Heng di o!

   Buntfarbene Werbetafeln kleben an den Fassaden, der vor dem Busfenster vorbeiziehenden Geschäftsstraße. Zeigen rechteckförmige, von Längs- und Querstrichen durchkreuzte Symbole. Vom Wirwarr, an ein Mikado-Spiel erinnernd. Dank zusätzlicher Grafiken oder Piktogramme, lässt sich zumindest die Bedeutung mancher Schriftzüge erahnen.

   »Ah, da vorn, ein Lebensmittelgeschäft; ein Anbieter von Klimaanlagen; eine Apotheke; ein Massagesalon; ein Friseur; ein Restaurant …«

   Auch hier in Zhangjiagang, drei Autostunden nordwestlich von Shanghai entfernt, zeigt sich China wie vielerorts. Gleichaussehende Appartementblocks reihen sich an anders gleichaussehende Appartementblocks. Dazwischen Geschäfte, einige Hotels, etliche Garküchen, hunderte Taxen und Motorrroller und mindestens ebensoviele Handyläden. Und drumherum das übliche funktionierende Chaos einer chinesischen »Kleinstadt«, mit nur knapp 900.000 Einwohnern.

   Die vierspurige Straße führt stadtauswärts. Zum International Chemical Industry Park. Fünfundzwanzig Minuten dauert die allmorgendliche Busfahrt vom Hotel bis zum Chemiewerk unseres deutschen Kunden. Neben Vertretern von Unterlieferanten (so wie mich), und manchmal einem chinesischen Kollegen, befördert der gecharterte blaue Kleinbus vor allem die eigenen, deutschen Mitarbeiter. Ein vom Management clever zusammengestellter Mix aus erfahrenen und jungen Ingenieuren, die vom Mutterwerk in Süddeutschland aus, für etwa zwei, drei Jahre nach Zhangjiagang entsandt wurden. Mit der in vielfacher Hinsicht herausfordernden Aufgabe, als Projektleiterteam den Aufbau einer Produktionsanlage zu koordinieren. Für ebendiese Anlage hat die SMS die Schlüsselkomponente, einen Reaktor, geliefert.

   Im Verhältnis zu den Größten der Chemiebranche, ist dieser Kunde eher klein. Aber wie heißt es so schön: Klein und Wacker baut den Acker. Doch Vorsicht! Der Spruch trügt. Denn auch ohne die Hilfe dieses dubiosen Herrn Klein, legte Herr Alexander Wacker, im Jahre 1903, den Grundstein seines Unternehmens. Mit inzwischen mehr als 16.000 Mitarbeitern weltweit und dem Hauptwerk in Burghausen, Landkreis Altötting, ist die Wacker Chemie AG ein gesundes, oberbayrisches, seit 2006 börsennotiertes Familienunternehmen. Traditionell und Modern, mit insgesamt 26 Produktionsstätten in Europa, Amerika und Asien. Und die erste Werksniederlassung auf dem afrikanischen Kontinent, wurde auch bereits angekündigt. Zwar nicht direktemang heraus, sondern äußerst geschickt verpackt. Wie es sich für ein strategisch denkendes, mit der nötigen Vorsicht, global agierendes Unternehmen gehört. Einerseits wurde diese Wacker-Mission, »It’s time for Africa!« mit Pauken und Trompeten und mit Uwe Seelers Vuvuzelas, in die Welt hinaus posaunt. Andererseits war der Kern der Botschaft, für welches deutsche Unternehmen es an der Zeit ist, nach Afrika zu gehen, nur für den aufmerksam zuhörenden Branchenkenner erkennbar. Hören wir mal kurz rein, in den von Shakira zur in Afrika ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft gesungenen Sommerhit, des Jahres 2010.

  • You're on the front line
    Everyone's watching
    You know it's serious
    We are getting closer
    This isn't over

    Und Achtung!, jetzt genau hinhören, im Refrain:

    Tza mina mina eh eh
    Wacker Wacker eh eh
    Tsa mina mina zangalewa
    Anawa aa aa

    It’s time for Afrika!

       Motiviert und angeheizt von einer löwenmähnenblonden Latina und einem fröhlichfeiernden Millionenpublikum, treten die Buam vom Weißwurstäquator, auch hier in China, mit dem entsprechendem Selbstbewusstsein auf. Als äußeres Zeichen ihres importierten Freistaat-Patriotismus, stehen zwei aus Stein gemeißelte Löwen: Beiderseits des Firmentors. Auf Sockeln sitzend, halten sie zähnezeigend eine Pranke auf das vor ihrer geblähten Brust stehende, blauweißgeroutete Landeswappen Bayerns.

       Creating solutions for tomorrow, lautet der unter dem Firmenlogo angbrachte Werbespruch. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Wacker bereits weiß, mit welchen Problemen sich ihre Kunden morgen rumschlagen werden. Clever abgeleitet von: »Der Schlaue löst das Problem. Das Genie erkennt es schon vorher«.

       Trotz der frühen Morgenstunde, herrscht unter den zwölf Kollegen im Bus eine heitere, geschwätzige, ja beinah Familiäre Stimmung. Und auch während der Arbeitszeit, ist das Betriebsklima freundlich, kooperativ und zielstrebig.

       Wenn bloß alle Kunden so professionell easy going wären, denke ich, während meine rheinländischen Ohren versuchen, dem bayrischen Wortgequassel zu folgen. Zeitgleich durchforsten meine Blicke den noch immer vor dem Busfenster vorbeiziehenden, chinesischen Schilderwald. Mit dem bescheidenen Resultat, dass ich weder chinesisch lesen, noch oberbayrisch verstehen, sondern als Rheinländer, beides nur erahnen kann.

       Mit diesem Gewusel im Hirn, führt mein Blick zur Abwechslung geradeaus. Über die Rückenlehne und dem ein paar Zentimeter darüber lugende, von androgenetischem Haarausfall betroffenen Kopf von Hubert, der sich gerade köstlich über den Witz eines Kollegen amüsiert, wo er (mein Blick), weiter vorn auf das üblicherweise in Bussen angebrachte Hinweisschild trifft: »Bitte den Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen«.

       Was sonst, sollte die Bedeutung des chinesischen Schriftzuges sein!, mutmaße ich und komme mir besonders weise vor.

       Ein Stück weiter rechts davon, in der Flucht des Mittelganges, hängt über der Frontscheibe ein mit Klebestreifen befestigtes, weißes DIN-A4 Blatt. In fett schwarzgedruckten Buchstaben ist zu lesen:

                  Please, wear the safety belt!

                  Vor dem Abflug bitte anschnallen!

               Heng di o!

       Alle Achtung. Gleich dreisprachig werden die Fahrgäste aufgefordert, sich anzuschnallen. Und zwar Gefälligst, wie die Ausrufezeichen markieren.

       Zuoberst auf Englisch. Darunter unverblümt auf Deutsch, wobei das Signalwort Abflug, sicherlich vor den eigenwilligen Fahreigenschaften des chinesischen Busfahrers warnen soll. Und schließlich die dritte Aufforderung, sogar in chinesischer Lautschrift. Heng di o!

       Wie Praktisch, denke ich. Denn so können selbst die Deutschen, egal ob Rheinländer, Hesse und Bayer, einem nicht Englisch verstehenden Chinesen in dessen Landessprache dazu auffordern, sich gefälligst anzuschnallen. Auf den sinnvollen Gedanken, die Aufforderung gleich auf Chinesisch aufzuschreiben, ist der Urheber des Zettels offensichtlich nicht gekommen.

       Egal.

       Heng di o! lese ich erneut. Stolz wie ein bayrischer Bierkutscher bei der Oktoberfestparade, wobei ich mir fest vornehme, Zivilcourage zu zeigen. Beim nächsten Chinesen, den ich unangeschnallt im Bus erwische, werde ich meine neu erworbenen Fremdsprachenkenntnisse ausprobieren.

       »Hey you, Heng di o!«

       Und bei Nichtbeachtung, so witzele ich selbst in mich hinein, verurteile ich ihn zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe in unserem berühmtberüchtigten, kölnischen Gefängnis, Hu Wäng lang Jäng. Zu Hochdeutsch, Hohe Wände lange Gänge.

       Ein paar Busfahrten später: Auf der Sitzbank auf der anderen Seite des Mittelganges, nimmt ein mit seinem Handy beschäftigter Chinese Platz. Der Bus zockelt los. Und der Typ hat sich immer noch nicht angeschnallt. Mein Einsatz!

       »Hey you«, gehe ich den Gurtmuffel streng an, um von vornherein Respekt zu erzeugen, »Heng di o!«

       Der Chinese sieht mich mit einem »Tin-bu-tong-Gesicht – Ich-nix-verstehen«, an.

       Mit dem Wissen um die Schwierigkeit der chinesischen Phonetik und der nicht auszuschließenden Möglichkeit, dass es der asiatische Kollege auf den Ohren hat, wiederhole ich. Langsamer, betonter, lauter, »HENG DI O!«

       Woraufhin sich der von androgenetischem Haarausfall betroffene Kopf von Kollege Hubert rumdreht und in seiner oberbayrischen Gelassenheit zu mir spricht.

       »Scho da Amerikanische Politika, Woida Mondail hod gsagt, Wer glaubt alles zu verstehen, was um uns herum passiert, ist hoffnungslos verwirrt

       Verdutzt sehe ich Hubert an, während er nachlegt.

       »Wos auf des Problemfoid neba dia bezong bedeit, dass da Kinäs koa Boarisch verschdäd.«

       Hubert, der mir meine geistige Trägheit offenbar ansieht, macht eine künstliche Pause. Gibt mir einen langen Moment Zeit, das Gesagte zu verarbeiten, bevor er  in ruhigem Tonfall fortfährt.

       »Wea lesn ko hod klar an Voateil. Wos dem Lesa awa bloß dann nutzt, wann ea des glesne a verschdäd! – Wann Glaum und Wissen oans san«.

       Meine hinter Huberts Gerede herhinkenden Gedanken sind ihm dankbar dafür, dass er erneut eine Kunstpause einlegt. (Und wenn die Busfedern aufgrund der wellenartig geteerten Asphaltdecke nicht so laut quitschen würden, könnte er meinen auf Hochtouren mechanisch arbeitetenden Gedankenapparat klicken und klacken hören.)

       Plötzlich macht es laut und deutlich Pling. Mein Groschen war gefallen.

       Woraufhin Hubert dankenden Blickes, hoch zur Busdecke sieht, dabei erleichtert ausatmet und ohne das von mir erwartete, Na endlich! anzufügen fortfährt.

       »Mach da nix draus Stephan, du bist ned da easchde Preiss der wo im Bus midfohrd und dea wo Heng di o! ned ois Boarisch dakennt, sondan moand, des is Kinäsische Lautschrift.«

       (Hubert grinst kurz aber breit.)

       »Awa du bist da easchde, der wo den von mia gschriema Zettl so eanst gnumma hod und bei am Kinäsn ausbrobiert hod. So, und jetz schreibst amoi a scheene Gschicht drüwa. Awa desmoi mid dia in da Hauptroin ois demjenign, der wo des ned dagneist hod. Villeicht ois Denkanschdoss mid dem Goethe-Zitat: Es gibt Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, verstünden sie auch

    Zhangjiagang, China im Juni 2010
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Berufsalltag oder Alltagsflucht"