Genzenlose Weite

   Allmählich, kaum merklich, verblasst das grelle Licht der Nachmittagssonne. Der Schattenfall meines Fahrrades kippt mehr und mehr seitlich, verzerrt, wobei sich seine einst scharfkantigen Linien langsam mit dem grauen Asphalt vermischen, schließlich mit ihm eins werden. Der Abend zieht auf.

   Zu dieser Jahreszeit, dem australischen Winter, taucht die Sonne bereits gegen achtzehn Uhr hinter der Horizontlinie ab. Bis zu dieser erstreckt sich um mich herum die endlose Weite, das einsame, fast menschenleere Outback. Eine Leere, oftmals nur gespikt durch wenige Büsche und Steine.  

   Das heute Früh zuletzt passierte Roadhouse liegt nun mehr als einhundertzwanzig Kilometer hinter mir. Und das Kommende in etwa der gleichen Entfernung voraus. Zwischen diesen beiden Oasen gibt’s kaum Abwechslungsreiches. Außer Steinen, Staub und einigen Kängurus, die, sobald sie meine Witterung aufnahmen, scheu von der Straße weghoppelten. Vor allem aber gibt‘s keinen Tropfen Wasser.

   Nicht nur die zarten Lichtveränderungen am Himmel, die ineinander verschmelzenden Blautöne, die allmählich in gelbrötliche Schattierungen wechseln kündigen das Ende des Tages an. Ebenso meine müden Radlerbeine und das einsam daliegende Asphaltband des Stuart Highways. Es ist mehr als eine Stunde her, als mir das letzte Fahrzeug – das Vierte am heutigen Tage überhaupt – begegnete. Und es soll auch das letzte Fahrzeug bis zum kommenden Morgen gewesen sein.

   In dieser verlassenen, wasserlosen, ja fast schon menschenfeindlichen Gegend einen geeigneten Zeltplatz zu finden, ist für einen ungeübten Buschcamper aus dem kompakten Deutschland nicht leicht. Was stand noch gleich im australischen Reiseführer: bloß nicht in ausgetrockneten Bach- oder Flussläufen campieren. Auch nicht in den so genannten Floodways. Heftige Regenfälle, selbst in weit entfernten Landesgegenden, können binnen kurzer Zeit die geglaubte Schutzmulde in einen reißenden Strom verwandeln, der alles, was auf seinem Weg liegt, mit fortschwemmt.

   Auf der Suche nach einem, von der Straße aus sichtgeschützten Zeltplatz, schweift mein Blick über die tellerflache Ebene. Dicht gruppiertes Buschwerk oder schlecht von der Straße einzusehende Erdsenken gilt meine Aufmerksamkeit, um vor eventuellen Blicken geschützt, mein Nachtlager aufzuschlagen. Zudem sollte der Untergrund nach Möglichkeit eben, ohne spitze Steine, Dornen- und Ameisenfrei sein.

   Die Zeit drängt. Der mittlerweile dunkelrote Sonnenball gibt mir die noch verbleibende Zeit bis zur Dunkelheit vor. Noch etwa eine Stunde. Ein Stück weit voraus erheben sich, unweit der Straße, einige sanfte Hügel, auf dessen abgeflachten Kuppen dicht gruppiertes Buschwerk thront. Mein Nachtplatz.

   Prüfend fährt mein Blick in beide Richtungen den Highway entlang, ob sich nicht doch noch ein Fahrzeug nähert, dessen Fahrer ich nicht unbedingt mein Versteck verraten möchte. Niemand ist in Sicht.

  •    Ab der Straße, versinkt durch das Gewicht des Gepäcks die Radreifen zentimetertief in dem weichen, feinkörnigen Sand. Mühevoll zerre ich das Rad mit dem angehängten Bob zu einer der Kuppen hinauf. Meter um Meter. Ausgedörrtes Gras und Geäst knistern wie aufloderndes Strohfeuer unter meinen Schuhen. Leider bemerke ich die spitzen Dornen erst, als sie sich in meine Schuhsohlen und Bobs Hinterrädchen gebohrt haben, ihm so den ersten Plattfuß bescheren. Hingegen halten die beiden Kevlar verstärkten Reifen des Fahrrades dem pieksenden Angriff stand. Fürs Flicken bleibt heute keine Zeit.

       Mit wenigen Handgriffen sind die Aluminiumstängchen des Zeltes zusammengesteckt, alle Heringe in den sandigen Untergrund gedrückt. Meine bescheidene Behausung steht. Ebenso fix ist die Matratze aufgeblasen, der Schlafsack ausgerollt und mit den nötigen Nachtutensilien aus den Gepäcktaschen das Schlafgemach wohnlich eingerichtet.

       Und während sich der Himmel von Orangegelb-, allmählich übergehend in Blutrot- und Lilatönen färbt, durch dessen Vorhang zarte Schleierwolken ziehen, krame ich in Bobs Verpflegungstasche nach dem heutigen Candle-Light-Dinner. Ohne Campingtisch und Klappstuhl unterwegs, lernt man schnell die elementaren Dinge des Alltags und den heimatlichen Luxus einer Einbauküche zu schätzen. Was bedeutet, dass ich meine Mahlzeiten in mehr oder weniger unnormaler Körperhaltung einnehmen muss. 

       Zur Auswahl stehen am heutigen Abend, entweder bunt verpackte Tütensuppen unterschiedlichster Geschmacksrichtungen, Spiralnudeln gemischt mit Kidneybohnen oder aber Toastbrot mit Marmelade und Peanutsbutter. Letztgenanntes ist übrigens eine beliebte Delikatesse der Australier.

       Da Radreisen durchs Outback nicht gerade viel Stauraum für einen verwöhnten Gaumen bietet und weil mir die schnell voranschreitende Abenddämmerung die noch verbleibende Zeit bis zur Dunkelheit vorgibt, entscheide ich mich für ein dünnes Nudelsüppchen à la Nasi Goreng Geschmack. Und während die cross gewundenen Nüdelchen bereits im kochenden Wasser auf dem Benzinkocher weich werden, ich das Nasi Goreng Pülverchen aus dem eingeschweißten Tütchen hineinrieseln lasse und unterrühre, begeben sich meine nach geschmacklicher Veränderung sehnenden Gedanken auf eine Reise zurück zu den Garküchen Asiens mit ihren phantastischen Essensangeboten.

       Nach dem spartanischen, aber immerhin sättigenden Abendessen bleiben mir für Abwasch, Zähne putzen und Körperpflege jeglicher Art, knallhart kalkulierte zwei Liter Mineralwasser. Zwei Liter, und nicht mehr. Demnach bleiben noch insgesamt sechs Liter übrig für die Nacht, das Frühstück und den rund hundert Kilometern bis zum nächsten Roadhouse, bis zum nächsten Wasser.

       Mit dem Rad unterwegs im Outback, ohne Stromaggregat, ohne Gaslampe, ohne starke Taschenlampe, bestimmt, wie schon bei den steinzeitlichen Höhlenmenschen, der Lauf der Sonne den Tages- und Nachtablauf. Während die Dunkelheit von Augenblick zu Augenblick mehr über die Abenddämmerung siegt, treten stecknadelkopfkleine Sterne daraus hervor. Hunderte, tausende, unendlich viele. Als fadenscheiniger Nebel, zieht die Milchstraße quer über den Nachthimmel. Bis auf das Knistern meines bescheidenen Lagerfeuers und dem leichten Wind, der zart an der sich aufblähenden Zelthülle zupft, ist es totenstill. Eine Stille, die jedoch keinesfalls bedrückend oder gar ängstlich wirkt. Sondern eine Stille, bei der das Wort Nachtruhe seine volle Geltung entfaltet. Eine friedvolle Stimmung liegt über dem Land. Als hätte der Himmel die Erde still geküsst. Die glückliche Einsamkeit des Alleinreisenden umarmt mich. Bilderbuchromantik –, die man eigentlich in trauter Zweisamkeit genießen sollte. Stattdessen hocke ich hier, in den Händen einen warmen Emailbecher, aus dem der Kaffeeduft qualmend aufsteigt. Und neben mir einem taubstummen Fahrradanhänger namens Bob!

       Merklich rasch fällt nach Sonnenuntergang die Quecksilbersäule. Fünfundzwanzig Grad Temperaturunterschied gegenüber dem Tag, bescheren Nachttemperaturen im Zelt von lausigen plus drei bis vier Grad Celsius.

    Noch während mein vom Zivilisationsleben verweichlichtes Menschenfleisch in den flauschig wärmenden Schlafsack hineinkrabbelt, hoffe ich ernsthaft, dass der eben getrunkene Kaffee mir möglichst in der Nachtmitte, heftig auf die Blase drückt. Denn dann …

       … mitten in der Nacht, im Halbschlaf und mit schweren Auglidern, winde ich mich aus dem Schlafsack, tastend nach dem Zeltreißverschluss. Ziehe ihn auf, stecke den auf Schlaf eingestellten Kopf in die kühle Nacht, einen langen Augenblick gebannt innehaltend. Lediglich in Shorts gekleidet, tapse ich der Kälte strotzend hinaus, in die überwältigende Nacht. Schier grenzenlos spannt sich von Horizont zu Horizont ein grenzenloser, phantastischer Sternenhimmel, – ein Himmelszelt von solch gigantischen Ausmaßen und kontrastreicher Klarheit, dass er mich fast schon durch seine Schönheit erdrückt. Gänsehautmomente. Von dort, wo Wüste und Himmel miteinander verschmelzen, beginnt die Sternenpracht, bis hinauf, über meinem Kopfe. Rundum, dreihundertsechzig Grad! Wie unter einer Käseglocke gefangen, stehe ich unbewegt da, gespannt, gebannt, blicke mich ehrfürchtig um. Während über mir das Kreuz des Südens wacht.

    Unterwegs vom Stuart Highway zum Oodnadatta Track,
    im australischen Outback, 2003
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Eine Radreise voller Gegensätze"