Erfinderkinder

»Die schönste Reise ist die eines Kindes
in das Land der Fantasie.«
Ronald Schmid (* 1949)

Wie kam es eigentlich zu dieser Geschichte?

   Bevor ich mit der Beantwortung dieser Frage beginne, möchte ich Sie gerne etwas fragen. Was glauben Sie: Welche Gemeinsamkeit haben Isaac Newton, Hermann Bahlsen, James Watt, Gottlieb Daimler, Alfred Nobel und die Wichtelgruppe des Darmstädter Kindergartens Kli-Kla-Klawitter? Ich gebe Ihnen zwei Gedankenstriche lang Zeit: – –

   Und, wie schaut’s? Haben Sie eine Idee? Nein? Egal, ich verrat’s Ihnen: die einen waren große Erfinder; Visionäre die unsere Welt veränderten. In den anderen schlummert das Potential, es zu werden. Wenn, ja wenn … Aber ich greife vor. Alles der Reihe nach.

   Begonnen hat diese Geschichte beim Frühstück auf unserer Gartenterrasse, daheim in Darmstadt. An einem mildwarmen Sonntagmorgen im Wonnemonat Mai. Aus dem Körbchen dufteten die Aufback-Brötchen. Hoch über uns verzierten ein paar flauschige Deko-Wölkchen den sonst blauen Himmel, wozu ein kaum wahrnehmbares Lüftchen das grüne Frühlingsblätterkleid der Edelkastanie im Nachbargarten wiegte. Mir schien, als würde der in ihr hausende Kastaniengeist mir mit tausenden Händen zuwinken. Mir einen Guten Morgen wünschen, wie es sich unter Nachbarn eigentlich gehört, weswegen ich dem freundlichen Baumgeist zurückwinkte.

   Um unser Apfelbäumchen summten fleißige Bienchen, emsig unterwegs. Durch nichts von ihrem göttlichen Auftrag abzubringen: Bestäuben und Befruchten. Von Blüte zu Blüte … Blütenhopping. Musikalisch begleitet vom Pfeifen, Zwitschern und Tirilieren aus den umliegenden Tannen.

  •    Beim Tischdecken hatten wir bereits unsere Nagetiernachbarn entdeckt und beobachtet. Das uns immer wieder mal durch ihr Schauspiel unterhaltende Eichhörnchen-Pärchen: wenn die possierlichen Tierchen einzeln, oder sich gegenseitig durch das verzweigte weit ausladende Geäst des Kastanienbaumes jagend, ihre rotbraunen Körper blitzschnell vorwärts bewegen. Wenn sie ihren buschigen Schwanz beim grazilen Lauf als Balancierhilfe, und beim Sprung als Steuerruder verwenden; und wie sie, selbst an glatten, senkrecht verlaufenden Ästen, kopfüber sicher klettern.

       Eben war eines der beiden Eichhörnchen an einer Astgabel abrupt abgebogen. War dem krummen, immer dünner werdendem Verlauf des Astes entlanggewetzt und, kurz vor dessen Ende, mutig auf einen Ast des benachbarten Nadelbaumes gesprungen, in dessen Fächergrün wir es aus den Augen verloren. Was für ein herrlich unterhaltsames Naturschauspiel!

       Die einzigen Nachbarn die wir fast nie zu Gesicht bekommen, sind die Vampire. Nur manchmal flattern zur Abenddämmerung ein oder zwei Fledermäuse durch unseren Garten.

       Zurück an den Sonntagsfrühstückstisch.

       Uns drei umgab eine friedliche, heimelige Welt, wie man sie aus Kinderbuchgeschichten kennt. Zwischen dem letzten Happen ihres Honigbrotes und dem nächsten Zug am Neonstrohhalm in ihrer Kakaotasse, meinte Emely7, die sechsjährige Tochter von Eveline, dass sie Lust hätte, eine Maschine zu erfinden! Aus heiterem Himmel sagte sie dies. Einfach so. Ohne sich zuvor die Schlafanzugärmel hochzukrempeln und in die Hände zu spucken. Leute, ich hätte jetzt Lust, eine Maschine zu erfinden. Als gehöre dies zu den kinderleichtesten Aufgaben: als Sechsjährige während dem Frühstück eine Maschine zu erfinden.

       Emelys Einfall war kindisch, aber göttlich schön, um es mit den Worten des deutschen Dichters Friedrich von Schiller zu beschreiben. Ihre Idee löste in mir eine Flut von Blitzgedanken aus. Ist Erfinden tatsächlich so einfach? Kaum vorstellbar, wenn ich an meine berufserfahrenen Kollegen von der Konstruktion denke: wie lange sie benötigen, um allein die Zeichnungen einer ihnen bekannten Maschine zusammenzustellen. Geschweige denn, eine gänzlich Neue zu erfinden. Ein anderer Blitzgedanke war, wie Emely bloß auf diese ungewöhnliche Idee kommt? Zumal eine Maschine in absolut keinem Zusammenhang mit ihrem aktuellen Umfeld stand. Weder mit dem gedeckten Frühstückstisch, noch mit der friedlichen Natur. Aber vielleicht ja mit mir, war mein nächster Blitzgedanke: Emely kam durch meinen Beruf auf die fixe Idee. Weil ich erst zwei Tage zuvor aus China zurückgekommen war; ihr vom Aufbau der Maschine dort erzählt hatte. Ich spürte, wie mein Technikerherz vor Freude hüpfte. Wie der im Wochenendmodus schlummernde Arbeitsbereich meines Gehirns plötzlich elektrisiert wurde. Wie das Arbeitstier in mir in Hochspannung versetzt wurde.

       »Welche Maschine möchtest Du denn erfinden«, fragte ich Emely; spürte aber auch, wie mich mein Übereifer – Alles-sofort-und-zur-gleichen-Zeit-zu-tun – fast übermannte. Doch ich unterdrückte diesen irren Impuls. Schaffte es, nicht vom Stuhl aufzuspringen, um Zeichenbrett, Bleistift und Millimeterpapier zu holen. Stattdessen hörte ich Emely erst einmal zu. Und zwar aufmerksam.

       »Hmm, weiß nicht so recht«, antworte sie mit einem lässigen Schulterzucken wobei ihr Blick durch die Krone der Kastanie streifte. In ihrer Stimme lag eine kindliche Leichtigkeit, die im Erfinden toller Maschinen grenzenlos zu sein schien. Aber ebenso leicht konnten ihre Gedanken wieder verwehen. Wie herabgefallenes Blätterlaub im Herbstwind.

       Behutsam versuchte ich, den in ihr aufgekeimten Erfinderdrang voranzutreiben.

       »Wie soll deine Maschine denn aussehen, Emely?«

       »Schön sollte sie sein. Groß. Und bunt.« Sie machte eine kurze Pause. »Und bewegen sollte sie sich können«, meinte sie, wobei ihre großen Augen klar und rein funkelten. Als könne sie die Maschine bereits in Aktion sehen.

       »In alle Richtungen bewegen. Und meine Maschine braucht viele Arme.«

       »Na, das hört sich ja spannend an!«, lobte ich sie.

       »Und weißt du auch schon, was deine schöne, große, bunte Maschine können soll?«

       »Mein Kinderzimmer aufräumen!«, antwortete sie ad hoc.

       Und ich war baff. Weil sie dies mit einer Selbstsicherheit sagte, wie ich sie eigentlich von jemandem erwarte, der sehr lange über eine Erfindung nachgedacht hat. Um seine Idee dann, minimiert auf ihre Essenz, vor einem Fachpublikum zu verkünden.

       Während Emely mit dem Strohhalm die letzte Kakaopfütze vom Boden ihrer Tasse schlürfte, saß ich still da. Ließ ihre Worte tiefer in mich hineinsinken. Auf den Techniker in mir wirken, der sich, obschon Sonntag war, ernsthaft versuchte vorzustellen, was man für den Bau einer Kinderzimmer-Aufräum-Maschine so alles benötigt. – Denn Ideen halten sich nicht. Es muß etwas mit ihnen getan werden, sagte schon Alfred North Whitehead, der große englische Mathematiker u. Philosoph.

       Derweil ich philosophierte, nahm Emely den Strohhalm aus ihrer leeren Tasse. Hielt ihn zwischen ihren Lippen, legte den Kopf in den Nacken um auch die letzten, sich im Halm vereinenden und hinunter in ihren Mund rinnenden Tröpfchen genießen zu können.

       »Du kannst gern noch eine Tasse Kakao haben«, bot Eveline ihr mit fürsorglicher Stimme an. Emely schüttelte verneinend und übertreibend den Kopf, sodass ihre blondbraunen Haare zwischen Nase und Ohren hin- und herflogen. Dann ruckelte sie mit ihrem Stuhl bis auf Armabstand vom Tisch weg und sah ihre Mama fragend an. Die durch ihren Mutterinstinkt wiederum genau wusste, was ihre Tochter vorhatte. Eveline nickte wortlos. Emely sprang auf. Wetzte in Schlafanzug und barfuß über den Rasen zu ihrem Trampolin: um zum körperlichen Ausgleich vom geistigen Erfinden ausgelassen zu hüpfen. Womit die kleine Emely intuitiv genau das tat, was unsere Betriebsärztin Frau Dr. Fritsch »den Großen« empfiehlt. Besonders den Schreibtischtätern der Buss SMS Canzler: Während ihrer überwiegend sitzenden Tätigkeit immer mal wieder aufzustehen und ihren Körper wie ein windgebeuteltes Bäumchen zu schütteln. Und zwar kräftig! Eine Minute durchschütteln. Drei bis vier Mal pro Arbeitstag, so die Empfehlung unserer Frau Dr. Fritsch. Um sich dann wieder lockerleicht an die Arbeit zu machen.

       Eveline und ich sahen Emely von der Terrasse aus zu, wie sie, quietschfidel wie ein Gummiball, auf ihrem Trampolin auf und ab titschte.

       »Hast Du das mitbekommen? Sie hätte gern eine Kinderzimmer-Aufräum-Maschine!«, sagte ich zu Eveline und setzte im selben Atemzug hinten an. »Hast du ne Ahnung, ob es sowas schon gibt?«

       Einen Wimpernschlag später bekam ich die Antwort.

       »Wenn es eine solche Wundermaschine gibt, ist sie von einer dreifachen Mutter erfunden worden«, meinte sie mit einem Schmunzeln, wobei sie mit Armen und Oberkörper eine roboterartige Aufräumbewegung vollzog.

       »Ich frag‘ mich, wie es ein Kind eigentlich schafft, sein ordentlich aufgeräumtes Kinderzimmer, in wenigen Augenblicken auf Links zu drehen?«

       »Frag dich doch selbst. Du warst doch auch mal ein Kind«, antwortete Eveline weise, ging aber nicht weiter darauf ein. Lenkte unser Gespräch stattdessen auf einen lösungsorientierten Weg.

       »Da das Thema Aufräummaschine unter den Kindergarteneltern bislang noch nie aufkam, gehe ich davon aus, dass es eine solche nicht gibt.«

       »Ist logisch«, sagte ich flach. Als ob ich mir diesen schlauen Gedanken nicht bereits selber zusammengereimt hätte. Eveline sah mich mit forderndem Blick an. Als wolle sie mir die Chance geben, die Konsequenz ihrer Worte zu erkennen und auszusprechen. Was ich dann auch tat.

       »Na, dann wird es Zeit, dass wir schleunigst eine Kinderzimmer-Aufräum-Maschine bauen und in den Handel bringen. Die Nachfrage ist sicher riesig. Unordentliche Kinderzimmer gibt es schließlich überall auf der Welt«, sagte ich und dachte an die strapazierten Nerven aller Eltern, die ihre Kinder, selbst durch Eis-im-Hörnchen und abends länger Fernsehen, nicht dazu motivieren können, ihr Kinderzimmer aufzuräumen.

       »Unsere Erfindung ist weltmarkttauglich«, jubelte ich. »Und überdies ein aktiver Beitrag für den globalen Familienfrieden.«

       Es schien, als hätte ich eine attraktive Marktlücke gefunden!

       Doch Eveline verzog ihre Mundwinkel und kullerte dazu mit ihren schönen Augen. Sie wusste genau, dass ich gedanklich in meinen Alles-zur-gleichen-Zeit-tun-Modus hineingeschliddert war. Ließ mir großzügigerweise aber die Freude, mich noch ein Weilchen darin auszutoben. Wahrscheinlich, weil Sonntag war.

       »Gleich morgenfrüh gehe ich zu meinem Chef und werde ihm Emelys Erfindung unterbreiten, auf das wir sie gemeinsam in seinem Unternehmen umsetzen. Nein, halt! Es ist wohl geschickter, wenn ich Emely nicht erwähne. Weil ich nicht einschätzen kann, wie er auf eine Geschäftsidee von einer Sechsjährigen reagiert. Mein Chef ist Unternehmer. Denkt demnach auch wie einer: primär wirtschaftlich. Sekundär technisch. Er denkt wie ein Erwachsener. Weder naiv, noch träumerisch. Weswegen eine rosarote Plüschmaschine so ziemlich das Letzte sein dürfte, woran er denkt. Allerdings ist er auf meine Verbesserungsvorschläge bislang immer eingegangen. Daher werde ich versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass sich durch den Bau einer SMS-Kinderzimmer-Aufräum-Maschine® ein neues Standbein für seine Firma ergebe. Verstärkt durch das Argument, dass der Dünnschichtverdampfer, die Kerngeschäftskomponente, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurde, keine Geheimnisse mehr berge und inzwischen von jedem Chinesen billig nachgebaut werden könne. Deswegen könnten wir-.«

       »Gemeinsam den Frühstückstisch abräumen«, fiel mir Eveline ins Wort, wodurch sie meine Gedankensintflut abrupt unterbrach.

       »In einer Stunde kommen Maren und Tobi mit den Kindern. Wir wollen doch mit den Rädern zum Oberwaldhaus fahren. Vor lauter Erfinden schon vergessen?«

       Ich erinnerte mich. Tat, was mir befohlen und versuchte mich auf das zu konzentrieren, was wir gerade taten. Mit mäßigem Erfolg. Sowohl beim Einräumen der Spülmaschine, als auch beim Radeln mit unseren Freunden durch die an Darmstadt angrenzende Natur, begleitete mich Emelys Idee. Bei jedem Handgriff und auf Schritt und Tritt. Die Vorstellung, solch eine Wundermaschine zu bauen und in Aktion zu sehen, war einfach zu reizvoll. Überdies hatte ich etwas Großartiges entdeckt: das in einem Kind steckende Erfinder-Potential. Die Fähigkeit, ein Problem zu erkennen und eine noch nicht vorhandene Lösung dafür zu suchen.

       Für Emely war das Problem ihr unaufgeräumtes Kinderzimmer. Aus ihrer Sicht gab es zwei Lösungen.

       a.) Ich, Emely, muss selber aufräumen.

       b.) Mama oder Stephan räumen auf.

    Da für Emely Lösung a.) zu aufwendig war und ihr Lösung b.) auf Dauer sehr unwahrscheinlich erschien, erfand sie einfach Lösung c.) die Kinderzimmer-Aufräum-Maschine. Getreu dem Erfinder-Motto: Problem erkannt, Problem gebannt!

       Diese Erkenntnis brachte mich wiederum zu der Frage, ob dieses kostbare Erfinderkinder-Gen auch in anderen Kindern steckt? Ob sich alle Kinder von sich aus in ihrer Kreativität ausprobieren und entfalten wollen? Oder ob sie dazu angestupst werden müssen? Dies galt es herauszufinden.

    […]

    Darmstadt, Deutschland im Frühsommer 2014
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Die Entdeckung der Erfinderkinder"