Seemannsgarn oder Sabotage in der Antarktis

Die Neugier steht immer an der ersten Stelle eines Problems,
das gelöst werden will.
Galileo Galilei (1564 -1642)

 

1. Kapitel
Einleitung

 

   Krill ist ein norwegisches Wort und bedeutet Walnahrung. Doch nicht nur für Wale stellt Krill den Mittelpunkt ihrer Nahrungsquelle dar. Auch für Robben, Eisfische und Tintenfische, für den antarktischen Zahnfisch und den Bändereisfisch, für Kalmare, Krebse, Pinguine, Albatrosse und andere Seevögel. Kurzum: Nahezu alles, was die Antarktis bevölkert, ernährt sich direkt oder indirekt vom Krill, der somit als Universalversorger für die dort lebenden Tiere eine zentrale Schlüsselstellung einnimmt.

   Groben Schätzungen zufolge liegt die Biomasse des antarktischen Krills bei 500 Millionen Tonnen. Von dieser gewaltigen Menge – die Krill zur quantitativ erfolgreichsten, mehrzelligen Tierart auf unserem Planeten macht – verzehren allein die Wale pro Jahr 43 Millionen Tonnen. Drei Mal so viel, 130 Millionen Tonnen, lassen sich die Robben schmecken. 100 Millionen Tonnen vertilgen die Tintenfische, 20 Millionen Tonnen stehen auf dem Speiseplan der Fische und weitere 15 Millionen Tonnen picken die Vögel von der Wasseroberfläche. Demnach bleiben rund 30 Prozent der gesamten Krillpopulation übrig, deren Aufgabe es ist, für Nachwuchs zu sorgen: Zum Überleben ihrer eigenen Art und damit keines der anderen Tiere im kommenden Jahr verhungern muss. Eine in sich funktionierende heile Welt.

   Doch wie so häufig, wenn’s was zu holen gibt, taucht irgendwann der Mensch auf, der mehr und mehr den kommerziellen Wert des Krills in Form der darin enthaltenen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren für sich entdeckt. Laut der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, beträgt der Fischereianteil am antarktischen Krill 100.000 Tonnen pro Jahr. Was im Vergleich zu dem, was die Tierwelt sich hinter die Kiemen haut, gerade mal einer mageren Vorspeise entspricht. Doch aus der Erfahrung unseres menschlichen, unersättlichen Profithungers wird uns dieser Appetitanreger niemals satt machen.

   Aus Furcht vor einem unkontrollierten Festschmaus wird seit Jahren auf internationaler Ebene darüber nachgedacht, ob und wenn ja, ab welchem Umfang der kommerzielle Krillfang negative und nachhaltige Einflüsse auf das sensible maritime Ökosystem mit sich bringen könnte. Nahrungsalternativen stehen, so hat man festgestellt, den in der Antarktis lebenden Tieren so gut wie keine zur Verfügung.

   Der größte Zusammenschluss, dem neben Deutschland noch weitere 22 Länder angehören, ist das Convention on the Conservation of Antarctic Marine Living Resources, kurz das CCAMLR. Das im Jahre 1982 ins Leben gerufene Abkommen über die Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis hat sich zum Ziel gesetzt, all jenen auf die Finger zu schauen (und im Notfall auch zu hauen), die am Krillgeschäft beteiligt sind.

   Vermutlich weil ich mir all dies in den vergangenen Tagen angelesen hatte und ich an Bord eines Krillfangschiffes mit Kurs auf die Antarktis war, fragte ich mich, ob auch unser norwegischer Kunde und mein Chef ein schlechtes Gewissen haben müssen. Schließlich gehört dem einen das Schiff, der andere hat die Krilltrockner gebaut und geliefert.

   Als ich so auf den in friedlicher Stille daliegenden Ozean sah, über Ethik und Gewissensbisse sinnierte und ab und an einen Blick auf die wie Kathedralen wirkenden Eisberge warf, entdeckte ich auf einer der am Schiff vorbeitreibenden Eisschollen ein plüschig weißes Robbenbaby, das mich aus tränenfeuchten schwarzen Kulleraugen vorwurfsvoll ansah.

[…]

  •    Noch bevor die Wintersonne über den Horizont spähte, hatte die Fangcrew das Netz ausgelassen. Was aber nicht bedeutet, dass die Männer Frühaufsteher waren. Zu dieser Jahreszeit, im Juni, lässt sich die Wintersonne südlich des 60. Breitengrades erst gegen halb elf blicken.

       Zwei Stunden hatte die Juvel das Netz hinter sich hergezogen. Nun lagerte der Fang in zwei Edelstahltanks im Bauch des Schiffes. Der Countdown lief. Innerhalb der nächsten vier Stunden mussten dreißig Tonnen Krill zu Pulver und Öl verarbeitet werden.

     

    2. Kapitel
    Technische Probleme

     

       Soweit schien alles bereit. Das Steuer- und Kontrollprogramm der Anlage war getestet, die Vorbereitungen für den Produktionsstart liefen an. Nun musste sich die millionenschwere Investition in der Praxis bewähren. Auch wenn es niemand aussprach, die Lage war angespannt. Auf sämtlichen Maschinendecks ging’s zu wie bei einem Torpedoalarm.

       Dennoch liefen die Vorbereitungen in unserem Anlagenteil problemlos. Der Dampfkessel machte kontinuierlich Überdruck, den das Regelventil auf die benötigte Menge reduzierte. Und während die Temperatur in den Heizschüssen allmählich anstieg und der Rotor sich bereits drehte, wollten wir den für den Prozess so wichtigen Kühlwasserkreislauf in Betrieb nehmen.

       Eigentlich bin ich ja kein Napoleon-Typ, der sich zur Selbstkrönung seiner Heldentaten den Helm quer aufsetzt, die flache Hand zwischen die Knopfleiste seiner blauen Arbeitsjacke steckt und mit künstlich geblähter Brust auf den Putz haut. Aber ich denke, wenn man zu Gange ist den größten Kühlwasserkreislauf unseres Planeten anzuzapfen, ist dies schon eine Randbemerkung wert. Lassen Sie mich erklären. Und ein bisschen auf den Putz hauen.

       Um sich in unsere einzigartige Kühlwassersituation hineinversetzen zu können, mussten wir umdenken. Während bei Produktionsanlagen an Land das Wasser eines offenen Kühlsystems aus einem separaten Becken in den Kreislauf der Anlage gepumpt und anschließend wieder dem Becken zugeführt wird, befanden wir uns nun an Bord eines Schiffes auf dem antarktischen Eismeer, wo es kein separates Wasserbecken gab. Was aber, wenn man sich draußen umschaute, nicht weiter tragisch war, – umgeben von einem zwanzig Millionen Quadratkilometer großen Kühlwasser-Ozean. Wir schwammen in dem Zeugs. Von daher hatten wir keinerlei Befürchtungen, dass uns in den kommenden Wochen das Kühlwasser ausgehen würde. Vielmehr hatten wir Angst, darin zu ersaufen.

       Wie groß unsere Bedenken tatsächlich waren merkten wir, als wir uns den entsprechenden Nachruf in unserer einmal im Jahr erscheinenden Firmenzeitschrift SMS-Aktuell ausmalten:

       »Die Belegschaft der Buss-SMS-Canzler GmbH  trauert um zwei seiner Mitarbeiter, die während einer Inbetriebnahme in ihrem eigenen Kühlwasser ertranken«.

       Wir hörten, wie die lieben Kollegen bei unserem letzten Geleit hinter vorgehaltener Hand tuschelten, »So dämlich kann doch eigentlich gar keiner sein«. Ein anderer Schlaumeier meinte, »Ich hab’s euch immer schon gesagt. Früher oder später musste den beiden so etwas passieren«.

       Zumindest ein Kollege versuchte die Ursache unseres Ablebens beim Leichenschmaus zu ergründen: »Jetzt muss mir doch mal einer verraten, wie man so etwas Beklopptes überhaupt anstellt?«, fragte er die gesellige Trauerrunde, biss in sein mit zwei Gürkchenscheiben und einem Petersilienzweig dekorierten Käsebrötchen und fügte kopfschüttelnd mit vollem Mund an, »Him eijenen Hühlwaffer ethunken!«

       Trost spendete uns der Gedanke, dass wir, bezogen auf unseren einmaligen Einsatzort, das Eismeer der Antarktis, auf dem Zenit unseres beruflichen Reiselebens das Zeitliche segnen würden. Helden, die dieses Schicksal trifft, können nicht mehr durch späteres Verhalten in Ungnade fallen. Als Entschuldigung für unser berufliches Versagen würden wir beim Untergehen unserem Chef den Song von Human League vorsingen, »I’am only human, born to make mistake …«.

       Abgesehen von unserer durchgegangenen Phantasie und dem dummen Geschwätz unserer Kollegen hatten wir, was Kühlwasser anging, eine selten komfortable Ausgangslage. Zudem war es mit einer Temperatur von minus 1,0° Celsius ideal für unsere Anwendung. Und obendrein kostenlos.

       Weil ein Großteil der Produktionsanlage im Bauch der Juvel installiert ist, also unterhalb der Wasserlinie, war es relativ leicht, an das Kühlwasser heranzukommen. Wir benötigten lediglich das, was man sich, fern jeder Küste, normalerweise nicht wünscht: ein Loch im Schiffsrumpf. Durchmesser 500 Millimeter. Mit einem hindurch gesteckten Ansaugrohr. Und eine seewasserbeständige Pumpe.

       Zu unserer Freude waren diese drei Voraussetzungen gegeben. Selbst die kritische Schnittstelle zwischen Ansaugrohr und Schiffsrumpf schien dicht zu sein, was unsere Chancen, im eigenen Kühlwasser zu ertrinken, um einiges minimierte.

       Um grob zu verstehen wie dieser gewaltige Kühlwasserkreislauf funktioniert, muss man zwei grundlegende Dinge wissen. Zum einen, dass ohne Berücksichtigung von Wind, den Gezeiten und der Erdrotation, der Meeresspiegel überall gleich hoch ist. Laienhaft gesprochen und als Globus vorgestellt, glatt wie eine Weihnachtskugel. Zum anderen, dass die Weltmeere nicht, trotz ihrer unterschiedlichen Namen, wie die Swimmingpools einer fünf Sterne Hotelanlage voneinander abgetrennt sind. Nahtlos fließt das Wasser vom Nordpolarmeer, vom Atlantischen, Indischen, Pazifischen und Antarktischen Ozean ineinander über.

       Dadurch entsteht, wie überall im Leben, wo Ungleiches aufeinander trifft, Bewegung. Beispielsweise, wenn sich über unseren Köpfen ein Gewitter zusammenbraut; wenn feuchtwarme Luftmassen in höhere Atmosphären steigen, sich zu einer großen Wolke vereinen und mit kalten Luftmassen zusammenkrachen.

       Abgesehen von Blitz und Donner ist auch an den Übergängen der Weltmeere ordentlich was los, weil sich dort Wasser unterschiedlicher Temperatur und Salzkonzentration vermischt. Aufgrund seiner höheren Dichte fällt das kalte Wasser nach unten. Das warme steigt hoch. Ein Kreislauf globalen Ausmaßes kommt in Gang.

       Initiiert wird er im Gebiet zwischen Grönland, Island und Norwegen: im Nordatlantik, wo kaltes, salzreiches Meerwasser absinkt. Eine kalte Tiefenströmung entsteht, die bis hinunter zum Südatlantik fließt. Dort trifft sie auf das ebenso kalte und salzhaltige Wasser des Zirkumpolarstroms, der um die Antarktis herum im Kreis fließt. Dieser vereint das kalte Wasser des Nordatlantiks mit dem wärmeren des Indischen Ozeans und dem des Pazifiks. Durch eine von Strömungen, Verwirbelungen und Wind angetriebene Vermischung steigt das warme Wasser auf und erwärmt sich, mittlerweile im äquatorialen Bereich angekommen, durch die Sonneneinstrahlung noch mehr. Eine warme Oberflächenströmung ist entstanden, die vom Pazifik aus den weiten Rückweg antritt. Zwischen Indonesien und der Nordwestküste Australiens vorbei, fließt sie ums Kap der Guten Hoffnung in die Golfregion Mittelamerikas. Von dort bringt sie der gleichnamige Golfstrom – dem wir Europäer das milde Klima zu verdanken haben – zurück in den Nordatlantik. Die Oberflächenströmung gibt einen Großteil ihrer Wärme in die Atmosphäre ab – eben jene Wohlfühlwärme, die der Wind zu uns nach Europa weht – das kalte und salzhaltige Wasser sinkt ab, womit sich der erdumspannende Kreislauf schließt.

    […]

       Bei einem derart gigantischen Wasserhaushalt dürfte es aus verfahrenstechnischer Sicht kaum etwas ausmachen, wenn wir ein paar Tropfen davon abzwacken. Um genau zu sein, 160 Kubikmeter pro Stunde, die wir, nachdem sie einen Teil unserer Maschine gekühlt haben, selbstverständlich zurück in den Ozean pumpen. Womit sich unser Mini-Kühlwasserkreislauf schließt und wir wieder bei der Inbetriebnahme im Unterdeck der Juvel wären.

    […]

       Wir waren an einem Punkt angekommen, an dem wir glaubten, dass unser Problem nicht unbedingt technisch erklärbar sein muss. Selbst die verrücktesten Gedankenexperimente sahen wir als willkommenen Lösungsansatz. Um unsere verbleibende Zeit effektiver zu nutzen, führten wir unsere Überlegungen in zwei unterschiedliche Richtungen fort. Während mein Kollege weiter nach einer technischen Ursache suchen sollte, dachte ich über außertechnische Phänomene nach. Auch wenn sie keiner rationalen Grundlage entsprechen würden.

       Als allererstes stellte ich mir die Frage, wer einen direkten Vorteil davon hätte, wenn wir keinen Krill verarbeiten könnten? Klar, die Konkurrenz natürlich! Die Saga Sea aus Norwegen, die Dalmor II aus Polen, die Fukuai Maru aus Japan und die Dong San aus Südkorea. Diese Trawler waren nämlich auch auf Krillfang; im selben Fanggebiet wie wir mit der Juvel. Sind zu denen etwa Informationen von unserem Top-Secret-Pilotprojekt durchgedrungen? Ziel unseres Kunden ist, mit einer neuen Krill-Verarbeitungstechnologie den Markt zu revolutionieren, – was ganz sicher negative Auswirkungen auf die Geschäfte seiner Mitbewerber haben wird.

       Oder hatte die gefürchtete Krillmafia aus Hongkong ihre schmutzigen Finger im Spiel, die mit chinesischen Mini-U-Booten Sabotage betreiben? Genau, das war’s!, schoss es mir brütendheiß durch den Kopf. Beim Krillgeschäft geht es um etliche Milliarden Dollar. Vor allem aber um die überaus begehrten Fanglizenzen, durch die der Besitzer ungeheure Macht auf den internationalen Märkten erlangt: Durch die Licence to Krill!

       Ich glaubte eine Maschinenpistolensalve rattern zu hören, gefolgt von einem Adrenalinschub der mich glauben ließ, SMS-Geheimagent 007 zu sein; wie er im schwarzen Smoking mit der heißblütigen Pam Bouvier vor dem miesen Sanchez und seinen Leuten flüchtet. Dabei sang James B., alias Timothy D. also Stephan T. den von Narada W. komponierten und produzierten, allerdings im Text leicht abgeänderten Titelsong des gleichnamigen Kinofilms.

    »I got a license to Krill.

    And you know I’am going straight for your heart. (Chor: License to Krill)

    Ooooh, oh-hooo«

    […]

    60,12°Süd, 46,37°Ost: South Orkney Islands, Antarktis, im Juli 2009
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Seemannsgarn oder Sabotage in der Antarktis"