»Take me home, country roads ...«

   Dass Asiaten ihrer Natur nach hervorragende und überaus aufmerksame Gastgeber sind, ist allgemein bekannt. Und wen es einmal in diesen Teil der Welt verschlagen sollte, wird dies auch unverzüglich am eigenen Leib zu spüren bekommen.

   Um dem Gast – sei es dem Geschäftsreisenden oder dem Besucher – die Zeit seines Aufenthaltes im fremden Land so angenehm wie nur möglich zu machen, wird von der ersten Minute des Treffens an selbst auf seine kleinsten Bewegungen und Eigenheiten geachtet (natürlich in erster Linie mit dem Hintergedanken, die eigenen Ziele – mittels fremder Hilfe – effizient zu erreichen). Es wird sozusagen ein persönlicher Verhaltensfingerabdruck des Gastes erstellt und gespeichert: Wie verhält er sich? Wie reagiert er auf dieses oder jenes? Welche Vorlieben pflegt er, was isst er besonders gerne und was mag er weniger?

   Es dauerte eine Weile, bis mir die auf meine Person zugeschnittene Fürsorge auffiel. Während meines ersten beruflichen Aufenthaltes in China fragte mich Raymond, der Juniorchef des Chemieunternehmens, für das ich arbeitete, in einem lockeren Gespräch, welche Musikrichtung ich bevorzugen würde. Da wir gerade mit dem Auto durch die Lande brausten, die am Fenster vorbeiziehenden Bilder mich im Unterbewusstsein an meine zurückliegende Fahrradreise erinnerten und an den Song, den ich ab und an beim Radeln gesungen hatte, sagte ich: John Denvers „Take me home, country roads“ höre ich gerade auf Reisen ab und an ganz gern«. Doch wenn ich bloß geahnt hätte ...!

   Die Tage meines Aufenthaltes in China vergingen rasch. Doch bereits nach wenigen Wochen kehrte ich zu demselben Kunden zurück.

    Der Ausgang Nummer zehn am Ankunftsterminal des Shanghai Pudong Airports war als Treffpunkt vereinbart. Der gleiche Fahrer, der mich schon bei meinem ersten Besuch abgeholt hatte, wartete bereits. Wir luden mein Gepäck in den Kofferraum und stiegen ins Auto. Und just in dem Moment, als er den Schlüssel im Zündschloss drehte und mit dem Motor auch das CD-Radio ansprang, erklangen die unverwechselbaren Gitarrenklänge, zu denen die Stimme John Denvers einsetzte:

   »Almost heaven, West Virginia
   Take me home, country roads,
   to the place, I belong ...«.

   Ich war entzückt, ja beinahe zu Tränen gerührt. Zumindest für den Moment. Ob nun vom Flughafen zum Hotel, vom Hotel zur Arbeit, von der Arbeit in die Stadt oder wieder zurück zum Hotel – der Fahrer fuhr und John Denver begleitete uns, sobald ich ins Auto stieg. »Ist das nicht reizend und überaus zuvorkommend«, mögen Sie in Anbetracht solch penibler Aufmerksamkeit vielleicht denken. Gewiss! Zumal es nach zwei, drei Tagen erst richtig begann, »reizend« zu werden.

  •    Denn ab dem vierten John-Denver-Marathon-Tag hatte sich der Song nicht nur bei mir, sondern auch bei dem Fahrer als Ohrwurm eingenistet. Anfangs versuchte er lediglich der Melodie des Songs zu folgen, indem er dazu summte. Doch bereits zwei Tage später stimmte der Fahrer in den Liedtext mit ein: »Kantlii looads, Take mee holm ...«.

       Nach zwei weiteren Tagen und gefühlsmäßig schier endlos lang dauernden Fahrten in den Fängen eines chinesischen John-Denver-Verschnitts, dessen fürchterlichen Gesangsversuche zu meinem Pech ohne jeglichen Fortschritt blieben, glaubte der »Künstler«, den Text recht gut draufzuhaben. Denn während er sang, warf er immer wieder mal einen schnellen Blick zu mir hinüber auf den Beifahrersitz. Wahrscheinlich um abzuschätzen, was der Fremde aus dem Westen von dieser Nummer hielt. Dabei lächelte er mich zufrieden an und wiegte seinen Kopf im Liedtakt wie eine Mutter hin und her, die ihrem Baby das Liedchen »La, le, lu, nur der Mann im Mond schaut zu ...« vorsummt.

       Um »China-John« auf seinem musikalischen Höhenflug nicht zu entmutigen und mit dem Wissen, dass auch diese Fahrt zur Arbeit in spätestens fünfundzwanzig Minuten überstanden sein würde, erwiderte ich sein sanftmütiges Lächeln. (Was ich, im Nachhinein betrachtet, besser nicht getan hätte.) Gemeinsam mit ihm wiegte ich wohlwollend einige Male sanft meinen Kopf im Takt der Musik und seines fürchterlichen Gesangs hin und her, bevor ich wieder stur geradeaus auf die Straße schaute. Offenbar fühlte sich dadurch mein Peiniger derart in seiner Kunst bestätigt, dass er mir zum Dank eine noch lautere Zugabe schmetterte - »Kantlii looads, Take mee holm ...«.

       Darauf, dass ein Bandsalat das Martyrium vorzeitig beenden würde, konnte ich im CD-Zeitalter leider nicht hoffen. Zwar setzte die Musik jedes Mal für einige Augenblicke aus, wenn der Wagen durch ein Schlagloch bretterte, jedoch fanden John Denver und leider auch mein Fahrer immer wieder den Einsatz: »Schlaglöcher gibt’s in China zwar in Hülle und Fülle, jedoch nicht genug, um die verdammte CD aus dem Wechsler zu schleudern«, ging’s mir durch den Kopf, während ich mich meinem Schicksal weiter ergab ...

       Als nächstes versuchte ich es mit Telepathie. Konzentriert fixierte ich die Motorhaube und wünschte mir dabei ganz fest, dass doch bitte weißer Qualm darunter hervorkriechen möge und wir wegen eines defekten Kühlers nicht weiterfahren könnten. Zwar lägen dann noch knapp zehn Kilometer Fußmarsch vor uns – aber was tut man nicht alles für seinen Seelenfrieden.

       Da leider auch der Motor meinem Wunsch nach Erlösung nicht nachkommen wollte, suchte ich nach einer praktikableren Lösung. Vielleicht sollte ich dieses Gedudel einfach mit der Brechstange beenden. Von jetzt auf gleich. Ohne Rücksicht würde ich dem Fahrer durch eine unmissverständliche Gestik zu verstehen geben, dass einem von zu viel Fürsorge kotzübel wird. Doch das würde ihn vielleicht kränken. Und außerdem hätte ich damit meinem eigenen Wunsch, John Denver zu hören, widersprochen, wodurch im schlimmsten Fall meine Glaubhaftigkeit angezweifelt worden wäre. Sie mögen nun denken das sei kleinkariert, aber genau so denken Asiaten.

       Wäre John Denver nicht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, würde er wahrscheinlich freiwillig herausspringen, um der Qual zu entkommen, zweimal täglich die chinesische Coverversion seines berühmten Songs gnadenlos auf die Ohren zu bekommen. Springen! Natürlich, das ist die Lösung. Einfach Tür auf und raus ... Soll der Fahrer doch sehen, wie er seinem Chef klarmacht, warum ihm sein Fahrgast auf offener Landstraße abhandengekommen ist!

       Nach rund vier Minuten war der Spuk vorbei und die letzten Gitarrenklänge verstummt. Doch zu meinem Pech glaubten meine asiatischen Freunde offensichtlich, mit John Denver meiner favorisierten Musikrichtung auf die Spur gekommen zu sein. Denn was folgte, waren musikalische Sehnsuchtsmelodie-Knaller wie »Five hundred miles away from home«, »California Blue« und »If you’re going to San Francisco«. Zum Glück ist unser Heino in China weitestgehend unbekannt. Denn sonst wäre ich höchstwahrscheinlich nicht mit einem VW Passat, sondern »Hoch auf dem gelben Wagen« durch die »Hohen Tannen« und mit einem »La Montanara« pfeifendem Chinesen Tag für Tag zur Arbeit gefahren.


    Kunshan, China, im Juli 2005
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schrauben, Spesen und Chinesen"