Eine Seefahrt, die ist lustig …

   Ich bin ja ehrlich: Mein Orientierungssinn ist katastrophal und Navigationsgeräte (m)ein Leben erleichternder Segen. Denn ohne ein solches, hätte der ein oder andere Kunde mit Sicherheit einige Tage länger auf mein Eintreffen warten müssen.

   Ganz gleich, in welcher abgeschiedenen Ecke Europas mein Chef mich bislang mit dem Auto hingeschickt hat – ein kurzer Tipp auf das Symbol mit dem Häuschen auf dem ins Armaturenbrett integrierten Touchscreen Navigationsbildschirm – und ruckizucki berechnet das wundervolle Gerät der Technik auf Wunsch den kürzesten, schnellsten oder schönsten Weg nach Hause. Dann nur noch ein Tipp auf den Start-Button, und eine Dame mit liebreizender Stimme navigiert mich auf den Meter genau bis vor meine Haustüre. Sie macht mich rechtzeitig darauf aufmerksam, wann und wo ich rechts oder links abzubiegen habe oder einfach nur weiter geradeaus fahren muss; im Kreisverkehr verrät sie mir, welche Ausfahrt ich nehmen soll, um nicht radeldoll zu werden; sie leitet mich (meist rechtzeitig) bei Verkehrsstörungen um, und sie zeigt mir freundlicherweise an, wie lange es noch dauert, bis sie mir mitteilen wird: »Sie sind an Ihrem Ziel angekommen«.

   Dennoch: Mein persönlicher Rekord, mich mit eingeschaltetem Navigationsgerät zu verfahren liegt (Sie werden es kaum glauben, aber ich schwöre, dass es stimmt) bei unglaublichen 480 Kilometern! Aufgestellt vor gut eineinhalb Jahren auf einer Fahrt zu einem Kunden in Dänemark. (Na los, fragen Sie ruhig:) »Sag mal Stephan, wie kann man eigentlich nur so dämlich sein?«

   Nun, vor der Abfahrt daheim hatte ich beim Eintippen der Zielstraße dummerweise nicht bemerkt, dass die Dame in meinem Navigationsgerät den Straßennamen nicht der von mir gewünschten Stadt Juelsminde, im Südosten Dänemarks, zuordnete, sondern einer Stadt nahe Ålborg, im Norden –, wohin sie mich auch prompt hinlotste – und ich dadurch mit mehr als fünf Stunden Verspätung beim Kunden eintrudelte.

   Statt mich über meine eigene Doofheit zu ärgern, nutzte ich die Zeit, mal bewusst über unwichtige Dinge nachzudenken –, wie beispielsweise, die Dame in meinem Navigationsgerät wegen ihrer erotischen Stimme auf den Namen Susi zu taufen. Sie erinnern sich sicherlich an die ARD-Flirtshow Herzblatt, bei der eine gewisse Susi Müller am Ende jeder Frage- und Antwortrunde zur leichteren Entscheidungsfindung in Kurzform noch einmal die Antworten der drei Herzblatt-Kandidatinnen zusammenfasste: »So, Hans-Jürgen, wer von den Dreien soll denn nun dein Herzblatt werden? Kandidatin eins, Josefa, die selbst verpflegende Lakto-Vegetarierin, mit eigenem Ökohof; oder Kandidatin zwei, die fromme Klara, bei der du sicher der erste Mann sein wirst; oder aber Kandidatin drei, Olga, die Hammerwerferin, die gerne auch mal etwas härter hinlangt. Tja, lieber Hans-Jürgen, jetzt musst du dich entscheiden«.

  •    Weil ich bei meinen Recherchen herausgefunden habe, dass die »GRUNDY Light Entertainment GmbH« 2006, nach 19 Jahren Laufzeit, ihre Flirtshow abgesetzt hat, hege ich den Verdacht, dass Susi Müller bei einem Hersteller für Navigationsgeräte einen neuen Job gefunden hat und deshalb nun auch zu mir und vielen tausend anderen Autofahrern spricht. Ja, und wie sie das tut! (Als kleiner Tipp, falls sie sich nicht mehr genau erinnern können: Horchen Sie bei Gelegenheit mal bei »www.susi-mueller.de« rein.)

       Denn Susis Stimme vermag es nicht nur mich zum Blinkersetzen, Gasgeben oder Bremsen zu verführen, sondern auch, gerade auf langweiligen Streckenabschnitten, zu sexistischen Phantasien. Vor allem aber mag ich ihren Drang zur Abwechslung. Spätestens wenn ich mich verwundert am Kopf kratzend umschaue und mich frage: »Verflixt, die Gegend hier kommt mir so fremd vor! Bist du wirklich auf derselben Strecke hingefahren?« weiß ich, dass Susi mir wieder einmal beweisen will, dass letztendlich alle Wege nach Rom führen und sie jeden einzelnen kennt.

       Vor einigen Tagen war es wieder mal soweit. Abermals auf der Rückfahrt von einem Kunden in Dänemark. Was ich mit Sicherheit sagen kann, auf der 860 Kilometer langen Hinfahrt bin ich auf gar keinen Fall auf eine Fähre verfrachtet worden, um auf Dänemarks größte Insel Seeland zu gelangen. Ich weiß das so genau, weil Susi mich stattdessen über eine ellenlange Brücke schickte: Über die imposante Storebaeltbrücke. Mit ihren 13 Kilometern die längste Brücke Europas, deren zwei gewaltige Pylone 27 Meter tief ins Meer, und 254 Meter hoch aus dem Wasser ragen, und somit, am Rande bemerkt, Dänemarks höchste Erhebung darstellen. Sie können sich also mein Erstaunen vorstellen, als Susi mir aus heiterem Himmel mitteilte, dass ich in fünf Kilometern eine Fähre (Heh? – Was für eine Fähre?) erreichen würde.

       Zuerst dachte ich, sie wolle mich mit einem Scherz erheitern. Doch schon wenig später musste ich am Ende einer langen Fahrzeugschlange abbremsen, die sich im Schneckentempo auf ein am Kai vertäutes, großes weißes Schiff zu bewegte, unter dessen weit aufgerissener Bugklappe ein Fahrzeug nach dem anderen verschwand. Völlig überrumpelt und ganz aufgeregt von der Tatsache, mich gleich auf eine Schiffsreise begeben zu müssen, folgte ich dichtauf der Stoßstange des mir voraus kriechenden Fahrzeuges …

    … bis zu einem Kassenhäuschen. Durch das offene Fahrerfenster kaufte ich bei einer blonden Dame – Hey! die verblüffende Ähnlichkeit mit der Susi hatte, wie sie mir in meinen sexistischen Phantasien vorschwebt – ein Fährticket. Auf Wunsch druckte sie mir für meine Reisekostenabrechung eine Quittung aus, ich lächelte ihr dankend zu, gab machomäßig bei flitschender Kupplung Vollgas und klemmte mich wieder an die Stoßstange meines Vordermannes. Dann ein metallisches Poltern, »Tongdong – Tongdong«, das aber nicht vom Aufprall auf seine Stoßstange herrührte, sondern von der Blechrampe, über die ich in den Bauch des Schiffes gelangte …

       Dort unten waren ein halbes Dutzend winkender Männer in grellgelbfarbenen Warnwesten und Sprechfunkgeräten damit beschäftigt, alle ankommenden Fahrzeuge so dicht an dicht zu positionieren, als hätten man ihnen zur Aufgabe gemacht, einen vier Kilometer langen Autobahnstau auf zwei Kilometer zusammenzuziehen. Per Lautsprecherdurchsage wurde man dazu aufgefordert, einen kleinen Gang einzulegen, den Motor abzustellen und die Handbremse anzuziehen. Aus Sicherheitsgründen, so die hohl klingende Durchsage weiter, müssten alle Passagiere ihre Fahrzeuge verlassen, weil während der fünfundvierzig Minuten dauernden Überfahrt der Aufenthalt innerhalb der Parkdecks streng verboten sei.

       Neugierig auf das, was mich außerhalb erwarten würde, schnappte ich Notizbuch und Kugelschreiber, stieg aus dem Wagen, schloss ab – und ohne einen weiteren Gedanken und ungeachtet dessen, wo die anderen Passagiere hingingen, flitzte ich los: Trotz des dumpfen Gefühls, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Für lange Überlegungen war schließlich keine Zeit. Und so marschierte ich durch schmale, lange, bullaugenlose Gänge in denen meine Schritte dumpfblechern widerhallten; ich kurbelte an den Verschlussrädern schwerer Metalltüren – Fluttore! – so meine Vermutung – stieß eins nach dem anderen auf, tapste treppauf und treppab und bemerkte an meinem leicht schwankenden Gang, dass das Schiff inzwischen den Hafen verlassen hatte.

       Außer einem philippinischen Koch mit breitem Hackmesser und verängstigten Gesichtszügen, (weil er wohl dachte, ich sei von der Ausländerbehörde), und einem hageren, stoppelbärtigen Mann in ölverschmierter Latzhose und einem großen Schraubenschlüssel in der Hand, begegnete mir keine Menschenseele. Wo waren nur all die anderen Passagiere? Es war gespenstisch. Orientierungslos wie ich ohne meine Susi nun einmal bin, marschierte ich tapfer weiter – nahm mir aber vor, an jeder Treppe, an der ich fortan vorbeikommen würde, eine Etage nach oben zu steigen. Irgendwann müsste ich auf der Kapitänsbrücke, zumindest aber auf einem Deck mit Bullaugen, also oberhalb des Wasserspiegels, auskommen. Mit jedem Stockwerk, das ich höher kam, verstrich mehr und mehr der Geruch von Maschinenöl. Und auch die Türen wurden merklich dünner, nicht mehr so massivmetallisch und auch nicht mehr durch Verschlussräder hermetisch zu verriegeln. Mein Plan schien offensichtlich zu funktionieren.

       Kurz eine Zwischenfrage: Hatten Sie auch schon mal das merkwürdige Gefühl, wenn man nach zwei Stunden Eislaufen die Schlittschuhe auszieht, dass man anschließend eine geraume Zeit denkt, man hätte die Dinger immer noch an den Füßen? So ähnlich ging es mir beim Aufstoßen der letzten Metalltüre, wobei ich noch immer den kräftigeren Schwung, den ich zum Öffnen der klobigen Türen benötigte, in den Armen hatte –. Mit einem ordentlichen Rrrruums polterte ich in die Ebene des Bordservicebereichs. Ich war im Catering Teil gelandet. Dort, wo sich all die anderen Passagiere vergnügt tummelten und von denen mich einige ansahen, als hätte ich einen quakenden Frosch auf dem Kopf sitzen.

       Als ich mich aufgerappelt hatte, entdeckte ich an der gegenüberliegenden Wand die eingerahmte, aus der Vogelperspektive geschossene Fotografie eines großen weißen Schiffes auf offener See. Der Legende nach befand ich mich an Bord der 142 Meter langen FS Schleswig Holstein; einem Fährschiff der Reederei Scandlines, das auf der so genannten »Vogelfluglinie« zwischen Rødby und Puttgarden, also zwischen der dänischen Insel Lolland und der deutschen Insel Fehmarn verkehrt.

       Bei voller Ladekapazität, so die Beschreibung, wäre ich einer von 1040 Passagieren an Bord. Hinzu kamen 40 Besatzungs- und Servicemitarbeiter, 980 Meter Stoßstange an Stoßstange gereihter Pkws, 625 Meter dicht aneinander stehende Lkws und ein kompletter, 118 Meter langer Reisezug. Wenn ich die Ausblicke durch die Panoramascheiben mal unberücksichtigt lasse, dann hätte ich, statt auf einer Fähre, ebenso gut in einem »Alles-unter-einem-Dach-Shoppingcenter mit Tiefgarage« in Ostende sein können.

       Neugierig darauf, was das Schiff seinen Passagieren so alles zu bieten hatte, wandte ich mich einem Informationsschalter zu. Der dahinter postierte Seitenscheitel-Fönfrisierte Jüngling mit ein paar flauschigen Oberlippenhärchen war auf meine Frage hin motiviert wie ein Erstkommunionkind, das seine Fürbitte vortragen muss. Und er vollbrachte das Kunststück, die komplette Ausstattung der FS Schleswig Holstein auswendig und mit nur einem Atemzug aufzusagen: Ein Travel- und ein Souvenirshop, eine Parfümerie, eine Cafeteria, ein Bistro, dem Café Nord, ein Steak & Seafood Restaurant, ein Konferenzraum bis maximal 24 Personen, ein Salon für Sonderveranstaltungen (die wahrscheinlich nicht länger als 45 Minuten dauern dürfen), ein Wickelraum für die Kleinsten, eine Spielecke für die Kleinen, Spielautomaten für die Großen, Duschen für verschwitzte Fernfahrer, ein Behinderten WC, ein Sonnendeck und selbstverständlich einen Geldautomaten.

       Während er mit hochrotem Kopf taumelnd nach Luft schnappte, aber dennoch tapfer versuchte mich kundenfreundlich anzulächeln, gab er mir noch den Hinweis, dass, sobald die Fähre außerhalb der drei Meilengrenze internationale Gewässer erreicht hätte, Gelegenheit zum zollfreien Einkauf bestehen würde. Sprich, steuergeplagten Skandinavier erhalten die selten günstige Chance: Saufen bis zum Anlegen.

       Nachdem ich eine Runde durch die Shopping Arkaden gedreht, mir im Café Nord einen »Cappuccino to go« gegönnt, auf dem windumwehten Sonnendeck an der Reling gerastet, dabei die in der Thermik schwebenden Möwen beobachtet und ins Meer gespuckt hatte, hörte ich aus der Schiffbar den Gesang eines Bierglückseeligen Grüppchens, der unverkennbar darauf hinwies, dass die Fähre seit geraumer Zeit internationale Gewässer erreicht hatte: »Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, ja da kann man nicht nur Dänen an der Reling kotzen sehn – holla hiiiiii, Holla hoho ho, holla hija hijah hija holla ho …«.
    […]

    Auf dem Nachhauseweg. Dänemark, im Juli 2008
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Trotz Überstunden die Welt erkunden"