»Freiheit, Freiheit …

   … ist das Einzige was zählt!«, sang in melancholischem Einschlaftempo, Ende der 80er Jahre, Marius Müller Westernhagen. Darauf aufmerksam machend, dass Freiheit ein Menschenrecht ist. Der Grundbegriff der Demokratie. Für unser gesundes Menschsein so wichtig, dass jeder sich mit ihr auseinandersetzt; sich mit ihr auseinandersetzen muss. Doch Vorsicht!, so die Warnung Benjamin Franklins, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, »Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren«. –

   An der Freiheit kommt niemand vorbei. Jeder will frei sein. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann. Jeder auf seine Art. Weswegen die Sache mit der Freiheit eine individuelle Angelegenheit ist; für jeden Menschen etwas anderes bedeutet, mit unterschiedlicher Wahrnehmung, Tiefe und Dimension. Überdies ist Freiheit ansteckend. Sie ist eine Macht, die nur der entdeckt, der sie sich erarbeitet. Wem dies gelingt, der kann sich auch schöpferisch entfalten. Doch Vorsicht! Zu viel Freiheit kann auch Angst machen. Also nicht ganz so einfach, die Sache mit der Freiheit.

   Für den kleinen Jungen schon noch. Für ihn ist es seine Eisenbahn, seine Matchbox-Autos, im Urlaub der Sandstrand und Eis im Hörnchen. Ein paar Jahre später misst sich die Freiheit an der Uhrzeit: wann man abends zu Hause sein muss. Dann die ersten lebenswichtigen Entscheidungen: welcher Beruf, welcher Mann, welche Frau? Kinder? Die Entscheidungen werden vertagt. Zuvor noch Träume leben. Leben erleben. Den Duft der Freiheit riechen. Kontrolle aufgeben. Loslassen. Sich mal treiben lassen, statt immer nur zu schwimmen. Frei sein wie ein Vogel. Nur ein einziges Mal. In Berührung mit dem Himmel sein. Grenzen, Gebirge und Ozeane überwinden. Lady Liberty sehen: die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen

   In einer zwischenmenschlichen Beziehung bedeutet Freiheit, beim Frühstück mal nicht reden zu müssen. Im Beisein des Partners auch mal laut furzen zu dürfen. Und zusammen planen: die gemeinsame Zukunft. Visionen verwirklichen. Wobei auf dem Weg dorthin, auch mal freudig gesungen werden darf. Vielleicht das Lied der scheinbar grenzenlosen Freiheit. Und wo diese sich, nach Reinhard Mays Meinung, befindet. Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

   Mit Kindern ist Freiheit wieder was ganz anderes. Je besser die Organisation der Familie, desto freier der Kopf. Manch einer entdeckt dann, dass Freiheit darin liegt, Verantwortung zu tragen, Pflichten zu erfüllen, gebunden zu sein. Und die Momente, die man früher als Freiheit wahrnahm, werden knapper, kürzer, aber mit geschärftem Bewusstsein auch intensiver: Das Telefonat mit dem Partner; der Blick in den Sternenhimmel; der Waldspaziergang am frühen Morgen, wenn das feuchte Moos noch duftet und die Vögel zwitschern; ein Wochenende ohne Zwänge. Ausschlafen. Faulenzen. Einfach nur sein. Einfach, Zweisam oder Mehrfach. Egal. Hauptsache: Sein. –

  •    Und die Freiheit im Alter? Wenn der Körper noch macht, was man von ihm will. Womit die Sache mit der Freiheit nicht selten das Schwierigste ist, was es gibt. Und doch gibt es Menschen, die frei im Kopf sind, auch wenn sie keine Sekunde frei haben. Darin liegt wohl die wirkliche Kunst der Freiheit: in der Erkenntnis, dass Freiheit nicht irgendwo da draußen, sondern im Kopf beginnt. Sie in seinem eigenen Inneren zu suchen und zu finden. Und sie anzunehmen. In der Balance mit dem Äußeren. Was aber wahrscheinlich nur dann funktionieren kann, wenn man weder mit Bitterkeit in der Vergangenheit herumstochert, noch mit Angst in die Zukunft blickt. Stattdessen selbstzufrieden im Hier und Jetzt lebt.

       Ein ganz besonderes Freiheits-Beispiel lebte Schmitze Jupp. Ein seltenes Original, aus dem an Merode angrenzenden Ort Schlich. Zeitlebens, so sagen seine alten Kumpel, die schon mit ihm zur Schule gingen, war er authentisch und eng mit dem Dorf verbunden. Sowohl mit seinem Jahrgang, als auch mit der Jugend. Diese Mischung hat ihn jung gehalten. Und natürlich sein Fußballverein: Viktoria Schlich 1911 e.V.

    Irgendwann, im Alter von Mitte siebzig, wurde Schmitze Jupp in biergeselliger Runde mit den nachgewachsenen Viktoria-Funktionären gefragt, ob er denn nie daran gedacht hätte, eine andere Frau zu heiraten? Mit seiner Inge sei er immerhin schon mehrere Jahrzehnte verheiratet! Woraufhin Jupp, ohne einen Augenblick zu zögern, in seiner typisch trockenen Mundart antwortete: »En andre Frau? Niemals! Ich will doch net meng Freiheit verliere!«

       Ist das nicht herrlich! Ein Spruch für die Ewigkeit. Eine Offenbarung der Freiheit. Oder zumindest eine mögliche Lebensform davon: Freiheit erlangen, durch die eigene Frau.

    Zhangjiagang, China im Juni 2010
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Berufsalltag oder Alltagsflucht"