das »never ending up and down« endlich ein Ende. Ziemlich treffend brachte mit diesen Worten – außer Atem, verschwitzt und mit hochrotem Kopf – ein französisches Radlerpärchen die topographischen Straßenverhältnisse Nord-Thailands auf den Punkt. Mögen die landschaftlichen Reize einer Bergwelt noch so verlockend sein; nach Nepal und Nord-Thailand freue ich mich schon darauf, mal wieder Flachland unter den Reifen zu spüren.

   Zu dem kleinen Mann im Ohr sorgen ab und an farbenfrohe Schmetterlinge für Abwechslung im Berg, die mit hektischen Flügelschlägen auf gezackten Flugbahnen um mein Fahrrad Rad kreisen. Wieder einmal flattert ein neugieriges Kerlchen um meine Lenkertasche, bis es schließlich auf der darauf befestigten Klarsichthülle landet, in der die Landkarte steckt. Mit seinen zarten Beinchen steht er unweit des Städtenamens Mae Sot, meinem Ausgangspunkt am heutigen Morgen. Sicherlich hat der Schmetterling während seines Rundfluges um die Lenkertasche das viereckige Zeichen auf der Karte gesichtet, welches auf den nationalen Flughafen außerhalb der Stadt hinweist. Still und unbeweglich haftet der blinde Passagier auf der Klarsichthülle. Kaum größer als die Fläche eines Daumennagels sind seine gegeneinander geklappten Flügelchen, die bergauf nur einem lauen Lüftchen standhalten müssen. Grau-weiß gefärbt, leicht ineinander verwaschen, ist das hauchdünne Gewand des Schmetterlings. Dagegen farblich scharf voneinander getrennt, ähnlich wie die Ringelmuster-Stutzen der Kicker von Borussia Dortmund, sind seine in schwarz-weiß gehaltenen Beinchen. Ebenso seine Fühler, die wie zwei auf Empfang geschaltete Antennen vom schwarzen linsenförmigen Kopf abstehen.

  •    Sonderbar an dem kleinen Flattermann ist, dass sein Hinterteil ähnlich ausschaut, wie sein Kopf. Zwar etwas kleiner, wehen von dem schwarzen Hinterteil lauter zarte Haarzotteln. Ebenso schwarz-weiß gestreift, wie die Fühler, jedoch in der Ausprägung noch feiner und scheinbar flexibler, die sich wie feinste Äderchenverästelungen bis unter die samtdünnen Flügelflächen fortsetzen. Scheinbar gefällt es dem Trittbrettfahrer vorn als Kühlerfigur meines Fahrrades die Sonne zu genießen, während ich mich abstrampele.

       Dadurch, dass mich das kleine Kerlchen ablenkte, verstrichen die letzten Kilometer hinauf zur Passhöhe wie im Fluge. Dann endlich geht’s bergab. Und während mein Rad mehr und mehr an Fahrt gewinnt, macht mein kleiner Beifahrer keinerlei Anstalten des Unbehagens. Wild rüttelt der mit zunehmender Geschwindigkeit stärker werdende Fahrtwind an den noch immer zusammengeklappten Flügelchen. Wie festgeklebt haften die Enden seiner schlaksigen Beinchen auf der Klarsichthülle, während der Rest seiner Glieder heftig schlottert. Mit diesem Bild vor Augen, stelle ich mir gerade das kleine Kerlchen zigmal vergrößert vor –, wie es eine braunlederne Sturmhaube, gehalten von einem Kinnriemen und eine eckige Fliegerbrille trägt, wobei sein von der Geschwindigkeit verzerrtes Gesicht dem Gegenwind trotzt.

       Mit fünfundvierzig Sachen rauschen wir gemeinsam ins Tal. Und die weiterhin abschüssige Straße verhilft zu noch schnellerer Fahrt … Doch plötzlich – schwupp – weg ist er, mein bis dahin tapferer Trittbrettfahrer. War ihm letztendlich wohl doch zuviel Wind um seine zarten Öhrchen, als er sich entschloss, die Reißleine zu ziehen. Kurz blicke ich zurück –, doch von einem geöffneten Minifallschirm ist nichts zu sehen.

    Unterwegs auf dem Mae Hong Son Loop
    Nord-Thailand, 2003
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Eine Radreise voller Gegensätze"