Unendlich ist des Schlossers Kraft

   Es gibt Gesetze mit weltweiter Gültigkeit. Sie sind mit dem Urknall entstanden, haben sich seitdem nicht verändert und werden sich auch bis zum Sankt Nimmerleinstag nicht mehr ändern. So wie das Hebelgesetz des Archimedes, das jeder, der schon einmal bewusst mit einem Schraubenschlüssel gearbeitet hat, in den Armen zu spüren bekam. (Mit der Größe und der Anzahl der Schrauben steigt gewöhnlich das Bewusstsein und die Einsicht, dass der griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur ein verdammt cleverer Bursche und seiner Zeit weit voraus war.)

   Denn bereits in der Antike, vor rund 2200 Jahren, zu jener Zeit also, als Asterix der Gallier bei den olympischen Spielen in Griechenland gegen Claudius Musculus kämpfte, formulierte der am Sportevent im eigenen Land weniger interessierte Archimedes die theoretische Grundlage für die spätere Entwicklung der Mechanik. Mit dieser grandiosen Erkenntnis gab er allen Handwerkern den Tipp, dass sie Kraft auf Kosten des Weges sparen können, je weiter sie den Schraubenschlüssel – den Hebel – vom Schraubenkopf weg, – vom Drehpunkt – anpacken. Und das Dollste daran ist: Je mehr man den Hebel verlängert, desto leichter (und fester) lässt sich die Schraube anziehen (sprich, die Arbeit verrichten). Die daraus resultierende Schlosserweisheit lautet: »Nach ganz fest kommt ganz lose«.

   Zum leichteren Verständnis des Muskelkatersparenden Gesetzes hat die Schlossergilde für alle Azubis mit dicken Oberarmen, aber null Berufserfahrung und für alle Kollegen die ein bisschen schwer von Kapee, aber durchaus lernfähig sind, das Sprüchlein gedichtet: »Unendlich ist des Schlossers Kraft, wenn er mit Verlängerung schafft«! (Jawoll!)

   Das Dumme an der Sache ist, so Archimedes, dass sich die zu verrichtende Arbeit durch die Krafteinsparung leider nicht verringert.

   Naturgesetze lassen sich – nun ja, gemäß ihrer Natur – nicht ausschalten. Darüber sind sich auch unsere Kunden im Klaren. Dennoch sind sie bestrebt, die zu verrichtende Arbeit zu beschleunigen. Zu diesem Zweck stellen sie einem Hilfskräfte zur Verfügung.

   Wayusan war der Name einer meiner kolumbianischen Kollegen. Über eine Leiharbeiterfirma war der aus Bogota stammende, mir etwa gleichaltrige Hilfsarbeiter auf der Baustelle unseres Kunden beschäftigt.

   Vom Typ her war Wayusan ein wirklich prima Kerl; äußerst fleißig und mit einem bärenstarken Willen bei der Sache. Mit der selbstbewussten Gelassenheit eines Mechanikers für den es keine unlösbaren Probleme gibt, machte er sich an die Arbeit. Von Nachteil war, dass man ihm nur schwer dabei zusehen konnte, wenn man in der gleichen Tätigkeit, wie beispielsweise dem Schrauben anziehen, selbst jahrelang Erfahrung hat. Ungeduldigen Gemütern platzt, wenn Wayusan arbeitet, leicht der Geduldskragen. Dann reißen sie ihm in ihrem Übereifer die Schraubenschlüssel aus der Hand, mit hochrotem Kopf werden die Schrauben selber schnell angezogen und abschließend dem verdutzt dreinschauenden Kollegen mit einem »Haste auch jut aufjepasst, wie’s richtisch jeht«-Blick, sein Werkzeug zurückgeben, »So un jetz du!«

  •    Statt Wayusan den Eindruck zu geben, dass er noch zu blöd sei ohne ausländische Hilfe ein paar Schrauben normkonform anzuziehen, hab’ ich ihm mit empor gehaltenem Okay-Daumen wohlwollend zugenickt, so nach dem Motto: »Weiter so Kumpel, du kriegst das schon hin«.

       Dank der archimedischen Erkenntnis ging mir meine Arbeit leicht und zügig von der Hand, weshalb ich Wayusan bei seiner beobachten konnte. (Übrigens, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.) Dabei fiel mir auf, dass auch er zu der Spezi von Handwerkern zählt, die sich mit einer beachtlichen Ausdauer einen abmurksen, aber dennoch zufrieden lächeln. (Um ehrlich zu sein: Ich gehöre eher zu denen, die sich einen abmurksen und dabei grimmig murren.)

       Nach dieser Erkenntnis kam mir zuerst der alte Grieche in den Sinn. Und als nächstes die Idee zu dieser Geschichte. Widmen möchte ich sie Wayusan. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen, weil es sie ohne ihn schlicht nicht geben würde. Und zum anderen, damit nicht nur von den großen Meistern der Theorie berichtet wird, sondern auch mal von jemandem der praktisch die Arbeit tat: Wayusan.

       Bevor ich weiter von ihm erzähle, möchte ich allen, die es nicht wissen sollten, die Problematik beim Schraubenanziehen kurz erläutern.

       Fakt ist, dass im Maschinen- und Anlagenbau die meisten Schrauben mit Rechtsgewinde ausgeführt sind, was in Bezug auf ihre mechanische Funktion einer lösbaren Verbindung bedeutet: Mit Blick von oben auf den Schraubenkopf muss die Schraube beim Einschrauben rechts herum gedreht werden. Gleiches gilt, wenn der Monteur kopfüber stehend auf die gleiche Schraube eine Mutter dreht –.

       Auch wenn Sie diesbezüglich keine praktische Erfahrung haben sollten, ist Ihnen als aufmerksamer Leser sicher aufgefallen, dass der Standpunkt des Monteurs zur Schraube von entscheidender Bedeutung für den Erfolg seiner Arbeit ist. Sprich, wie herum er was zu drehen hat.

       Richtig verwirrend wird’s, wenn man gleichzeitig die Schraube und die Mutter einer Verbindung fest anziehen möchte, ohne dabei dauernd von den Füßen in den Kopfstand zu wechseln. Umdenken lautet der richtige Dreh für all jene, denen Schraubenanziehen nicht im Blut liegt: Von oben auf den Schraubenkopf geblickt muss dieser rechts herum, und die (auf dem Kopf stehende!) Mutter links herum angezogen werden.

       Leider zählte Umdenken nicht gerade zu Wayusans Stärken. Womit ich keinesfalls andeuten will, dass er ungewissenhaft arbeitete. Ganz im Gegenteil. Nachdem er alle vier Schrauben einer Flanschverbindung von Hand beigedreht hatte, nummerierte er mit Kreide jeden Schraubenkopf – eins drei, zwei vier – um sicher zu gehen, beim Überkreuzanziehen mit den Schraubenschlüsseln auch ja nicht durcheinander zu kommen.

       Irgendwie schaffte er dennoch das seltene Kunststück, beim Anziehen konfus zu werden, sich aber trotzdem nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Selbst dann nicht, wenn ihm beim Nachziehen auffiel, dass er zwei der vier Schrauben wieder gelöst, weil er rechts- mit linksherum verwechselt hatte.

       Unverständlich schüttelte er mit den Kopf, legte die Stirn in Falten, hob die Schultern und dachte wohl: »Hey, was soll’s, fang ich halt noch mal von vorne an«. Weil nun die Hälfte der Schrauben lose und die andere Hälfte seiner Meinung nach zu stark angezogen waren, löste er auch diese wieder. (Allerspätestens jetzt platzt selbst den geduldigsten Gemütern endgültig der Kragen.)

       Dann drehte er in einer Engelsgeduld erneut alle Schrauben mit der Hand gleichmäßig bei und begann wieder damit, sie entsprechend seiner Nummerierung mit zwei Schraubenschlüsseln anzuziehen.

       Dabei fiel mir auf, dass offensichtlich auch Wayusan von Archimedes seinem kräftesparenden Hebelgesetz gehört, oder aber vom jahrelangen Schrauben anziehen und dem heftigen Muskelkater gelernt hatte. Denn beim Anziehen packte er den Schraubenschlüssel so weit wie möglich vom Drehpunkt des Schraubenkopfes entfernt an.

       Als Wayusan es endlich geschafft hatte, alle vier Schrauben mit dem längst möglichen Hebel und unter Einsatz seines ganzen Körpergewichtes anzuziehen und ich mit ihm zu einer anderen Arbeit übergehen wollte, gab er mir lächelnd mit einem Wink zu verstehen, dass ich mich noch gedulden sollte. Und im Nachhinein bin ich wirklich dankbar, dass meine Nerven der extremen Belastung standhielten. Denn so sah ich nicht nur Wayusan, wie er die beiden Schraubenschlüssel aus der Hand legte, sondern auch, wie sich Archimedes begann im Grab zu drehen.

       Nämlich just in dem Augenblick, als Wayusan mit Daumen und Zeigefinger seiner einen Hand den Schraubenkopf und mit der anderen die Mutter anpackte, um so, mit sichtlicher Kraftanstrengung, jede der vier bombenfest angezogenen Schrauben mit seinen Fingern zu kontrollieren. Sprich mit dem kürzesten Hebel der Welt!

       Erst danach gab er mir selbstbewusst und noch immer lächelnd mit empor gehaltenem Okay-Daumen zu verstehen, dass nun wirklich alles fest sei (während Archimedes sich weiter drehte).

       Daraus ergab sich für mich das Problem, wie ich das Ende dieser Geschichte passend formulieren könnte. Eigentlich hatte ich vor, etwas Sinnvolles mit Sprüchen anzufangen: »Mal sehn’, wer am längeren Hebel sitzt«, und »Archimedes war seiner Zeit weit voraus«, und »Wayusan hinkte mächtig hinterher«. Und während ich mir in Gedanken einen abmurkste, kam Wayusan zu mir herüber, sah lächelnd auf meine in Falten gezogene Stirn und klopfte mir mit den aufmunternden Worten auf die Schulter: »Mensch Kollege, lächle doch mal bei der Arbeit«.

    Barranquilla, Kolumbien im April 2008
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Trotz Überstunden die Welt erkunden"