Berufsalltag oder Alltagsflucht?

   Seit nunmehr zwölf Jahren – Wahnsinn! Wie schnell doch die Zeit verfliegt – darf ich für meinen Chef kreuz- und Querweltein Unterwegs sein. Wofür ich ihm übrigens sehr dankbar bin.

   Um zu seinen Kunden und deren Verdampfern zu gelangen, verbrachte ich, Jahr für Jahr, bis zu 250 Stunden über den Wolken. Weswegen sich der Schuhkartondeckel, in dem ich meine Sitzplatzkarten sorgsam aufbewahre, inzwischen hebt. Andenken ans ständige hin und her zwischen den Welten, Zeit- und Kulturzonen: Asien, Amerika und Antarktis; Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten, Europa – und manchmal auch Deutschland.

   In 98 Prozent meiner Einsätze war ich mutterseelenallein unterwegs. Als versprengter Einzelkämpfer. Unzählige Dinner for one. Allerdings ohne Einsamkeitsgefühle. Obschon gute Freunde immer wieder betonten, dass ich diese eigentlich hätte haben müssen: Einsamkeitsgefühle. Doch auf solche Stimmen reagierte mein Biofeedback nicht. Zu jener Zeit war ich im Taumel meiner Reisen gefangen. Sah die Arbeitswelt als einen riesengroßen, verwunschenen Zauberwald. War verzückt im siebten Himmel unterwegs. Immer auf der Durchreise. Heute hier, morgen dort. Ich lebte und liebte dieses Leben. Diese besondere Art von Freiheit. Was ich übrigens immer noch tue. Wenn auch anders. Oder besser gesagt: ich arbeite an diesem anders sein.

   Kurzum, ich machte mein Ding. Ähnlich wie Udo Lindenberg, der in einem Hotel lebt und dieses Leben sogar besingt:

   »Und ich mach mein Ding.
   Egal was die anderen labern
   Geh‘ meinen Weg, ob gerade ob schräg,
   dass ist egal.
   Ich mach mein Ding …
«.

   Zwischenzeitig war ich auch mal Zuhause. Für ein paar Tage in meiner Ursprungsheimat, – die sich jedoch immer weiter weg von mir entfernte. Als wäre sie ein eigenständiger Planet in den Weiten des Weltalls, auf dessen Umlaufbahn ich kreise, abdrifte und mehr und mehr entschwinde. Wenn ich mal Zuhause war und zufällig einem Nachbarn begegnete, wurde ich im Vorbeigehen gefragt:

   »Aaach, Stephan?!« (Wobei in seiner Stimme die Kombination aus Frage- und Ausrufezeichen so viel bedeutete wie, Gibt es Dich auch noch?! Was aber meist unausgesprochen blieb.)

  •    »Und, wohin geht‘s als Nächstes?«, folgte als Freundlichkeitsfloskel fast immer hinten an.

       Woraufhin ich meinen Einsatzplan kurz durchdachte, und dem bereits weitergeeilten Nachbarn noch hinterherrief, »Saudi Araaabieeen!« Was er jedoch aufgrund der Entfernung wahrscheinlich gar nicht mehr vernahm. Oder nicht vernehmen wollte? Was ich ihm nicht hätte übel nehmen können. Schließlich war ich derjenige, der nie wirklich da war; der einen übertriebenen Reiseenthusiasmus lebte; der gelernt hatte, sein Heimweh zu unterdrücken.

       Dicke Freundschaften wurden dünner. Oberflächlicher. Flüchtiger. Tach und Tschüss. Guten Tag und auf Wiedersehen. Reisende soll man nicht aufhalten. Gleichsam bemerkte ich, wie sich in mein Unterbewusstsein klammheimlich eine zentrale Frage einschlich. Allmählich in mein Bewusstsein rückte und sich dort hartnäckig festsetzte. Bis ich sie schließlich kurz und knackig formulieren konnte: Berufsalltag oder Alltagsflucht?

       Doch das mir seitens meines Chefs, seinen Kunden und meinen Kollegen entgegengebrachte Vertrauen und Schulterklopfen verdrängte erste Zweifel, »Das machst du wirklich prima. Weiter so!«. Übertönten meine Stimme im Kopf, es nicht zu schaffen. Stattdessen bildete ich mir ein, ein knallharter Typ zu sein, der in der metallischen Industriewelt seinen Mann steht. Ein echter Ironman!, der stur seinem kalten Herzen folgt: ähnlich wie der Kohlenmunk-Peter, in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz aus dem Jahre 1827, das heutzutage als begehbares Theaterstück in der Schwarzwälder Neuenbürg aufgeführt wird.

       Mein Motto war klar. Alles kein Problem! Weil hart wie Krupp-Stahl. Wie unsere Verdampfer. Doch innerlich spürte ich eine aufkeimende Leere. So muss sich ein unter Vakuum arbeitender Verdampfer fühlen, dachte ich und übertrug diesen Betriebszustand auf mich: Leer wie ein Verdampfer. – Allerdings ohne Rotor. Eine Hülle aus kaltem Metall. Und solch eine Maschine, das lernt bereits ein Azubi bei der SMS im ersten Lehrjahr, ist ohne Rotor nicht funktionsfähig.

       Doch die Anerkennung von Außen gab mir Kraft. Und viel positive Energie. Neuen Schwung zu neuen Reisen. Neuen Auftrieb um zu fliegen. Um meine Rolle als Globalplayer weiter zu spielen. Mein Hamsterrad war die Welt. Meine Motivation das über mich hinauswachsende, intensive Gefühl, da Draußen unbedingt gebraucht zu werden. Ich war ein von fanatischer Arbeitsenergie und Wissendurst getriebener Mann. Gepusht von dem irrsinnigen, pathetischen Konkurrenzgedanken, »Wenn Du es nicht machst, macht’s jemand anders.« Ich konnte meinen Chef und den Rest der Industriewelt keinesfalls im Stich lassen! Alles was dagegen sprach, ignorierte ich. So auch das Zitat des französischen Staatsmannes, George Clémenceau (1841-1929): Die Friedhöfe der Welt sind voll von den Leuten, die sich für unentbehrlich hielten.

       Ich war auf dem besten Wege dorthin. Denn ich hatte mein Leben der Verwirklichung eines utopischen Traums gewidmet. Meine Mission war klar, wenn auch Impossible: ich wollte jeden verdammten Verdampfer auf dieser Welt heilen. Reparieren. Wieder ans Laufen kriegen. Und nebenbei jeden neu ausgelieferten Verdampfer vor Ort aufstellen und in Betrieb nehmen. Was in der Summe nicht gerade wenige sind. Denn, das müssen Sie wissen, die Buss SMS Canzler GmbH aus Butzbach ist in Punkto Verdampfer ein Best-Seller.

       Glauben Sie mir, wenn ich Zeit dazu gehabt hätte, hätte ich, wie Udo, ein Lied von meinem Welt-Retter-Leben komponiert. Zufälligerweise tat dies jemand anders für mich: Tim Bendzko, im Jahre 2011. Horchen wir mal rein.

       »Ich wär so gern dabei gewesen doch ich hab viel zu viel zu tun […]
       Da draußen brauchen sie mich jetzt die Situation wird unterschätzt.
       Und vielleicht hängt unser Leben davon ab
    […]

       (Achtung! Und jetzt der Refrain.)

       Muss nur noch kurz die Welt retten,
       danach flieg ich zu dir.
       Noch hundertachtundvierzig Verdampfer checken
       wer weiß was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel
    …«

       Ich kam mir vor wie ein Held der Arbeit, dem am Ende seines selbstaufopfernden Berufslebens ganz bestimmt ein aus Krupp-Stahl gegossenes Arbeiterdenkmal gesetzt werden würde: auf dem Firmenvorplatz der SMS in Butzbach. Zwischen dem Haupteingang und den drei Fahnenmasten. Mit einer passend zu meinem Ursprungsberuf aus Kupfer geschmiedeten Platte und bronzener Inschrift: SMSService Monteur Stephan.

       Ich lebte und arbeitete mit dem hormonberauschenden Hochgefühl eines Adrenalin-Junkies. Beruflich war ich im Nirwana angekommen. War unterschwellig aber auch auf der ständigen Suche nach einem undefinierbaren Irgendetwas auf dieser Welt, das mein inneres Vakuum zu füllen vermochte; das mir Halt und Stabilität geben könnte. Ähnlich wie die Lagerung eines Verdampfer-Rotors. Denn ohne gelagert zu sein würde solch einer beim Rotieren schnell aus der Bahn geschleudert werden. Geheimnisvolle Parallelen zwischen Mensch und Maschine.

       Mehr und mehr begann ich zu spüren, dass mir etwas Entscheidendes fehlte. Doch noch wusste ich nicht, was. Entdeckungen lassen sich nun mal nicht planen. Bis es soweit war, versuchte ich meinen Durst zu löschen. Idiotischer Weise indem ich die chemische Formel für Wasser in Büchern las: H2O. Sobald ich Durst verspürte, las ich H2O. Merkte dabei allerdings nicht, dass durch das Lesen – H2O – mein Durst immer größer wurde; anstatt zu erkennen, dass ich einfach nur ein Glas Wasser hätte trinken müssen. –

       Was mir schlichtweg fehlte, war etwas, was der Teufel nicht kennt. Über dieses »etwas« sang Paola (Ja, genau die Paola. Die Frau von Kurt Felix) im Jahre 1980 ein Rate-Lied:

       »Man kann es nicht hör‘n, man kann es nicht seh‘n
       es tut doch weh und es ist doch schön
       es ist kein Feuer, aber es brennt
       sag mir, wie man das nennt.
    «

       Doch noch konnte ich Paola nicht antworten. Wusste dieses gesuchte Etwas noch nicht zu benennen. So suchte ich weiter … Und erlebte, durch meine prickelnde Lebenskombination aus Weltreise, Arbeit und nicht endendem Selbstfindungstrip, die verrücktesten Abenteuer an entlegenen Orten, von denen ich noch nie gehört hatte. Ich lernte Menschen aus einer Sicht kennen, wie es einem Touristen kaum möglich ist: in ihrer Arbeitswelt. Und, durch manch‘ persönliche Einladung nach Feierabend, auch im Kreise ihrer Familien. Ich war unheimlich dankbar! Manchmal sogar heimlich zu Tränen gerührt. Und ehrlich gesagt, auch ein bisschen neidisch: auf deren, zumindest rein äußerlich und für einen kurzen Augenblick betrachtet, geregeltes, ausgewogenes Alltagsleben. Wodurch ich mich ein ums andere Mal fragte, »In welcher Welt lebst Du eigentlich?« Und mich gleich darauf antworten hörte, »In jeder ein bisschen. Aber nirgendwo ganz. Also zwischen den Welten.«

       Jahrelang überkam mich diese enorme Flut an Eindrücken, Gedanken und Ideen, die ich als Alleinreisender erst einmal sortieren und verarbeiten musste: in der ständigen melancholischen Ambivalenz zwischen Kindheit und Erwachsensein. Zwischen Träumen und Realität. In Zwiesprache mit mir selbst. Offenbart durch meine (Industrie-)Geschichten. Diese waren (und sind) mein Sicherheitsventil. Ohne zu schreiben, wäre mein Kopf schon längst explodiert. Wie ein Dampfkessel, bei dem stetig der Druck steigt, aber kein Ventil dafür Sorge trägt, dass der Überdruck gefahrlos abpfeifen kann.

       Während in meinem Kopf die Ideen wie die Funken von einer Wunderkerze sprühten, musste ich lernen, dass ich meine Gedankenflut nicht aufhalten oder gar verhindern kann. Weil Gedanken, so der US-Amerikaner Jon Kabat-Zinn, den Wellen auf dem Meer gleichen. Was ich allerdings lernen konnte ist surfen, wie es der Professor in seiner Achtsamkeitsmeditation unterrichtet. Jawohl, surfen! Und zack, sah ich mich auf einer gedankenumwogenden Welle. Als braungebrannten Surfer mit blondem Schopf auf einem feschen Board. Athletisch-spielerisch über die tosende Brandung von Waikiki Beach gleiten … während mir vom Strand aus eine Schar hübscher Hawaiianerinnen zujubelte.

       Zurück zur Realität.

       An meinen arbeitsfreien Tagen saß ich daheim im Stand-by-Modus. Bei schönem Wetter auf der Terrasse im Garten. Den Kopf in den Nacken gelehnt. Den hoch am blauen Sommerhimmel vorbeiziehenden Flugzeugen mit Sehnsuchtsseufzern hinterherblickend …, während sich die aus den Düsen messerscharf austretenden Kondensstreifen erst wattebauschartig zeigten und sich schließlich in Luft auflösten. Wenn es regnete, saß ich drinnen. Mit stoischem Blick auf das Display meines Firmenhandys. Darauf wartend, dass dieses verdammte Ding endlich SMS – Safe My Soul, klingelte: 06033-85… Adrenalinausstoß. Die rettende Nummer meines Chefs. Während er mir kurz und knapp schilderte, wo was los sei, jubelte mein Reiseherz, wobei meine Gedanken bereits unterwegs zum Flughafen waren. Innerlich wieder aufs Hamsterrad aufsprangen. Weiterliefen … schneller und schneller … Ich war unheimlich stolz, die geforderte Flexibilität zu meistern, und mit dem enormen Stop-and-go-Tempo mithalten zu können: dem trügerischen Glücksgefühl sei Dank.

       Paradoxerweise hegte ich eine heimliche Sehnsucht nach Ausruhen von den ständigen Veränderungen. Ich spürte eine aufkeimende, lähmende Müdigkeit in mir. Solch eine, die man durch Schlafen nicht wegbekommt. Von einer wachsenden Düsternis umgeben lief ich weiter … und weiter … wie in Trance … bis sich meine Beine verhedderten, ich stolperte und aus dem Hamsterrad fiel. Benommen rappelte ich mich auf: ein unglücklicher, falsch verbrauchter Mensch. Schlagartig wurde mir bewusst, dass nicht nur mein Berufsleben endlich ist. Auch das Leben neben meinem Beruf. Erst die Arbeit und dann? –

       Wenn die Seele den Körper krank macht, nennt die Medizin dies Psychosomatik. Zur Behandlung gibt es Spezialkliniken. Beispielsweise die Celenus Klinik im Nordschwarzwald, im schönen Luftkurort Schömberg. Das Städtchen gilt, seit 2009, als amtlich eingetragene Glücksgemeinde. Durch ein von der Bürgermeisterin und ihrem Gemeinderat selbst auferlegtes Glückskonzept versucht man, Zufriedenheit und Erfüllungsglück der Schömberger Bürger sicherzustellen. Ihr offizieller Glückspartner ist Bhutan. Das kleine Königreich im Himalaya, wo das Wohlbefinden der Bevölkerung im Bruttonationalglück ausgedrückt wird. Erstmalig als solches erwähnt im Jahre 1979. Vom damaligen König, Jigme Singye Wangchuck: im Hinblick auf eine Wirtschaftsentwicklung, die Bhutans einzigartiger Kultur und deren buddhistischen Werten gerecht werden würde.

    […]

    Darmstadt, Deutschland im Sommer 2014
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Berufsalltag der Alltagsflucht"