»Über den Wolken …

   … muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …«,

sang Reinhard Mey Mitte der siebziger Jahre. So beflügelnd die erste Refrainzeile seines bekannten Fliegerliedes von grenzenloser Freiheit über den Wolken auch klingen mag, so kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihm diese Gedanken während eines Langstreckenfluges kamen, bei dem er eingepfercht in einem Sitz der Economy-Class ausharrte. Denn schon in der nächsten Zeile behauptet er über den Trip in die Wolken:

   »… alle Ängste alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen …«.

   Was sicherlich so sein mag, wenn man denn seine Beine der Länge nach ausstrecken kann – und wo demzufolge in der Economy-Class die Sorgen erst anfangen!

   Beim letzten Drittel des Refrains landen meine Gedanken unweigerlich bei meinem Chef, der seinen Teil dazu beigetragen haben könnte: Denn dort oben über den Wolken …

   » … würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein«.  

   Was im Klartext bedeutet: Wir alle müssen (noch) enger zusammenrücken! Da mein Chef ein Mann der Tat ist, der sich nicht nur verbal dem Lieblingsmotto des einundzwanzigsten Jahrhunderts verschrieben hat, begann er gleich damit, dieses in die Tat umzusetzen. Und das wortwörtlich. Was für mich und alle anderen im Außendienst arbeitenden Kollegen bedeutet, dass wir auf allen Flügen, egal ob Lang- oder Kurzstrecke, erst hinter dem eisernen Vorhang der Business-Class auf den billigen Plätzen der Economy-Class Platz nehmen dürfen: » … aufgrund der finanziell angespannten Zeit, zum wirtschaftlichen Wohle unserer Firma«, so mein Chef. Was unter dem Aspekt »Arbeitsplatzsichernde Maßnahmen« auch einleuchtend und völlig okay ist.

    Doch andererseits – wenn ich unsere neue Zwangslage mit den Geschäftsstrategien der Lufthansa vergleiche: Diese lässt, indem sie den Sitzabstand auf ein Minimum verringerte, ihre Kunden und nicht (wie mein Chef) seine Mitarbeiter enger zusammen rücken, damit die Flüge besser ausgelastet und demnach das Unternehmen profitabler arbeitet. Anders hingegen bei uns: Zum Wohle unserer Kunden müssen wir Mitarbeiter – und nicht der Kunde (!) – enger zusammenrücken. Ich sollte vielleicht bei Gelegenheit meinen Chef mal darauf hinweisen.

   In seiner letzten Strophe besingt Reinhard Mey jemanden, der in einer Luftaufsichtsbaracke Kaffee kocht, von in Pfützen schwimmendem Benzin, »schillernd wie ein Regenbogen«, und lässt sie mit den Worten ausklingen:

» … Wolken spiegeln sich darin, ich wäre gerne mitgeflogen«.

   Eines ist sicher: Wäre Reinhard Mey in der Economy-Class mitgeflogen, hätten ihn andere Sorgen geplagt, als ein Lied von grenzenloser Freiheit über den Wolken zu dichten. Wohl eher eine Ballade mit dem Titel »I’am living in a box« oder »I will survive«, die sinngemäß von eingepferchten Ölsardinen handelt, die trotz nahezu aussichtsloser Lage noch ums Überleben kämpfen«.

  •    Um eine Vorstellung davon zu bekommen, auf welches Maß die Freiheit über den Wolken zusammenschrumpft, bin ich mit einem Zollstock durch die Sitzreihen eines Langstreckenflugzeuges vom Typ Boing 747-400 geschlichen: Angefangen im hintersten Teil, in der von manchen ketzerisch genannten „Holzklasse“. All jene, die sich in der Economy-Class auf eine Reise über den Wolken begeben wollen, sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie diese auf einem 47,5 Zentimeter breiten Sitz bewältigen müssen. Was eigentlich ganz okay wäre, wenn nicht schon 79,2 Zentimeter vor einem der nächste Himmelsstürmer kauert, der bei einem maximalen Neigungswinkel seiner Rückenlehne von 23° einem gefährlich nahe kommen kann.

       Als ausgesprochene Glückspilze können sich all jene bezeichnen, denen es gelang, einen der sehr begehrten Notausgangsitzplätze zu ergattern. Der Haken dabei ist, dass die Freifläche vor den Sitzen von anderen Passagieren gern als Treffpunkt belagert wird. Entweder, um dort die verspannten Glieder zu strecken, oder aber um mit den aus allen Ecken des Flugzeuges zusammengetrommelten Familienmitgliedern ein ausgedehntes Schwätzchen zu halten. Wogegen im Grunde ja nichts einzuwenden wäre. Dummerweise sind jedoch im Notausgangbereich die Bildschirme für das Bord-Unterhaltungsprogramm auf der den Sitzen gegenüberliegenden Trennwand angebracht. Und ausgerechnet wenn’s so richtig spannend ist, kommt ein halbes Dutzend Mitglieder eines sizilianischen Familienclans, nehmen den Platz zwischen Sitz und Bildschirm in Beschlag, schnattern pausenlos durcheinander, wobei wild mit Händen und Füßen gestikuliert wird, als sei Palermo soeben italienischer Fußballmeister geworden. Ein anderes Mal kommt ein schlaksiger Mann in einer leeren Jeanshose, ausgeleiertem Strickpullover und mit zu allen Seiten hin abstehenden Haaren, stellt sich mit seiner an ein Fragezeichen erinnernden Figur vor den Bildschirm, starrt gedankenverloren durch die Sitzreihen, wozu er seine Hände tief in beide Hosentaschen vergräbt, wo sie alsgleich beginnen, heftigst an der Stelle zu wurschteln, die das Auge des Gesetztes dem Paragraphen »Erregung öffentlicher Ärgernisse« zuordnet.

       Doch schnell zurück zu unserer Zollstocktour durch die Sitzreihen: Passagieren mit einem breiteren Hinterteil als 47,5 Zentimeter, einem Gefühl von Platzangst, wenn sich die Rückenlehne des Vordermannes wie ein Sargdeckel nähert, oder mit einem großzügigeren Chef empfiehlt sich die Business-Class: Sitzbreite 58 Zentimeter, wobei der Vordermann auf einer im Winkel von 45° geneigten Rückenlehne ganze 122 Zentimeter weit von einem entfernt liegt. Na, wenn das keine himmlischen Aussichten sind! 

       Und nun zur Königsklasse der Himmelsstürmer, der First-Class, wo einem eine Beinfreiheit von verschwenderischen 228 Zentimeter gestattet wird, und einer mittels Elektroantrieb bis in die Horizontale fahrenden Sitz-Liegefläche, auf der man wie auf Wolke Sieben seinem Flugziel entgegenschwebt und vor lauter Behaglichkeit davon träumt, hoffentlich nie dort anzukommen.

       Mittlerweile war Stille im Abteil von uns Economen eingekehrt. Das Tablett mit den Überbleibseln vom Abendessen mit den leeren Schälchen und zusammengeknüllten Cellophanpapierchen wurde abgeräumt, der Unterhaltungsfilm war schon seit geraumer Zeit zu Ende und auf den Monitoren wechselten stupide die aktuellen Flugdaten mit der Flugroute. Draußen herrschte stockdunkle Nacht: Irgendwo über Russland zwischen Moskau und Ulan Bator, in zehntausend Metern Höhe, auf dem Weg nach Manila

       Wie vereinzelte Sterne leuchtete über einigen wenigen Sitzen noch der Schein der Leselampen. Auch ich hatte meine wieder angeknipst, denn bis auf meine eingeschlafenen Beine und meinen steifem Nacken waren all meine anderen Körperteile noch hellwach. Und während ich so in meinem Sitz ausharrte, wobei die zurückgeklappte Rückenlehne meines Vordermannes gegen meine Kniescheiben drückte, sein Hinterkopf fast auf meiner Nase lag und mein schnarchend grunzender Sitznachbar unsere gemeinsame Armlehne für sich alleine beanspruchte, kam mir für einen kurzen Augenblick mein Chef in Gestalt eines (kleinen) Teufels in den Sinn: Kämpferisch ballte er beide Fäuste, wobei er mich mit zusammengebissenen Zähnen anfeuerte: »Durchhalten Junge! Kämpfe, quäle dich, zum Wohle unseres Kunden!«

       Da ich die einzigen, uneingeschränkten Bewegungen mit meinen Augen und Händen machen konnte, suchte ich Kurzweil im Lufthansa Bordmagazin. Was gar nicht mal so einfach war. Denn durch die zurückgeklappte Rückenlehne meines Vordermannes musste ich die Zeitschrift ganz dicht vor mein Gesicht schieben – zwischen dem Hinterkopf meines Vordermannes und meiner Nase.  

       Gleich auf der ersten Seite begrüßte mich mit einem smarten Lächeln der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, Herr Wolfgang Mayrhuber, an Bord eines seiner Flugzeuge und hoffte – nein, er setzte sogar voraus! –, dass ich mich pudelwohl fühlte. Und ich wäre beinahe (aber auch nur beinahe) der Versuchung erlegen, ihm zu glauben, dass er den Gruß noch nicht mal zynisch, sondern von Herzen ehrlich meinte: Wie er da auf dem Foto mit offenem Sakko und krawattenlosem Hemdkragen so locker mit einem angewinkelten Arm an ein weißes Mäuerchen gelehnt stand.
    […]

    Über den Wolken, irgendwo zwischen Frankfurt und Manila, im Juni 2006
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schrauben, Spesen und Chinesen"