Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen

   »Jetzt aber mal Butter bei de Fische, Stephan, wie stark hat’s denn nun wirklich geschaukelt und wie hoch waren die Wellen tatsächlich?«

   Weil ich geahnt habe, dass Sie mir früher oder später diese Frage stellen, habe ich mir überlegt, welch’ geistreiche Antwort ich Ihnen darauf geben könnte.

   »Mach's nicht so kompliziert und sag’ einfach die Wahrheit.«

   Ja eben, weil ich bei der Realität bleiben will, brachten mich meine Überlegungen zu dem Schluss, dass es sich auch bei der Einschätzung von Naturgewalten draußen auf dem Meer so verhält, wie bei vielen Dingen im Leben: Wie hoch und wie heftig es war, liegt einzig und allein im Ermessen des Betrachters. In dem Fall bei mir.

   Entscheidend ist, welchen Maßstab ich bei meiner Berichterstattung anlege. Vergleiche ich den Seegang mit den Erfahrungen eines alten Seemannes, der die ersten zwanzig Jahre seines Berufslebens den Nordatlantik durchkreuzt, die nächsten zwanzig die Nordwest-Passage befahren, bis zu seiner Pensionierung Kap Horn umschifft und in seiner Freizeit auf einem Floß den Colorado River bei Hochwasser bezwungen hat, dann war meine Seereise zur Antarktis eine Sommersonntägliche Kahnfahrt auf dem Toten Meer. Vergleiche ich hingegen meine Antarktisreise mit der gerade erwähnten Kahnfahrt, so war ich im Vorhof zu Neptuns Hölle. Sie verstehen meinen Zwiespalt mit der Wahrheit.

   Um Ihre Frage gewissenhaft zu beantworten, wird mir nichts anderes übrig bleiben, Ihnen statt des inhaltsleeren Einzeilers, »Es herrschte ein tosender Sturm mit unglaublich hohen Wellen«, die ganze Geschichte zu erzählen. Mit all ihren Zusammenhängen.

[…]

   Womit wir bei der Juvel angelangt wären. Und bei der Beantwortung der eingangs aufgekommenen Frage, warum gerade dieses Schiff einen Sonderstatus in punkto Schweißtechnik einnimmt. Dazu müssen wir kurz zurück ins Jahr 2003.

  •    Knapp drei Jahre nach Kiellegung läuft im Auftrag der Norwegisch-Neuseeländischen Eignergruppe Sealord in Norwegen ein auf den Namen Paerangi getauftes Schiff vom Stapel. Das Einsatzgebiet des 71,3 Meter langen Fang- und Fabrikschiffes sind die Seehecht-Fanggründe rund um Neuseeland.

       Fünf Jahre später: Am 31. März 2008 läuft im Auftrag von Emerald Fisheries Alesund, Norwegen, bei der MWB Motorenwerke Bremerhaven AG ein auf den Namen Juvel getauftes Schiff vom Stapel. Die Verwendung des 99,5 Meter langen Trawlers ist der Einsatz als Krillfänger in der Antarktis. Was zusammengefasst bedeutet: Aus der siebzig Meter kurzen Paerangi wurde die neunundneunzig Meter lange Juvel.

       Etliche Millionen Euro kostete diese Totaloperation, wofür die Paerangi aus ihrem Element in das Trockendock 5 des Bremerhavener Schiffs- und Schiffsmotorinstandsetzungsbetriebs gehievt wurde. Dann rückte ihr ein mit Acetylen- und Sauerstoffschneidbrennern bewaffneter Trupp zu Leibe. Nur ein einziger Schnitt war nötig. Mittendurch. –

       Nach nur 24 Stunden hatten die Männer mit den Feuersägen ihre Arbeit erledigt. Als das getrennte Bug- und das Heckteil 40 Meter auseinander geschoben waren, bugsierte in die entstandene Lücke der Schwimmkran Enak zwei vorgefertigte, insgesamt 28,2 Meter lange Doppelbodenrumpfstücke.

       Durch die an ihren Kopfenden offenen Stockwerke wurden die für den Krillverarbeitungsprozess benötigten Bioreaktoren, Rührwerke, Pumpen, Zentrifugen, Tanks, Transportbänder, Wärmetauscher und die beiden wunderschönen SMS-Trockner eingebaut. Nachdem 1.500 fern zu betätigende Ventile und 40 Schaltschränke installiert, 4,8 Kilometer Edelstahlrohrleitungen nach Lebensmitteltechnologie-Standard und 50 Kilometer Elektrokabel verlegt waren, wurden die Schiffsteile zusammengerückt, geheftet und rundum verschweißt. Die für den Umbau erforderlichen 800 Tonnen Stahl waren innerhalb von nur 200 Werktagen verbaut.

    […]

       Dann wurden die Leinen gekappt und die Stützbalken umgestoßen. Unter den stolzen Blicken der MWB-Werftarbeiter rumpelte die Juvel aus ihrem Bremerhavener Trockendock. Den Schwung ausnutzend, schipperte sie die Weser hinauf zur Nordsee, nach einer scharfen Linkskurve über den Atlantik den Globus hinunter zur Äquatortaufe und direktemang nach Montevideo, wo mein Kollege und ich an Bord gingen und unsere Kajüte bezogen.

       Diese befand sich im Vorderschiff, wo gewöhnlich, wie ich später erfuhr, die Meuterer einquartiert werden, weil’s dort bei Seegang am wildesten schaukelt. Ganz vorn, im Übergang zum spitz zulaufenden Bug; dort, wo bei Schiffen die Gischt emporschießt, wenn der vordere Rumpfbereich in die auftürmenden Wellenberge eintaucht.

       Dies erklärt, warum unsere Kajüte zwar ein Bullauge hatte, man dieses allerdings, im Gegensatz zu den Bullaugen der Kajüten weiter hinten im Schiff, nicht öffnen konnte. Stattdessen hing an einem Scharnier ein gusseiserner Deckel mit eingelegter Gummidichtung und Schraubknebel, mit dem man im Falle einer zerborstenen Scheibe das Bullauge abdichten konnte. Theoretisch war unsere Kajüte von der Seeluftumwehten Außenwelt abgeschottet. Praktisch auch. Und zwar hermetisch.

       Daher sahen wir uns gezwungen das oberste Gesetz, das unser friedliches Zusammenleben für die kommenden sechs Wochen auf 6,45 m² garantieren sollte, zu formulieren: Furzen verboten!

       Weil aber Männer manchmal furzen müssen (Frauen zwar auch, aber die reden gewöhnlich nicht darüber) vereinbarten wir drei Ausweichmöglichkeiten. Numero Uno: vor unserer Kabinentüre, auf dem langen und meist menschenleeren Gang, wenn man dem plötzlich aufkommenden Druck nicht länger standhalten konnte. Numero zwei: notfalls auch, allerdings leise, in der Messe beim Essen, wo man mit unschuldigem Gesichtsausdruck die aufgekommene Geruchsbelästigung von sich weisen konnte. Numero drei war die kollegialste, allerdings auch die windigste Alternative. An Deck, bei den Möwen.

       Auf die Notwendigkeit eines zweiten Gesetzes kamen wir, als die Juvel den ruhigen Hafen von Montevideo verlassen hatte. Es war bei unserer ersten Nasszellen-Reinigungsaktion. Anhand verräterischer, auf Boden- und Wandfliesen gesprenkelter gelblicher Spritzer mussten wir feststellen, dass unsere geglaubte Treffsicherheit nur auf ruhende Toilettenschüsseln zutrifft. Von daher: Setzen. Immer? Immer!

       Meinem unter chronischer Höhenangst leidenden Kollegen zum Gefallen, nistete ich mich in der oberen Koje unseres Etagenbettes ein. Dabei wurde mir klar, warum die Wortherkunft für solch eine Schlafstätte von dem lateinischen Begriff Cavea = Koje = Verschlag, Käfig abgewandelt wurde. Bezüglich Platzangebot und Komfort wäre eigentlich alles gesagt. Jedoch erinnerte mich mein Langzeitgedächtnis daran, dass die Liegefläche eines Jugendherbergs-Etagenbettes beinah doppelt so breit und lang war, wie die meiner Koje. Was ich schon ziemlich ungerecht fand. Andererseits, im Vergleich zum üblichen Nachtlager auf alten Segelschiffen, einer Hängematte, war damals eine Koje ein ungeheurer Komfort. Wenn dieser ausnahmsweise gegeben war, musste ein und dieselbe Koje von mehreren verschwitzten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit regelmäßig onanierenden Seemännern im Schichtwechsel reihum benutzt werden. Ich sollte also still und zufrieden sein.

       Der ausschlaggebende Unterschied zwischen meiner Koje und einem Jugendherbergsetagenbett bekam ich am ersten Morgen zu spüren. Und das, obwohl ich noch gar nicht richtig wach war. Pünktlich um sechs Uhr dreißig klingelte unserer Steh-auf-und-sei-dankbar-dass-du-es-kannst-Wecker.

       Ich schreckte in gewohnter Klappmessermanier hoch – wobei ich gerade nach der ersten Nacht in einem fremden Bett eine beachtliche Geschwindigkeit erreiche – und knallte mit voller Wucht gegen die ungewöhnlich tief über meinem Kopfkissen eingeschweißte Kajütendecke. Ich prallte zurück und schlief noch ein Weilchen.

       Als ich aus dem ohnmachtähnlichen Zustand erwachte sah ich, erst verschwommen, dann allmählich aufklarend, eine zwischen meiner Stirn und Kajütendecke gehaltene Skala eines Roll-Bandmaßes. »39,5 Zentimeter«, hörte ich meinen Kollegen sagen, der mir aus einer weit entfernt klingenden Scheinwelt seine Anerkennung zusprach. »Alle Achtung, Kollege. Das nenn’ ich einen wahren Widder. Nicht nur mit dem Kopf durch die Wand, auch durch die Decke!«

       Er löste den Klemmschieber, worauf die Skala mit diesem bandmaßtypischen Cchchiirrrrrr-tak-Geräusch ins Gehäuse zurücksauste. Zum Abschluss seiner Unfallanalyse drückte er mit seinem Daumen auf die sich gerade aus meiner Stirn wölbende Delle und fragte: »Tut das weh?«

       Bevor ich ihm eine nonverbale Antwort geben konnte, zückte mein technisch versierter Kollege, der immer auf Zack ist, wenn es bei der SMS was zu verbessern gibt, ein Daunenkissen. Dieses befestigte er mit breitem Klebeband sorgfältig an der Kajütendecke. Ausgeklügelt positioniert nach dem Billard-Prinzip: »Einschlagwinkel gleich Ausschlagwinkel«. Und unter Berücksichtigung meines persönlichen Aufwach-Hochklappwinkels, den ich für ihn noch einmal in Zeitlupe simulieren musste. »Zur Vorbeugung auf die noch bevorstehenden Nächte«, meinte er mit fürsorglichem Ton. Und ich glaube, er meinte es ehrlich.

    […]

       Sie kennen das sicherlich aus ähnlichen Situationen. Dann, wenn man von einer düsteren Stille umgeben ist, in die man kaum atmend hineinhorcht; wenn jedes Geräusch, jede Bewegung Rätsel aufwirft und einen nicht zur Ruhe kommen lässt, weil automatisch das Unterbewusstsein versucht zu ergründen, zu begründen, zu begreifen – um einen irgendwann beruhigt einschlafen zu lassen.

       Allein vom Schaukeln her war das Einschlafen kein Problem. Vielmehr förderte es den erholsamen Schlaf, nachdem sich mein Körper wieder an diese seit Babyzeiten nicht mehr erlebte Einschlafbewegung gewöhnt hatte. Er musste sich daran gewöhnen. Was er auch tat. Sogar ziemlich rasch. Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig. Denn die Juvel schaukelte ständig. Wie ein Spielball der Wellen. Hin und her, hin und her. Von Steuerbord nach Backbord, von Backbord nach Steuerbord. Mal mehr, mal weniger. Und entsprechend rollte ich in meiner Koje. Hin und her. Mal mehr, mal weniger. Jedoch stetig.

       Es gibt nicht viele Situationen während all meiner bisherigen Reisen, wo ich solch eine Nähe zu Mutter Natur über einen derart langen Zeitraum ununterbrochen gespürt habe, wie in jenen Nächten auf dem Antarktischen Ozean.

       Und während ich mit der Juvel hin- und herschaukelte – auf der einen Seite verhinderte die Kajütenwand und auf der anderen ein hochkant angeschraubtes Brett, dass ich aus meiner Koje fiel – hörte ich, wie das Holz des Etagenbettes knarzte und knirschte. Wie unsere gesamte Kajüteneinrichtung knackte und krachte. Wie der Stahlrumpf keuchte und ächzte. Wie das eigentlich steifträge Material arbeitete.

       Daneben glaubte ich zu hören, wie Kapitän Kjetil allabendlich übers Deck stelzte, wobei sein aus Walknochen geschnitztes Bein bei jedem Schritt auf den Planken knockte; als wäre ein altersschwacher Specht zugange. Tock – Tock – Tock –. Jeder an Bord wusste, was dem Kapitän bei seinen nächtlichen Rundgängen durch den wahnsinnigen Kopf ging: Seine erbitterte Jagd nach dem Weißen Krill, der ihm vor Jahren sein Bein abgerissen hatte.

       Irgendwann schlief ich dann mit einem ur-natürlichen Gefühl von tiefer Zufriedenheit und Heimeligkeit ein, weil geschaukelt zu werden, lassen wir doch mal ehrlich sein, ebenso was Gebärmutterhaftes hat, wie Warm-Duschen.

       In jenen Nächten, in denen höherer Wellengang die Einschlafphase hinauszögerte, stellte ich mir vor, ich stünde Seite an Seite mit Kapitän Kjetil auf dem sturmumpeitschten Achterdeck, wobei die an der Bordwand hochschießende Gischt über uns hereinbricht. Fürwahr, kein Wetter für windige Charaktere.

       Während er an der Reling stehend, sein Walbein zum sichereren Halt ins eigens dafür vorgesehene Zapfenloch gesteckt hatte, aufs Meer starrte und brüllte: »Da vorn, er bläst! Weißer Krill Backbord voraus!«, stand ich, mich breitbeinig gegen den Sturm stemmend, hinter dem Steuerrad. Mit aller Kraft versuchend, das Schiff auf Kurs zu halten. Diesmal durfte uns der Weiße Krill nicht entkommen! Adrenalin schoss mir durch die Adern. Entfachte in mir das aufkommende Gefühl eines selbstbewussten Mannes, der bislang noch jedes Abenteuer singend bestanden hat:

       »Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,

       der eiskalten Winde, rauaues Gesicht.

       Wir sind schon der Meere so viele gezogen,

       und dennoch sank unsre Faaahne nicht.«

       Spätestens bei dem lang gezogenen »a« der unsinkbaren Fahne konnte sich mein bis jetzt reglos unter mir liegender Kollege nicht mehr zurückhalten. Mit über und über tätowiertem Körper sah ich ihn als kannibalischen Südseeinsulaner in angriffsbereiter Position vorn an der Bugspitze stehen. Und während er darauf wartete, seine wurfbereite Harpune dem Weißen Krill beim nächsten Auftauchen in den verdammten Leib zu rammen, stimmte er im Liedtext mit ein:

       »Hei-o, hei-o, heio heio heio ho, heio heio ho heio.«

       Wir sangen wie zwei Jungs auf ihrer ersten unbeaufsichtigten Kajaktour. Sogar Kapitän Kjetil wurde mitgerissen. Nicht vom Weißen Krill unter Wasser. Von unserem anregenden Gesang. Anfangs noch wiegte er zögerlich, beinahe so als ob es ihm peinlich wäre Emotionen zu zeigen, im Liedtakt von einem Bein aufs andere Walbein und brummelte dabei. Es brauchte eine Weile, bis sein vereistes Gemüt aufgetaut war; bis er beim Refrain mit einstimmte. Und nach ein paar gescheiterten Versuchen schafften wir es sogar, dreistimmig zu singen.

       »Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,

       wir jagen sie weit auf das ehendlose Meer.

       Wir stürzen an Deck, und wir kämpfen wie Löwen,

       hei, uns ist der Sieg, viiiel Feinde, viel Ehr’

       (Und jetzt alle!)

       Hei-o, hei-o, heio heio heio ho, heio heio ho heio«

       Es war einfach Klasse! Wie damals zu alten Pfadfinderzeiten. Nur dass wir nicht als Wölflinge in Kakihemden und orangefarbenen Halstüchern mit durchgestecktem Lederknoten auf Baumstammstümpfen um ein loderndes Lagerfeuer saßen, dessen knisternder Funkenflug zu den hoch über uns leuchtenden Sternen aufstieg. Wir waren an Bord eines richtigen großen Schiffes auf dem Südpolarmeer. Mit unserem Gesang waren keine Jungenträume verbunden. Diesmal war es Realität!

       Und irgendwann fielen uns, müde von der kräftezehrenden Jagd nach dem Weißen Krill die Augen zu.

       So begannen alle unsere Nächte an Bord. Und alle endeten sie, pünktlich um sechs Uhr dreißig, mit der aus unserem »Steh-auf-und-sei-dankbar-dass-du-es-kannst-Wecker« erklingenden Kirchenmelodie, die durch Cat Stevens’ hinzukomponiertem Gesang weltberühmt wurde.

       »Morning has broken, like the first morning,

       Blackbird has spoken, like the first bird,

       praise for them singing, praise for the morning,

       praise for them springing, fresh from the world.«

    Wie gesagt, so begannen alle unsere Nächte an Bord. Alle. Bis auf eine!

    […]


    Während einer nicht endenden antarktischen Sturmnacht, im Juni 2009
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Seemannsgarn oder Sabotage in der Antarktis"