Eine Nacht auf der Polizeiwache von Buraq

   Es ist Mittagszeit. Zusammen mit Thomas habe ich die vergangenen Tage in Damaskus verbracht. Den Würzburger, der mit dem Rad auf dem Weg nach Kairo ist, traf ich erstmals an der türkisch-syrischen Grenze. Hinter Aleppo trennten sich dann unsere Wege, bis sie sich einige Tage später wieder, rein zufällig, kreuzten. Diesmal in Palmyra, von wo aus wir uns gemeinsam auf den Weg in Richtung Süden machten. Heute wollen wir Damaskus in Richtung der jordanischen Grenze verlassen. Da die nächste Stadt auf unserer Route über hundertfünfzig Kilometer entfernt liegt, decken wir uns mit Proviant ein und planen eine Übernachtung im Zelt, in der syrischen Wüste.

   Ein heftiger Seitenwind begleitet uns stadtauswärts. Wie dichter Nebel peitscht aufgewirbelter Sand umher und prasselt feinkörnig auf unsere Gesichter.

Nach gut vierzig Kilometern ist Al-Buraq erreicht. Ein kleiner Ort inmitten einsamer Landschaft. Eine Pension gibt es hier nicht, wie uns der Verkäufer eines Lebensmittelgeschäftes mitteilt. Wohl aber eine Polizeistation.

   Mit dem Sturm sind auch unsere Gedanken ans Zelten verflogen. Wo aber sollen wir übernachten? Die nächste Stadt liegt für heute unerreichbar weit entfernt. Wieder kommt uns die Polizeistation in den Sinn. Vom Hörensagen anderer Reisender, sollen Notübernachtungen bei örtlichen Polizeiposten möglich sein. Praktische Erfahrungen haben wir keine. Alternativlos lassen wir es auf einen Versuch ankommen.

   Bewusst auffällig ist unser Verhalten, als wir auf die Polizeistation zurollen, unsere Räder davor abstellen und uns »erschöpft« auf den Stufen niederlassen, die zum Eingang führen.

   Wie erhofft, dauert es auch nur wenige Augenblicke, bis uns ein junger uniformierter Polizist in erstaunlich gutem Englisch begrüßt. Gastfreundlich bittet er uns in die Polizeistation. In einem recht geräumigen Zimmer begrüßen uns drei weitere Beamte mittleren Alters. Allesamt sind sichtlich froh über den unerwarteten Besuch.

   Auffallend im Raum sind die vier windschiefen Metallbetten mit Schaumstoffauflage. Zwei uniformierte Beamte hocken darauf. Einer von ihnen liest, ein anderer knipst sich seine Fußnägel kürzer. Der Dritte liegt in Unterhemd und Sporthose entspannt auf einem Bett, raucht genüsslich eine Zigarette, wobei er den Rauch zur Zimmerdecke pustet, von der mittig ein Kabel herabhängt, an dem eine angeknipste Glühbirne vom Durchzug hin- und herbaumelt.

   Ebenso zur Ausstattung des karg möblierten Zimmers gehören vier Kleiderspinde. Mehrere Bilder des verstorbenen Präsidenten Assad und seines Sohnes Balschar zieren die Blechtüren der Schränke. Auf den Türinnenseiten posieren europäische Schönheiten in aufreizenden Posen. Auf einem Gaskocher köchelt Teewasser und aus den knackenden Boxen eines Radios erklingen arabische Töne.

  •    Der gut englischsprechende Polizist dolmetscht für seine Kollegen, wodurch eine lebhafte Unterhaltung zustande kommt. Die Staatsdiener zeigen sich interessiert und überaus wissbegierig. Zuerst durchforsten wir unsere Reisekarte von Syrien und die Bilder im Reiseführer. Die Nachbarländer Deutschlands sind ebenso ein Thema wie die Entstehung und Ausdehnung des Wetterphänomens El Ninho. Wir sind überrascht von solcher Art Fragen, kratzen all unser Wissen zusammen und erzählen von der globalen Erderwärmung und den dadurch abschmelzenden Polkappen.

       Ob all das, worüber wir berichten, tatsächlich stimmt, wissen wir selbst nicht so genau. Jedenfalls scheinen den Beamten unsere Ausführungen zu gefallen, und das ist schließlich in solch einer völkerverständigenden Situation das Allerwichtigste. (Bei der es uns in erster Linie darum geht, eine Bleibe für die Nacht zu ergattern.)

       Und tatsächlich, unser Plan funktioniert: Die Polizisten laden uns zur Übernachtung in ihre Station ein. Offensichtlich bringen wir mit unserem plötzlichen Besuch ein wenig Abwechslung und Zeitvertreib in den tristen Polizei-Alltag im Provinzdörfchen Al-Buraq.

       Die Zeit vergeht, und die Stimmung lockert mehr und mehr auf. Das Vertrauen der Polizisten uns gegenüber steigt. Rein routinemäßig kontrolliert der Stationschef unsere Reisepässe mit den gültigen Visa und gibt anschließend einen Funkspruch an die Hauptwache weiter, dass der Außenposten Al-Buraq für die kommende Nacht Besuch von zwei Radlern aus Deutschland hätten.

       Inzwischen haben wir unser Gepäck vom Rad geladen und es uns im Polizeirevier gemütlich gemacht. Neben den Metallbetten der Polizisten dürfen wir unsere Matratzen und Schlafsäcke ausrollen.

    Bevor es dunkel wurde, sind wir zum nahe gelegenen Lebensmittelladen gelaufen und haben einige Schachteln Zigaretten als Gastgeschenk für unsere »Herbergseltern« gekauft.

       Unsere Lebensmitteleinkäufe aus Damaskus bereiten wir für uns alle als Abendessen in der Stationsküche zu. Nudelsuppe mit Brotbeilage. Es ist kurz nach einundzwanzig Uhr. Während Thomas gerade seiner Freundin Kerstin einen Brief schreibt, fasse ich die Erlebnisse des Tages in Stichworten zusammen. Schon lange ist die Sonne hinterm Horizont versunken, und noch immer peitscht der Sandsturm durch die mondhelle Nacht. Die Polizisten haben ihre Betten zusammengeschoben, hocken im Schneidersitz darauf und spielen, von lautstarken Kommentaren begleitet, Karten.

    Al-Buraq, Syrien, 2002
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Eine Radreise voller Gegensätze"