Irren ist menschlich

   Alleine die Tatsache, dass die schwedische Hauptstadt 1998 von der Europäischen Union zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, macht deutlich, wie viel Stockholm seinen Besuchern zu bieten hat. Dummerweise stand mir aber nur ein halber Tag zur freien Verfügung. Ich musste Prioritäten setzen. Was nicht ganz einfach war.

   Wie ich Ihnen bereits erzählt habe, entschloss ich mich dafür, mir (neben den hübschen Menschen) die Gambla stan, die Altstadt anzusehen. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass ich das Vasa-Museum bis zu meinem nächsten Stockholm-Besuch aufschieben musste. Leider.

   Nicht alleine durch die Tatsache, dass es sich bei diesem um ein weltberühmtes Museum handelt, wurde mein Interesse geweckt. Vor allem reizte es mich, weil dieses Museum eine spannende Geschichte erzählt, die in der Hauptsache von einem der größten Missgeschicke Schwedens berichtet und weil es auf tragische Weise deutlich macht, dass es vom Erfolg bis zum Scheitern manchmal nur, Zack, ein Augenblick ist. Vor allem aber zeigt sie – und das ist das Aufregendste – wie sich eine nationale Niederlage zum (Welt-)Erfolg umwandeln lässt. Und gerade das macht dieses Museum so ungemein sympathisch, weil seine Geschichte wie so vieles im Leben verläuft: Am Anfang stand eine große Idee. Schnell folgte deren Umsetzung. Dann der große Augenblick. Doch das Vorhaben scheiterte. Der Misserfolg musste verarbeitet werden. Viele, viele Jahre später dann, endlich, eine neue Idee ... die nicht wie Phönix aus der Asche, sondern (in diesem Fall) wie Neptun aus dem Wasser stieg.

   »Niemals aufgeben«, lautete mein persönliche Überschrift von der Geschichte des Vasa-Museums, die im Jahre 1625 ihren Anfang nahm ...

   Damals kam dem schwedischen König Gustav II. Adolf die kühne Idee, das größte und stärkste Kriegsschiff der schwedischen Marine zu bauen. So weit so gut. Nachdem mehr als 1000 Eichen als Baumaterial gefällt waren, wurde unter der Leitung des niederländischen Schiffsbauers Henrik Hybertsson im Hafen von Stockholm mit dem Bau der Vasa begonnen. Insgesamt werkelten 400 Mann an dem Projekt: Zimmermänner, Bauschreiner, Bildhauer, Maler, Glaser, Segelmacher, Schmiede und zahlreiche andere Handwerker.

   Nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit maß das 1200 Tonnen schwere Schiff vom Masttopp bis zum Kiel 52 Meter, vom Bug bis zum Heck 69 Meter und besaß drei Masten, die Platz für zehn Segel boten. Der einzige (Enter-)Haken war, dass der König unbedingt eine ungewöhnlich hohe Anzahl Kanonen an Bord haben wollte, um seinen verfeindeten Bruder in Polen zu beschießen (weil dieser katholisch war). Vierundsechzig Kanonen sollten es sein – so viele, wie kein anderes Schiff der schwedischen Krone. Und dass, obwohl man im 17. Jahrhundert lediglich auf so genannte Abmessungstabellen zurückgreifen konnte, die sich in der Vergangenheit bewährt hatten. Das einzige was man mit Sicherheit wusste: Die Konstrukteure waren mit ihrer Aufgabe überfordert, mussten aber – vielleicht kommt Ihnen diese Stelle bekannt vor – auf Drängen ihres Chefs eine Lösung finden. Kurzfristig wurden die Pläne so Pi mal Daumen geändert und die Vasa mit einem hohen Aufbau und zwei eingeschlossenen Kanonendecks versehen. Um Oberlast zu vermeiden und das Schiff später stabil im Wasser zu halten, wurde der Kiel mit Ballaststeinen gefüllt. Wie viele ausreichen würden, wusste niemand.

  •    Nachdem der letzte Handschlag getan und die Putzkolonne Grundreinigung gehalten hatte, war die Vasa eines der mächtigsten und auch prächtigsten Schiffe, die je gebaut wurden.

       Am 10. August des Jahres 1628 war der große Augenblick gekommen. Alle Vorbereitungen für den Stapellauf waren getroffen. Das bis dato größte Ereignis in Schwedens Geschichte konnte stattfinden. Alles schien perfekt. Die Sonne strahlte mit dem König um die Wette, die uniformierten Admiräle blähten stolz ihre Brust, während sich die Schiffskonstrukteure auffallend bedächtig zurückhielten. Und während das Volk Fähnchen schwenkend jubelte, schleuderte die lächelnde Königin eine Sektflasche gegen den Bug der wahr gewordenen Idee ihres überglücklichen Gatten und taufte sie, entsprechend ihres Adelsgeschlechts, auf den Namen Vasa. Die Luft war angereichert mit Seefahrerstolz. Der Atem der Geschichte duftete nach Freiheit und Gischt. Und während die Blaskapelle einen Tusch spielte und der Seemannschor sang, wurden auf einen Wink vom König die letzten Halteleinen gekappt – worauf, von Salutschüssen begleitet, das gewaltige, hoch aufragende Schiff von seinem Trockendock aus rumpelnd über quer liegende Baumstämme in die Fluten schoss. Mit enormem Schwung glitt die schwimmende Festung durch den Hafen (bis sie quasi »ausrollte«). Und in dem Moment als der Kapitän den Befehl gab: »Männer, in die Trossen. Hisst die Segel!«, kippte das verdammte Ding einfach um! Wassermassen schossen durch die geöffneten Kanonenklappen. Die Vasa begann zu sinken –! Wir können wohl stark davon ausgehen, dass dieser Moment wohl bis dato einer der größten, wenn nicht sogar der Größte in der Seefahrtgeschichte war, bei dem man in die meisten verdutzten Gesichter und in genauso viele offene Münder blicken konnte, wobei in den hinteren Reihen so geistreiche Bemerkungen fielen wie: »Ha!, ich hab’s von vornherein gewusst, dass konnte nicht klappen. Aber auf mich hat ja mal wieder niemand gehört. Wenn ich zu sagen gehabt hätte, dann ... bla, bla, bla«.

       Nach noch nicht einmal einer Seemeile war die Jungfernfahrt der Vasa – die gleichzeitig auch ihre letzte Fahrt war – zu Ende. Tausende Zeitzeugen standen am Pier und starrten apathisch auf die Vasa, wie sie die blubbernde See in sich hineinsaugte und sich schließlich das nasse Grab im Hafen von Stockholm schloss.

       Der Erste, der auf den Schock reagieren konnte, war der König. In einem heftigen Tobsuchtsanfall stampfte er mit hochrotem Kopf und mit einer Halsschlagader so dick wie ein Gartenschlauch, mit beiden Beinen auf dem Steg herum, wobei er cholerisch nach den Schuldigen, nach den Admirälen, den Schiffskonstrukteuren – nach quasi allen am Bau Beteiligten schrie. Diese jedoch ignorierten seine Schreie, schauten sich nur kurz an, räusperten sich, hoben unschuldig die Schultern und gingen ein Liedchen pfeifend nach Hause. Warum auch nicht: Irren ist schließlich menschlich. Oder steckte vielleicht eine bewusste Cleverness dahinter?

       Nachdem man in den folgenden Jahren mehrfach vergeblich versucht hatte, dass Schiff zu bergen entschied man sich für die einfachste Lösung des Problems: Man ignorierte es. (Was in dem Fall nicht allzu schwer gewesen sein konnte.) Aus den Augen aus dem Sinn.

       Die folgenden dreihundert Jahre geschah so gut wie nichts. Die Zeit musste die tiefe Wunde, die Schmach eines im Stolz gekränkten Volkes, heilen. Und die Zeit musste einen Menschen hervorbringen, der den Mut aufbringen würde, den versunkenen Nationalstolz mit einer neuen Idee wieder emporsteigen zu lassen, um diesen so zu neuem, wenn auch verspätetem Ruhm zu führen.

       Anders Franzén ist der Name des Helden, den von Kindheit an die Wrackteile unweit seines Stockholmer Elternhauses faszinierten. Mit den Jahren wurde dem privaten Wrackforscher mehr und mehr die große Bedeutung der Tatsache bewusst, dass der Schiffsbohrwurm (Teredo navalis), der gewöhnlich Holzwracks in Salzgewässern auffrisst, sich nicht im Brackwasser der Ostsee, also nicht um Stockholm, aufhält. Anfang der 1950er Jahre machte er sich auf die Suche nach der Vasa. Und tatsächlich, 1956 fand er das Wrack, dass fünf Jahre später, am 24. April 1961 aus dem Wasser gezogen wurde. Und mit ihm noch 14.000 lose Holzobjekte. Die Konservierung und das gigantische Puzzlespiel der Restaurierung des schwimmenden Palastes konnte beginnen.

       Neununddreißig weitere Jahre sollten vergehen, bis dass 1990 König Carl XVI. Gustav erstmals die Vasa wieder der Öffentlichkeit präsentierte. Das Flaggschiff der schwedischen Krone – das ungewollt zur Zeitmaschine wurde – hatte seinen Platz im eigens gebauten Museum gefunden. Und allen, die daran gearbeitet hatten, wurde plötzlich klar: Der Untergang der Vasa glich einem Einfrieren der Zeit: Was 1961 geborgen wurde und nunmehr von jedermann besichtigt werden kann, ist ein unberührtes Überbleibsel aus dem 17. Jahrhundert. Jedes geborgene Detail ist ein Zeugnis der Vergangenheit: Die Skelette und die persönlichen Gegenstände der Besatzungsmitglieder ebenso wie das Schiff und seine Ausstattung, das mit 95% erhaltener Originalteile, Verzierungen und hunderten von geschnitzten Skulpturen ein einzigartiger Kunstschatz darstellt.

       Denkt man Mal in einer stillen Minute über die ganze Geschichte nach – kurios ist sie schon. Damals, als sich herumgesprochen hatte, was im Hafen von Stockholm geschehen ist, lachte die Seefahrerwelt über die sich schämenden Schweden. Inzwischen ist das Lachen verstummt, und Schweden blickt mit Stolz und die Seefahrerwelt mit Neid auf die Vasa, weil es das einzige erhaltene Segelschiff aus dem 17. Jahrhundert ist. Was sie mit Sicherheit nicht wäre, wenn sie mit ihren 64 Kanonen auf ihren Reisen über die Meere für Unheil gesorgt hätte. So nun kommt die Welt gerne und in Frieden zu ihr – ins meist besuchte Museum Skandinaviens. Bei allem Respekt vor den Opfern sei mir gestattet zu sagen: Ein Hoch auf die (cleveren) Konstrukteure, die offensichtlich weit ihrer Zeit voraus dachten.

       Oh, verzeihen Sie mir bitte, wenn sich die Geschichte im Detail nicht ganz so zugetragen haben sollte. Aber Sie wissen ja, leider war ich noch nicht im Museum und irren ist menschlich.

    Stockholm, Schweden im November 2007
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schrauben, Spesen und Chinesen"