Die Rückkehr der Jedi Ritter

   Mit dem physikalischen Begriff »Laser«, wurde ich erstmals im Jahre 1978 konfrontiert. In Episode I der Space Opera, Krieg der Sterne.

Es war einmal vor langer Zeit
in einer weit, weit entfernten Galaxis …

(Sekunde bitte. Zur perfekten Einstimmung ins Thema, spiele ich noch eben die unverkennbare Star Wars Eröffnungsmelodie mit ein.)

   »Ta Ta, Ta-da-da-da Ta, Ta-da-da-da Ta, Tadadada …«
Womit wir bei der Geschichte des Star Wars Lasers wären. Diese begann damit, dass Obi-Wan Kenobi, in Anakin Skywalker den Auserwählten erkennt; ihn aufgrund einer uralten Prophezeiung zum edlen Jedi-Ritter ausbildet, damit der Auserwählte das Gleichgewicht der Macht wieder herzustellen vermag. Er lehrt Anakin, nach der Macht des Guten zu leben und zu handeln, wobei seine Jedi-Stärke auf drei Säulen beruhen soll: auf Disziplin, Wissen und der Guten Macht.

   Doch Anakin ist schwach. Lässt sich vom Imperator Palpatine zur dunklen Seite der Macht verführen und wird, Voila! zu Darth Vader, der in seiner neuen Rolle, unter dem klobig-schwarzen Helm, hörbar schwer zu atmen hat: als Diener des Imperators. Im Laufe der Geschichte kommt es zum Zweikampf: Zwischen Lehrer und Schüler. Auf spektakuläre Weise – nicht zu vergessen, dieses Kino ist über fünfunddreißig Jahre her! – kreuzen sich Darth Vaders und Obi-Wan Kenobis Laserschwerter.
   (Obacht, jetzt wird’s etwas verworren.)

   Mitten im Gefecht taucht Darths, sprich Anakins Sohn auf: Luke Skywalker. Bei dessen Anblick lässt sich der weise und voraussichtige Obi-Wan Kenobi absichtlich durch Darth Vaders Laserschwert töten. Woraufhin der erbitterte Kampf zwischen Gut und Böse erst richtig losbricht. Luke Skywalker tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Er lässt sich zum Jedi-Ritter ausbilden und wird zum klassischen Helden, der mit einer Armada von Laserschwertern bewaffneten Jedis gegen den Schwarzen Ritter, also gegen seinen eigenen Vater, ankämpft. Und als ob Luke damit nicht schon genug am Hals hätte, versucht er nebenbei, Prinzessin Leia aus der Hand des bösen Imperators zu befreien. Dass Leia, Lukes Schwester, sprich Darths Tochter ist, weiß weder Bruder Luke, noch Papa Darth. Ein Kölner würde jetzt sagen, »Was für ein Geklüngel!«

   Doch von Episode zu Episode muss Luke mehr und mehr erkennen, dass er die böse Macht, sprich den Imperator, nicht im Alleingang besiegen kann. Diese tiefe Einsicht lässt ihn die weise Strategie zur Lösung des Problems erkennen: Er muss sich mit Darth Vader verbünden. Muss in ihm, in Anakin, das Gute neu erwecken. Und er muss Anakin, sprich, seinen Vater, dazu bringen, sich sein eigenes Leben vor Augen zu führen, um den Imperator zu töten.

   Wie Sie sicher bemerkt haben, ist die Rettung der Guten Macht eine ziemlich vertrackte Geschichte. Aber eine überaus spannende! Ebenso spannend, wie die von der Bündelung des Lichts zum Laser. Was schließlich die Grundvoraussetzung zum Bau eines Laserschwertes ist. Welches wiederum zur Rettung der Guten Macht, von entscheidender Bedeutung ist.

   »Ta Ta, Ta-da-da-da Ta, Ta-da-da-da Ta, Tadadada …«

   George Lucas war zwar nicht der Entdecker des Lasers. Aber er war der Erfinder des Laserschwerts. Nannte es allerdings Lichtschwert. Egal ob Licht oder Laser: Die von seinem Schwert Ende der siebziger Jahre ausgehende Science-Fiction-Magie war ebenso gewaltig wie, ein paar Milliarden Jahre zuvor, der Urknall. Ein Kumpel von mir, Ingo, wurde davon ganz besonders elektrisiert. Entfachte in ihm die wundervollen Fähigkeiten von Einfallsreichtum, handwerklichem Geschick und Improvisationstalent. Aus ein paar Metern Kabel, Lüsterklemmen, dem Handgriff einer Taschenlampe und einer aus dem Partykeller seiner Eltern stibitzten, mit rotem Pergamentpapier beklebten Neonröhre baute er sich – Wow! – ein echtes Laserschwert. Mit dem er nach Einbruch der Dunkelheit, im elterlichen Garten, für die Rettung der Guten Macht kämpfte. Mit einem über seinen Kopf gestülpten, schwarzen Eimer, in den er zuvor Augenschlitze und ein ovales Loch für seinen Mund, herausgearbeitet hatte. Schwerfällig unter seinem Helm atmend, kämpfte Ingo gegen das Böse aus einer fernen Galaxie. Gegen die laserbewaffnete Armee des Imperators. Dass diese in Wirklichkeit tanzende Glühwürmchen waren, ignorierte Ingo geflissentlich. In seinen Augen, war er der Auserwählte. Wurde zum Retter der Guten Macht. Während seine Eltern sich ernsthafte Sorgen um die geistige Gesundheit ihres Sohnes machten, war Ingo für mich ein klassischer Held: der Don Quichote des Jahres 1978.

  •    Nach unserer Schulentlassung begann Ingo eine Lehre als Illuminator in einem Lampengeschäft, wurde ehrenamtlicher Präsident des Europäischen Stars-Wars-Fan-Clubs und Mitbegründer der Jedipedia Internetplattform.

       Mein zweites Erlebnis mit der Laser-Technologie erfuhr ich durch Onkel Heinz. Mit Mitte Siebzig litt mein sonst rüstiger Patenonkel am Grauen Star; an der altersbedingten Trübung der Augenlinsen. Statt, wie im Chirurgischen Steinzeitalter noch mit Hammer und Meißel, rückte der Operateur seinen Augen mit einem Femto-Sekundenlaser auf die Pelle. Einem Laserstrahl, der in 0,000 000 000 000 001 Sekunden 0,3µm zurücklegt. Was einer Strecke entspricht, die hundert Mal kürzer ist, als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Mit solch einem Feinwerkzeug öffnete der Operateur die Linsenkapseln meines Onkels, um dessen darunterliegenden, altersschwachen Linsen zu zertrümmern. Als Wiedergutmachung bekam er künstliche Linsen eingesetzt. Volltreffer! Beziehungsweise, mit vollem Erfolg: Null Dioptrien.

       Die dritte Erfahrung lehrte mich die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt, kurz, die SLV-Duisburg. Während meiner Weiterbildung zum Europäischen Schweißfachmann wurde auch das Thema Laserschweißen behandelt. Zwar nur kurz und knapp, aber immerhin derart, dass ich eine in mir festgesetzte Meinung ändern musste. Bis dato war ich felsenfest überzeugt, dass man per Laserstrahl nur menschliche Gliedmaßen abtrennen konnte. So hatte ich es bei den Jedis gesehen. Die SLV lehrte mich, dass ein Laserstrahl auch Metallbleche zu trennen vermag.

       Dass ich meine vierte Lasererfahrung in Thailand machen sollte, konnte ich zu jener Zeit in Duisburg noch nicht mal erahnen. Zu verdanken habe ich diese meinem Chef. Er schickte mich nach Südostasien. Zur Reparatur zweier Kurzwegverdampfer-Rotoren. Was zur Freude meines Chefs und zum Leid unseres japanischen Kunden, nach Ablauf der vertraglich vereinbarten Gewährleistung geschah.

       Elf Stunden dauerte der Flug nach Bangkok. Was sich erst einmal schlimmer anhören mag, als es war. Die meiste Flugzeit über spürte ich sogar die Leichtigkeit des Seins; vorn, in Business-Class, an Bord eines Thai-Airbusses A380. Wo ich mir, nach dem Dreigänge-Menü in gemütlicher Halbliegeposition einen Jasmin-Tee genießend, die Reparaturabfolge ausmalte.
    Der Kunde hatte uns im Vorfeld Fotos vom Schaden zugemailt. Außerdem kannte ich die Anlage: die Erweiterungsstufe der bestehenden Silikonanlage, von der Inbetriebnahme im Dezember 2012. Weshalb ich ziemlich genau wusste, was mich in Thailand erwartete: Risse! Mindestens achtzehn Stück an der Zahl. Blitzartig verlaufend, quer durch den Edelstahl der Rotorwinkelprofilleisten. Für erste Spekulationen im Hinblick auf die Schadensursache war es eigentlich viel zu früh. Dennoch philosophierte ich darüber: Interkristalline Korrosion; zu hohe Bauteileigenspannungen; ein Konstruktionsfehler oder ein zu hochviskoses Produkt, wodurch der Rotor vibrierte. Die genauen Vorort-Untersuchungen und die Schliffprobe würden es letztendlich zeigen. Denn Stahl, so sagen wir Metaller, vergisst nicht. Niemals!

       Versonnen blickte ich aus dem Bullaugenfenster in den sternenklaren Nachthimmel über Indien. Sah mich gedanklich schon mit kreischender Schleifmaschine herumhantieren. Jeden Riss etwa bis zur Hälfte der Materialdicke ausschleifen. Anschließend eine V-förmige Fuge fasen. Dann müsste ich schweißen. Und dabei ganz sicher viel schwitzen. Aufgrund der thailändischen Hitze, der Strahlwärme beim WIG-Schweißen, des dicken Arbeitsanzuges, den Stulpenlederhandschuhen und dem schwarzen Schweißhelm, unter dem ich schwerfällig atmen würde … Ähnlich wie damals mein Kumpel Ingo, unter dem Eimer. –
    Nach dem Schweißen müsste ich wieder schleifen. Von der Gegenseite ausschleifen. Bis zur Nahtwurzel. V-förmig fugen und gegenschweißen. Lage für Lage, für Lage. Wie ich es während meiner Kupferschmieden-Zeit praktisch getan und später, zur theoretischen Vertiefung, als Europäischer Schweißfachmann gelernt hatte.

       Doch wie so häufig im (Berufs-)Leben kam es anders, als im Siebten Himmel über den Wolken, ersonnen. Unser Kunde hatte ebenfalls die Möglichkeiten der Reparaturschweißung durchdacht. Allerdings anders als ich, auf dem festen Boden der Tatsachen. In seine pfiffige Überlegung war mit eingeflossen, dass es sich bei einem Rotor um ein zentrisches Bauteil handelt; welches im Anschluss an die Reparatur und gemäß seiner Bestimmung, wieder rundlaufen muss. Ohne zu eiern. Ohne zu schwingen. Ohne Vibration. Die große Herausforderung war: der Rotor darf sich, durch die eigentlich hohe Wärmeeinbringung beim Schweißen, nicht verziehen. Keinen Millimeter! Was ich als Europäischer Schweißfachmann eigentlich auch hätte mitbedenken müssen. Andererseits war ich mir ziemlich sicher, dass auch in Thailand das Verzugsfreie Kaltschweißen, noch nicht erfunden worden war.

       Was die Thais jedoch können, so erfuhr ich vom Kunden bei der Eingangsbesprechung am späten Nachmittag, ist Laserschweißen. Die Risse am Rotor würden –  Wow! – durch einen Laser repariert werden.

       »Ta Ta, Ta-da-da-da Ta, Ta-da-da-da Ta, Tadadada …«

    Mit dieser Sensation im Kopfe, wurde ich nach Rayong ins City Hotel entsandt. Der Plant Manager unseres Kunden, Mister Keiichi Nagasawa, der mich auch bei meinem letzten Besuch vor vierzehn Monaten betreute, wollte mich um halb Sieben in der Lobby abholen. Doch statt mich gedanklich aufs Bett einzustimmen, konnte ich während der zwanzig minütigen Fahrt zum Hotel vor Aufregung kaum still sitzen. Ich war derart unruhig, dass der Fahrer sogar zwei Mal rechts ran fuhr, weil er Angst hatte, ich würde seine Rücksitzbank vollpieseln. Doch nicht die Blase drückte, sondern mein irrsinniger Wissensdurst. Schließlich sollte laut Kunde morgenfrüh die Laseraktion starten.

  • […]

    Chonburi, Thailand im Februar 2014
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schweißen verbindet"