Schweißen verbindet!

   Diese simple Tatsache beruht auf unzähligen Beweisen. Ein Beweis ist dieses Büchlein, das Sie gerade in Händen halten. Zwar sind der Einband und die Seiten dazwischen nicht durch Schweißen miteinander verbunden worden, sondern durch das in der DIN 8593-8 beschriebene Fügverfahren Kleben. Jedoch würde es dieses Büchlein und seine darin enthaltenen Geschichten ohne das in der DIN 1910-100 beschriebene Verfahren „Schweißen“ schlichtweg nicht geben. Was nicht weiter tragisch wäre. Wohl aber schade. Denn immerhin steht dieses Büchlein als Beweis für die Faszination, die vom Schweißen ausgeht: weil Schweißen – Achtung! – im doppelten Sinne verbindet: nämlich Stähle und Menschen, und zwar interkontinental. Phänomenal, nicht wahr!

   Doch bevor ich von der großen Welt der Schweißtechnik da Draußen erzähle, möchte ich Ihnen etwas Kleines, aus meinem Inneren, verraten: wie es zu diesem Büchlein kam.
Auch wenn es den Eindruck erwecken sollte, so steckt kein durchdachtes Konzept dahinter. Beispielsweise basierend auf dem wirtschaftsbedrohlichen Facharbeitermangel in Deutschland, um die Attraktivität schweißtechnischer Berufe auf unterhaltsame Weise zu steigern. Ebensowenig ist dieses Büchlein aus einer biergeselligen Laune mit Berufskollegen in einer verrauchten Bar in Bombay, Bangkok oder Butzbach entstanden. Inspiert durch das Plaudern über alte Zeiten und vollbrachte Taten, während jemand aus der Runde euphorisch meinte, Hey, Jungs, lasst uns ein Geschichts-Buch drüber schreiben! Diese Vorstellung begeistert mich zwar, trifft aber leider nicht den wahren Auslöser, beweist lediglich mein Talent zur Phantasie.

   Der Auslöser, auf den ich hinaus will, kam vielmehr plötzlich: in Form einer aufpoppenden Emotion! Ausgelöst durch einen äußeren Umstand. Losgelöst im Bruchteil einer Sekunde. Als hätte jemand den alles verschließenden Pfropfen gezogen, löste die Emotion – Wusch! – in meinem Gehirn eine Inspirationsflut aus, die mich mit Leib und Seele mitriss: ich erlebte einen ganzkörperlichen Vollrausch aus Gefühlen, Ideen, Erinnerungen und Konstrukten. Gepaart mit einer Prise abschweifender Phantasie, was summa summarum auf einem tragenden Fundament aus Sach- und Fachkenntnis basierte.

   Dieser geile Emotionsmix, der weitaus länger andauerte als der in meinem kühnsten Traum erlebte Orgamus mit Brook Shields, – Aahhh! – in Der blauen Lagune von Nanuya Levu, – Aahhh! – Ähm, verdammt! Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, richtig.
An einem ähnlich paradiesischen Ort überkam mich im Frühjahr 2014 eben diese Büchlein-Emotion: in Thailand! Doch leider nicht beim erotischen Bad vor dem Wasserfall einer Lagune. Sondern während der Arbeitszeit. Als ich im Auftrag meines Chefs die Reparatur zweier Dünnschichtverdampfer-Rotoren überwachen sollte: mit dem erfahrenen Blick eines Europäischen Schweißfachmannes. Als mir der Kunde bei der Eingangsbesprechung mitteilte, dass die Risse nicht, wie ursprünglich von mir über den Wolken ersonnen, durch das herkömmliche WIG-Verfahren reparaturgeschweißt würden. Sondern von einem Laser!

    Das war das emotionsauslösende Signalwort, woraufhin meine phantastische Reise in die Welt der Laserschweißtechnik begann. Musikalisch begleitet von der unverkennbaren Star Wars Eröffnungsmelodie.

    »Ta Ta, Ta-da-da-da Ta, Ta-da-da-da Ta, Tadadada …«

    Der Rest ist Geschichte. Nachzulesen, in der in diesem Büchlein erzählten Lasergeschichte, Die Rückkehr der Jedi Ritter.
Nachdem ich sie im Groben noch in Thailand geschrieben hatte, führte mich eben diese Lasergeschichte, zwecks weiterer Recherche, Achtung! – Schweißen verbindet – zum Jedi Ritter Christian Frank, ins Baden-Württembergische Maulbronn. Zum Meister Yoda der Schweißtechnik. Zum Geschäftsführer des DSI Laser-Service, zu seiner liebreizenden Assistentin Frau Kuzma, zu dem aufgeweckten Herrn Hocke und zu anderen Kollegen seines Mitarbeiterteams: zu den Lasermasters of the Universe. Weltweit kämpfen sie für die Gute Macht. Laserschweißen mit Mut, Disziplin und Know-how alle möglichen und alle unmöglichen Stahlsorten. Wie eben auch die Risse an unseren Thailand-Rotoren.

   Ein weiterer Beweis dafür, das Schweißen im doppelten Sinne verbindet, ist meine berufliche Schiffsreise von Uruguay aus zur Antarktis. Hin zu jenem Ort, an dem ich glaubte, aus der Welt gefallen zu sein. Damals, im Jahre 2009. Auf dem norwegischen Krillfänger Juvel. Mit an Bord: zwei jeweils 70 Tonnen schwere Horizontaltrockner. Konstruiert und gebaut von meinen Kollegen bei der Buss SMS Canzler in Butzbach. Um den im antarktischen Eismeer gefangenen und gleich zu Schlamm weiterverarbeiteten Krill noch auf hoher See zu Pulver zu trocknen. Zu sogenanntem Krill-Flavour, beispielsweise für Tiefkühl-Pizzen.
  •    Zwecks Inbetriebnahme ging ich mit meinem Kollegen Ralf in Montevideo an Bord. Bezog mit ihm eine, Achtung! – Schweißen verbindet besonders eng auf kleinstem Raum – eine winzige, aber dennoch urgemütliche Kajüte mit sogar einem Bullauge. Ganz vorn im Bug des Schiffes. Wohlwissend, dass wenige Monate zuvor aus der ursprünglichen Perangi die Juvel wurde: in einer kolossalen Verwandlungsaktion, bei der Bremerhavener MWB-Werft. In deren Trockendock wurde die Perangi durchtrennt und anschließend auseinandergeschoben. Nachdem die beiden Krilltrockner und andere Krill-Verarbeitungsmaschinen unter Deck gebracht und vorinstalliert waren, wurde ein knapp 40 Meter langes, neu gefertigtes Rumpfstück passgenau in die Lücke dazwischengesetzt. Woraufhin alle drei Rumpfteile, Bug, Mitte und Heck zusammengeschoben und, Achtung! – Schweißen verbindet – metallisch vereint wurden. Durch zwei rund um den Rumpf herum verlaufende Rundschweißnähte. Die Verwandlung der 60 Meter kurzen Perangi zur 99 Meter langen Juvel war vollendet!

       Mit diesem Hintergrundwissen, plus meiner Weiterbildung zum Europäischen Schweißfachmann, der aus eigener Schweißerfahrung weiß, welcher Scheiß, Verzeihung!, welch‘ unentdeckte Schweißnahtfehler in Schweißnähten schlummern und welchen Scheiß sie unter wechsellastiger Beanspruchung anrichten können, gerieten wir eines Nachts in einen antarktischen Sturm! Stundenlang kämpfte die Juvel gegen zehn Meter hohe Kaventsmänner. Mit dem Bug voran. Dort, wo mein Kollege und ich in unseren Kojen lagen. Steil ging’s den Wellenberg hinauf. Mit den Füßen voran. Hoch oben, am Wellenkamm angekommen, verharrte die Juvel den Bruchteil einer Sekunde. Als ob sie auf der Kippkante das Unaufhaltsame hinauszögerte, Mut fasste – um sich dann, als eine Masse aus mehreren tausend Tonnen Stahl, in die Wellenschlucht zu stürzen, um nach zehn Metern freiem Fa– Ahhhhh! –ll  auf die betonharte Wasseroberfläche aufzuschlagen, Wroommm! – währenddessen ich, bretthart vor Angst erstarrt, in meiner Koje ausharrte. Mich beidhändig an den seitlich meiner dünnen Matratze angebrachten Begrenzungsbrettern festkrallte und stundenlang nur einen einzigen Gedanken verfolgte.

       Hoffentlich halten die Schweißnähte!
    Wroommm! –
       Hoffentlich halten die Schweißnähte!
    Wroommm! –

       Welche Schweißnahtfehler genau in den Rumpfstoßstellen der Juvel schlummerten, wie diese dort hineinkamen und wie sie von der Qualitätsstelle vertuscht wurden, nur um den Endtermin der Rumpfverlängerung einzuhalten, und ob die Schweißnähte überhaupt zurück bis in den sicheren Hafen von Montevideo hielten, verrät Ihnen die in diesem Büchlein enthaltene Seemannsgeschichte, Wir lieben die Stürme.
    Übrigens, das gleichnamige Piratenlied der bündnischen Jugendbewegung, das ich als kleiner Pfadfinder-Wölfling am Lagerfeuer lernte, sang ich ebenfalls in jener Sturmnacht. Stundenlang. Während draußen, in stockdunkler Nacht und umgeben von Eisbergen, das Meer wütete, die Wellen aufbäumte, – um die Juvel mit seiner 52-köpfigen Besatzung zu versenken. Um den milliardenfachen Tod der wehrlosen Bewohner des Eismeeres, um den von uns gefangenen und pulverisierten Krill, zu rächen.

       Wroommm! –

  • […]

  • Querweltein irgendwo unterwegs, im Frühjahr 2015
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schweißen verbindet"