Deutschland: Land der Ideen

»Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist!« [1]

   Ich habe eine Idee! Was nicht verwunderlich ist. Schließlich bin ich ein Deutscher. Geboren in Deutschland. Im Land der Dichter und Denker. Im Land der Ideen!

»Ein Mann mit einer neuen Idee ist unausstehlich, bis er der Idee zum Erfolg verholfen hat[2]

   All die unzähligen Ideen unserer Väter und Großväter und Urgroßväter haben Deutschland zu dem gemacht, was es heute ist: Eine weltweit hoch angesehene Industrienation. Was mir die Kunden der Buss SMS Canzler GmbH, überall auf der Welt bestätigen. Weswegen ich, der berufliche Querweltein-Reisende, es als meine Vaterlandspflicht ansehe, dieses Erbe, das im Deutschen Idealismus wurzelt, fortzuführen. Als Standortinitiative und Imagepflege. Deswegen muss ich meine Idee umsetzen. Unbedingt. Hier und jetzt!

»Jede wirklich neue Idee ist eine Agression.« [3]

   Die sofortige Umsetzung meiner Idee dürfte allerdings schwierig werden. Denn ich bin gerade auf der Arbeit, wo man normalerweise die Ideen seines Chefs umzusetzen hat. Manchmal sogar dann, wenn die eigene Idee besser ist als seine. Ich höre noch die Worte unseres alten Betriebsleiters, Willi Franken, zu Canzler-Zeiten. Wie er einem berufserfahrenen Kupferschmied-Kollegen, der einen Vorschlag anbringen wollte, barsch über den Mund fuhr, »Du wirst hier nicht fürs Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten!«

»Mancher lehnt eine gute Idee bloß deshalb ab, weil sie nicht von ihm ist.« [4]

   Stünde meine aktuelle Idee in direktem Bezug zu meiner Arbeit (tut sie nicht), würde eine derartige Unverschämtheit meinem jetzigen Chef nie über die Lippen kommen. Niemals! Im Gegenteil. Er ist bestrebt, das Ideenpotential jedes einzelnen Mitarbeiters zu nutzen. Um diesen wertvollen Schatz in den Köpfen seiner Belegschaft bergen zu können, hat er, clever wie er ist, ein Verbesserungs-Vorschlagswesen ins Leben gerufen. Will heißen: jeder Mitarbeiter kann seine, mit der Arbeit zusammenhängende Idee, in schriftlicher Form einreichen. Wer sich auf dem Papier nicht auszudrücken traut, erhält die Unterstützung eines Betriebsratsmitgliedes. Ein paritätisch besetzter Ausschuss prüft dann, welchen Nutzen dieser Vorschlag der Firma bringt. Und er entscheidet, in welcher Höhe er dem Mitarbeiter als Einmalzahlung vergütet wird. Deutschland: Made by Mittelstand.


  • »So oft einer meiner Leute eine Idee hat, bitte ich ihn, sie schriftlich niederzulegen. Ich möchte nicht, daß mich jemand bloß durch seine schöne Stimme oder seinen Charme für einen Plan einnimmt. Man kann sich das wirklich nicht leisten.« [5]

       Selbst Chefs, die sich, aus welchem Grund auch immer, gegen ein Verbesserungs-Vorschlagswesen sträuben, können nicht abstreiten, dass eine gute Idee die einzige – ich wiederhole und unterstreiche – einzige Ressource in unserem rohstoffarmen Deutschland ist.

    »Wenn dir jemand erzählt, deine Idee sei verrückt - höre nicht auf ihn.« [6]

       Zurück zu meiner Idee. Bei der es sich nicht bloß um irgendeine Idee, sondern um die Idee handelt! Um solch eine, nach der jeder irgendwann mal in seinem Leben sucht. Eine ultimative, revolutionäre, noch nie dagewesene Idee. Eine, die einem von heute auf morgen den großen Durchbruch verschafft. Ansehen, Ruhm und Ehre. Und ein finanziell sorgenfreies Leben. (Soweit mein Phantasiegebilde.) Doch wie setzt man seine Idee bloß um?

    »Eine Idee muß Wirklichkeit werden können oder sie ist eine eitle Seifenblase.« [7]

       Um ehrlich zu sein, habe ich nicht nur eine Idee. In meinem Kopfe blubbert’s vor Ideen. Wie aufsteigende Gasblasen in einem Topf kochendem Wasser.

    »Man muß nicht nur mehr Ideen haben als andere, sondern auch die Fähigkeit besitzen, zu entscheiden, welche dieser Ideen gut sind.« [8]

       Doch welcher Idee soll ich mich mit ganzer Kraft zuwenden?

    »Das Schwerste an einer Idee ist nicht, sie zu haben, sondern zu erkennen,

    ob sie gut ist.« [9]

       Um den Wert meiner Ideen objektiver abzuschätzen, könnte ich einige meiner studierten Arbeitskollegen einweihen. Sie um ihre Meinung fragen. Die dann aber wahrscheinlich denken, dass meine Ideen nur geklaut sind; mich für einen Spinner halten; den Standpunkt vertreten, dass Erfinder, Doktoren, Forscher oder Ingenieure wie sie große Ideen haben. Aber doch kein Kupferschmied!

    »Ob die Gedanken wirklich aus den Köpfen stammen? Meist stammen sie aus

    zweiter Hand«. [10]

       Andererseits kann es mir ziemlich egal sein, was andere von mir und meinen Ideen denken. Ich weiß ja, dass sie von mir sind. Das reicht. Jedoch, wie kann ich sicher sein, ob die auserwählte Idee die richtige ist? Ob sie auch wirklich wertvoll ist? – Selbstzweifel kommen auf.

    »Eine gute Idee erkennt man daran, daß sie geklaut wird«. [11]

       Es wird wohl klüger sein, wenn ich meine Idee für mich behalte. So kann sie mir keiner ausreden. Oder gar stehlen. Denn im Gegensatz zu einer eigenschöpferischen Leistung, die urheberrechtlich nach, § 2 Abs. 1 Nr. 7 UrhG, geschützt ist, ist meine Idee juristisch nicht schützbar.

    »Das schönste aller Geheimnisse ist, ein Genie zu sein und es als einziger zu wissen.« [12]

       So wie es ausschaut, kann ich bezüglich meiner Idee keinem, außer mir selber, trauen. Ideen zu haben, ist einfach. Sie umzusetzten, nicht.

    »Genialität besteht zu 1 % Prozent aus Inspiration und zu 99 % aus Transpiration«. [13]

       Auch Otto Lilienthal musste feststellen, dass die Umsetzung einer Idee, verdammt hart sein kann. Es war im Jahre 1896. Bei einem seiner legendären Gleitflüge mit einem selbstgebauten Flug-Apparat. Beim ersten Trudelunfall der Luftfahrtgeschichte, brach sich der Pionier das Rückgrat. Auf seinem Sterbelager sagte er, »Opfer müssen gebracht werden«. So steht es geschrieben. Auf seinem kupfernen Grabdeckel auf dem Berliner Friedhof Lankwitz. Was mich zu der Frage drängt, wie hoch eigentlich meine Entschlossenheit ist? Wäre auch ich zu einem solch halsbrecherischen Opfer bereit? Würde auch ich meine Idee, mit aller Konsequenz umsetzen? Bis zum bitteren Ende? – Bevor ich durchstarte, sollte ich’s lieber noch mal durchdenken. Mögliche Risiken abschätzen.

    »Große Gedanken brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell zum Landen«. [14]

       Aber bloß nicht zu lange nachdenken!
    [...]

     Quellen:
    [1]: Victor Hugo (1802-85), frz. Dichter der Romantik
    [2]: Mark Twain (1835-1910), eigtl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller
    [3]: Meret Oppenheim (*1913), dt. Objektkünstlerin u. Malerin
    [4]: Luis Buñuel (1900-83), span. Filmregisseur
    [5]: Lee Iacocca (*1924), amerik. Topmanager, 1979-92 Vorstandsvors. Chrysler Corp.
    [6]: Michael Dell (*1965) amerik. Unternehmer, Gründer u. Chef v. Dell Computer
    [7]: Berthold Auerbach (1812-1882), dt. Schriftsteller
    [8]: Linus Carl Pauling (1901-94), amerik. Chemiker, 1954 u. 1962 Nobelpr.
    [9]: Chris Howland (*1928), engl. Entertainer
    [10]: Wieslaw Brudzinski (1920-1996), poln. Schriftsteller
    [11]: Rudi Carrell (1934-2006), niederl. Unterhaltungskünstler
    [12]: Mark Twain (1835-1910), eigtl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller
    [13]: Thomas Alva Edison (1847-1931), amerik. Erfinder
    [14]: Neil Armstrong (*1930), amerik. Astronaut, 1969 erster Mensch auf dem Mond

    Darmstadt, Deutschland im Frühjahr 2014
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Die Entdeckung der Erfinderkinder"