»Seemann, lass das Träumen …

   ... denk nicht an zu Haus
   Seemann, Wind und Wellen
   Rufen dich hinaus.

   Deine Heimat ist das Meer,
   Deine Freunde sind die Sterne,
   Über Rio und Shanghai
   Über Bali und Hawaii.

  
Deine Liebe ist dein Schiff,
   Deine Sehnsucht ist die Ferne
   Und nur ihnen bist du treu
   Ein Leben lang.«

   Entschuldigung, wenn ich Sie in Ihren Tagträumereien unterbreche. Aber ich finde es schon bemerkenswert, dass lediglich die erste Strophe und der Refrain dieses bekannten Seemannsliedes ausreichen, um Sie zum Träumen zu verführen. Und das, obwohl Sie von Berufs wegen höchstwahrscheinlich gar kein Seemann (oder keine Seefrau) sind. Ja, ich könnte sogar eine Pulle Jamaika-Rum drauf verwetten, dass bei diesem Lied selbst diejenigen zum Träumen hingerissen werden, die noch nie eine Schiffsreise angetreten haben, am Rande der Sahara leben oder wasserscheu sind. In meine Statistik mit eingeschlossen sind auch jene »harten« Burschen, die ihre Neigung zu Sehnsuchtsträumereien noch nicht mal unter Androhung von Kielholen – der schwersten Körperstrafe in der Seefahrt – zugeben würden, weil sie sich schämen, durch eine Schnulze, die von Lolita gesungen wird, zum Träumen verführt worden zu sein.

  Aus diesen Gründen drängt sich mir der Verdacht auf, dass der Beruf des Seemannes (und alles was damit zusammenhängt) die Gefühlswelt unterschiedlichster Menschen derart in Schwung zu bringen vermag, wie kein anderer.

   Um meine Vermutung zu untermauern, möchte ich Sie bitten, weiterhin an meinem kleinen Praxistest teilzunehmen, mit dem ich diese Geschichte begonnen habe. Alles, was Sie zu tun brauchen, ist weiterlesen. Okay?

   Na dann, Leinen los! Alle Mann in die Wanten! Hisst die Segel! Wir stechen in See. Noch ein letzter kurzer Blick zurück aufs Land – dann liegt sie vor uns, die unendliche Weite des Ozeans. Bald schon spüren wir, mal abgesehen vom Gefühl der temporären Heimatlosigkeit, das raue Meer. Den scharfen Wind, wie er die Segel strafft und das Schiff zur Seite neigt; wir hören wie die brausenden Wogen am Bug hochschlagen und übers Deck schießen; wir merken, wie uns die Gischt ins Gesicht spritzt, schmecken auf unseren Lippen das Salz des Meeres, spüren am Jucken, dass der Dreitagebart wächst und fühlen uns – wie in der Becks Bier-Werbung – unendlich frei.

  •    »Sail away, you can fly
        On this wings of freedom you can reach the sky
        Sail away, dream your dreams
        You will always find a chance to make your feelings
        Come true!«

       Wir kommen uns vor, wie um Jahrhunderte zurückversetzt. (Obwohl wir atmungsaktive Gore Tex Jacken von North Face tragen.) Zurückversetzt in die Zeit der Entdecker und Eroberer. In die Zeit von Vasco da Gama, von Sir Francis Drake, Ferdinand Magellan, Captain Cook und Christoph Columbus, als sie mit ihren Segelschiffen für unbestimmte Zeit zu noch unbekannten Kontinenten aufbrachen.

       Nachts in unserer Koje träumen wir von kaffeebraunen Südseeinsulanerinnen in Baströckchen und einer im Haar steckenden Hibiskusblüte, die uns beim Einlaufen in den Hafen von Honolulu vom Kai aus zuwinken, uns zum Empfang Blütenkranzketten um den Hals legen und dabei Hüfte-schwingend Aloa hey singen. – Plötzlich wachen wir auf. Schlaftrunken und mit der Ungewissheit, ob alles nur ein schöner Traum war, gehen wir an Deck, atmen die klare, kühle Meeresluft und blicken hinauf in einen schier unendlichen Sternenhimmel, der sich wie das Netz einer Weihnachtsbaumbeleuchtung über uns ausbreitet. Wir hoffen auf eine Sternschnuppe, entdecken das Kreuz des Südens und spüren das Spiel der Wellen; wie sie uns eins werden lassen mit sich und dem schaukelnden Schiff. Und in einem Anfall von Schwermut und einem Hauch von irregeleiteten Einsamkeitsgefühlen beginnen wir leise zu singen …

       »I am Sailing, I am sailing,
       Home again, ‘cross the sea
       Can you hear me, can you hear me,
       Through the dark night, far away«

       Heutzutage, angekommen in einer Zeit, in der der Container die Seefahrt beherrscht, und wir mit dieselmotorbetriebenen Clubschiffen die Weltmeere durchpflügen, lebt die Seefahrerromantik erstaunlicherweise nicht nur weiter, sondern für manch einen ist sie gar, angeregt durch großes Kino, auf ihrem Höhepunkt.

       Spät abends, wenn die feine Gesellschaft noch im Speisesaal beim Kapitänsdinner sitzt und ihren gesellschaftlichen Status unter ihresgleichen genießt, zieht es uns raus, hinaus aufs Deck. Die mondhelle Nacht lässt die ruhige See quecksilberfarben schimmern. Wir gehen zum Bug. Überrascht sehen wir vorn an der Reling die heimliche Geliebte stehen, deren offenen Haare und dünnes, vom Mondlicht beschienenes, fast durchsichtiges Kleid im Wind wehen. Während ihr Blick hinunterfällt in die Wellen, dorthin wo der Vordersteven das Meer durchschneidet, treten wir von hinten nah, ganz nah an sie heran. Wir nehmen sanft ihre Hände, heben langsam ihre Arme, führen unsere Lippen an ihr Ohr und flüstern: »Darling, schließ deine Augen und spüre.« (Nein, nicht »ihn« sondern »es!«) Sind unsere Arme dann wie die Schwingen eines Vogels ausgebreitet, rufen wir von allen Sorgen befreit in die Nacht hinaus: »Spür’ es! Spüre, wie es sich anfühlt, der König der Meere zu sein. Frei wie ein Vogel, der mit seinen Träumen auf- und davonfliegt …«

       »Every night in my dreams
       I see you, I feel you
       That is how I know you go on.

      
    Near ... Far ... Wherever you are
       I believe that the heart does go on
       Once more ... You open the door
       And you're here in my heart
       And my heart will go on and on

       Love can touch us one time
       And last for a lifetime …«

       Entschuldigen Sie bitte, wenn ich abermals unterbreche. Aber ich würde Ihnen gerne jene Frage stellen, die mir des Öfteren in den Sinn kam, als ich an Bord eines großen, weißen Schiffes von Südamerika aus zur Antarktis fuhr: Ob mein Beruf die Menschen wohl auch so sehr zum Träumen verführt, wie der des Seemannes? Was bitte, meinten Sie gerade? »Niemals!« Warten wir’s ab.

       Zurück zum Praxistest.

       Ich sage nur: »Kupferschmied

       Und zack – begeben sich unsere Gedanken zur Arbeit. Wir denken an eine verrußte Dorfschmiede. Ein rauschebärtiger Schmied in speckiger Lederschürze und hochgekrempelten Hemdärmeln zieht mit einer Feuerzange einen Vierkantstahl aus dem Schmiedefeuer, dessen kirschrotglühende Spitze er mit einem Ballhammer auf dem Amboss zu bearbeiten beginnt, wobei ihm der Schweiß an den Schläfen herunter rinnt und von der Nasenspitze tropft …

       Na, hat das knisternde Schmiedefeuer wider Erwarten doch einen Funken Romantik in Ihnen entfacht? Nun gebe ich Ihnen das gleiche Stichwort noch einmal vor. Diesmal jedoch unter der abgeänderten, seit 1992 geltenden Berufbezeichnung.

       Ich sage nur: »Anlagenmechaniker, Fachrichtung Apparate- und Anlagenbau

       Und zack – quälen sich unsere Gedanken zur Arbeit. In eine Neonlicht beschienene Werkhalle, wo neben dem Eingangstor ein Gebotsschild darauf hinweist, Gehörschutz zu tragen. Die Luft riecht metallisch. Und ölig. Arbeiterkolonnen sind damit beschäftigt, dicke Flansche an Edelstahlzargen zu heften, Konen auf Drehvorrichtungen zu spannen, Bleche auf einer Tafelschere zu schneiden, in einer Walze zu runden oder unter einer Presse zu verformen. Längs- und Rundnähte werden geschweißt, ausgefugt, farbeindringgeprüft und gegengeschweißt; im Akkord werden die vorgefertigten Bauteile montiert, Druckproben, Vakuumtests und Probeläufe durchgeführt, sodass den Arbeitern der Schweiß zwischen den Arschbacken runter läuft …

       Es ist wohl überflüssig zu fragen, ob kreischende Schleifmaschinen, stickige Schweißrauche und eingefettete Schrauben zu romantischen Träumereien verführen. – Außer vielleicht durch den mit der Arbeiterschaft verbundenen Traum vom Sechser im Samstagslotto der einen aus dem ganzen Dreck und Lärm herausholt, um dann – vielleicht ja als Seemann – seinen Traum von unendlicher Freiheit wahr werden zu lassen. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei meiner Vermutung angelangt wären.

       Wie der Praxistest gezeigt hat, arbeite ich also in einer Branche, die einen höchstens beim Anblick der Lotto-Glücksfee zu romantischen Träumereien anregt. Da ich aber kein Lotto spiele, wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie auf die Idee gekommen eine derartige Vermutung anzustellen, geschweige denn, diese Geschichte zu schreiben. Erst als ich mich bei meiner beruflichen Kreuzfahrt auffallend häufig dabei ertappte, wie ich während der Arbeitszeit in einem Zustand fast vollkommenen Glückes Schnulzen sang (oder alternativu summte, wenn gerade jemand in der Nähe war), habe ich begonnen, genauer über dieses Phänomen nachzudenken. Ganz besonders nach den mysteriösen, aber höchst aufschlussreichen Vorkommnissen an einem meiner ersten Abende auf See.

       Durch den Blick aus dem Bullauge unserer Kajüte wusste ich, dass es bereits stockdunkle Nacht war, als ich mich noch einmal auf den Weg hinauf zur Kapitänsbrücke machte. Ein Ort, der zum Träumen verführt. Obschon das fehlende Steuerrad nicht, wie auf der Pequod, »durch eine Pinne ersetzt, die aus dem Unterkiefer eines Wals bewunderungswürdig geschickt herausgeschnitzt war«, wie es Ismael in Moby Dick erzählt. Die Juvel gehorcht entweder den Befehlen des Autopiloten oder den Signalen des manuell zu bedienenden Joysticks.

       Eins der wenigen Lichter, die auf der Brücke schienen, war das der kleinen Lampe über dem Messtisch. Darauf lagen eine ausgebreitete Seekarte von dem Gebiet östlich der Falklandinseln, das aufgeschlagene Logbuch, ein Lineal und ein Bleistift. Im Schein der Tischleuchte folgte ich über die Karte gebeugt mit dem Zeigefinger der zurückgelegten Strecke: dem vom Hafen Montevideos aus in südlicher Richtung verlaufenden, sorgfältig gezogenen Bleistiftstrich. In regelmäßigen Abständen war er durch Kreuzchen unterbrochen, neben jedem Datum und Uhrzeit vermerkt. Die Verweise zu den Logbucheintragungen. Der des letzten Kreuzchens besagte:

       21. Juni 2009     11:30pm     52,38°S, 48,06°O
       - on watch 2nd mate, searching for marks, course and speed variable.
       Ha
    ve lights of rule, 23(a) IRPCS-72.

       Am Kommandostand leuchteten das grellgrüne Licht des Radars, der Bildschirm der elektronischen Seekarte, die Anzeigen von Kompass, Sonar und Echolot und etliche rote, gelbe und weiße Kontrolllämpchen. Das grüne des Autopiloten stand auf »Activ«. Hinter den Navigationspulten saß auf dem erhöhten Kapitänssitz Yuri, der diensthabende zweite Maat. Der Gehilfe von Kapitän Kjetil saß einfach stumm da und starrte vor sich durch die Panoramascheibe. Und das, obwohl er dort so gut wie nichts sehen konnte. Lediglich der gelbliche Schein der Außenbeleuchtung schimmerte auf den Eiskristallen des zugefrorenen Oberdecks, zeichnete die Silhouette des Lastkrans und die der Reling ab, wie sie den Bug der Juvel umschließt.

       Sonst war dort draußen nichts außer der stockdunklen, antarktischen Nacht. Allein das Radar vernahm die Schar von Eisbergen, die der 360° kreisende Vektor als unterschiedlich große, unförmige rote Flecken auf dem Monitor aufzeichnete. Regelmäßig gab das Echolot einen Piepton von sich: Die aktuelle Anzeige gab an, dass der Meeresgrund in 2800 Metern Tiefe unter dem Rumpf lag. Nur das dumpfe, scheinbar aus weiter Ferne kommende, monotone Brummen des Dieselmotors, die Geschwindigkeitsanzeige von 13 Knoten und das sanfte Schaukeln des Schiffes waren deutliche Anzeichen von Vorwärtskommen.

       Bei unserer Unterhaltung am Nachmittag hatte mir Yuri erzählt, dass er seit mehr als fünfundzwanzig Jahren zur See fährt. »Es ist ein ständiger Wechsel. Wie der von Ebbe und Flut«, sagte der aus Wladiwostok stammende Russe. Drei Monate auf See – plusminus vier Wochen – dann drei Monate daheim bei Frau und Kindern. An seiner rechten Hand trägt Yuri einen goldenen Ring, der durch die vielen Jahre harter Prüfung mit dem Fleisch seines Fingers verwachsen zu sein schien.

       Hauptsächlich, so Yuri, sei er im hohen Norden zur See gefahren; im Polarmeer, in der Barentssee und im Beringmeer. Aber auch Kap Hoorn, fügte er eilig an, habe er umschifft. »Kap Hoorn«, schoss es mir in den Sinn, »die Spitze Südamerikas, wo Atlantischer und Pazifischer Ozean aufeinandertreffen mit all ihren Legenden, Untiefen und Stürmen. Für einen Seemann das nautische Äquivalent zum Besteigen des Mount Everest

       Um die angenehme Stille nicht durch ein plumpes »Good evening Yuri, how are you«, zu stören, hatte ich mich schweigend neben ihn gestellt, blickte so wie er stumm in die Nacht und ließ die für eine Landratte ungewöhnliche Umgebung auf mich wirken.

       Doch was war das? Da vorn, der helle Schein!, direkt neben der Juvel, aus dem – ich konnte meinen Augen kaum trauen – die Nautilus auftauchte. Durch eine von grellem Scheinwerferlicht durchschnittene Nebelwolke beobachtete ich, wie sich am Kommandoturm des futuristischen U-Bootes eine Luke öffnete, aus der, tatsächlich! Kapitän Nemo stieg, der mich mit einer unmissverständlichen Handbewegung einlud, zu ihm an Bord zu kommen. Schnell noch eine Nachricht an Yuri – bin gleich wieder da – und schon tauchte die Nautilus mit mir in die Tiefe; 20.000 Meilen unter dem Meer, wo wir in den Ruinen der versunkenen Stadt Atlantis gegen Riesenkraken kämpften.

       »Verdammt, es sind einfach zu viele«, fluchte ich und schlug verzweifelt mit meinem Schwert auf die um mich herum windenden Tentakel ein. Vergebens. Einen unvorsichtigen Moment später hatte mich eine erwischt. Eingewickelt wie ein Gürkchen in einem Heringsröllchen schleuderte mich der Krake hin und her. Durch seine feste Umklammerung der Ohnmacht nahe spürte ich noch, wie er seinen Griff plötzlich löste und ich in hohem Bogen durch Raum und Zeit flog …

       Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einer einsamen Karibikinsel im Mündungsgebiet des Orinoko wieder: Gefesselt und paniert in einem Kochtopf von Kannibalen.

    […]

    52,38°Süd, 48,06°Ost: Auf dem Weg in die Antarktis,
    im Juni 2009
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Seemannsgarn oder Sabotage in der Antarktis"