Was wäre die Welt ohne Stahl?

   »Stahl ist nach DIN« (nach der Deutschen Industrie Norm) »alles ohne Nachbehandlung schmiedbare Eisen«, wurde mir und noch drei anderen Kupferschmiedelehrlingen am ersten Tag unserer Berufsausbildung vom alten Ausbildungsmeister Fritz Kiy eingebläut. Ehrlich gesagt, ich hab den Spruch nie so richtig verstanden. Kann Ihnen noch nicht einmal sagen, ob er stimmt. Ich habe ihn nur, wie damals von mir verlangt wurde, auswendig gelernt.

   Die darauf folgenden 22 Jahre meines Berufslebens haben mich dann gelehrt, Gesagtes nicht immer so einfach hinzunehmen. Ab und zu auch mal kritisch den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Deshalb hab ich mir die Mühe gemacht und den dicken Normenkatalog durchgeblättert … bis ich unter der  DIN EN 10020, der Deutschen Industrie Norm, die inzwischen den Status einer Europäischen Norm erhalten hat, folgende Definition fand: »Bei Stahl handelt es sich um Werkstoffe, deren Massenanteil an Eisen größer ist als der jedes anderen Elements, dessen Kohlenstoffgehalt im allgemeinen kleiner als 2 Gewichtsprozent sind.«

   Chemisch betrachtet ist Stahl eine Legierung aus Eisen und Eisencarbid, wobei sich das Eisencarbid wiederum aus einer Eisen-Kohlenstoffverbindung zusammensetzt: aus dem sogenannten Zementit.

   Falls Ihnen diese Begriffsdefinitionen nicht ausreichen und Sie das Verlangen verspüren sollten, sich für die Gefügeentwicklung von Stahl in Abhängigkeit vom Kohlenstoffgehalt und der Temperatur, plus für die Umwandlung der einzelnen Phasen zu interessieren, dann empfehle ich Ihnen wärmstens das Eisen-Kohlenstoff-Diagramm, kurz, das EKD. Benötigen Sie darüber hinaus noch Informationen über die zeitliche Gefügeentwicklung von Stählen bei unterschiedlich schneller Abkühlung, dann sind die so genannten Zeit-Temperatur-Umwandlungsschaubilder, kurz, die ZTUs, genau das Richtige für Sie.

   Doch aus den Erfahrungen meiner Weiterbildungen, bei denen ich mich auch mit diesen Schaubildern beschäftigen durfte, und der inzwischen ins Land gezogenen Zeit kann ich sagen, dass Sie zwar nicht alles, aber wahrscheinlich vieles von dem, was Sie sich anschauen, alsbald wieder vergessen werden. Von daher schlage ich vor, vergessen Sie’s.

   Wenden wir uns lieber der Praxis zu, die sich aus dem Kernthema dieser Geschichte ergibt: »Was wäre die Welt ohne Stahl?«

   Global betrachtet ist die Antwort darauf ebenso schlicht, wie kaum vorstellbar. Kaum vorstellbar, weil laut dem International Iron and Steel Institute allein im Jahre 2007 die weltweite Roh-Stahlproduktion 1343,50 Millionen Tonnen betrug. Schlicht erscheint mir die Antwort, wenn wir morgen früh aufwachen und auf eine Welt ohne Stahl blicken. Überrascht würden die meisten von uns feststellen, dass sie nicht mehr auf ihrer Federkernmatratze liegen, sondern auf dem Fußboden.

   »Und was, bitteschön, ist mit meinem Holzbett?«, könnten sie mit in den Hüften gestemmten Fäusten fragen. Einen Augenblick bitte, ich komme gleich darauf zurück.

   Nachdem wir uns aufgerappelt haben, könnte ich mich, zusammen mit meinen Buss-SMS-Canzler-Kollegen aus Butzbach, Düren und der Schweiz, einigen tausend Stahlkochern und etlichen Millionen anderer Kollegen rund um den Globus auf den Weg zum Arbeitsamt machen. In der Hoffnung, dass man uns zu Holzfällern, Schreinern oder Zimmermännern umschult: In Berufe also, und jetzt wird’s wieder kaum vorstellbar, die nicht das Geringste, in keiner Art und Weise, mit Stahl zu tun haben.

   Falls Sie der Überzeugung sind, ihre Brötchen in einem 100 Prozent stahlfreien Beruf zu verdienen, dann überlegen Sie doch nur mal, wie man einen Baum ohne Säge und ohne Axt gefällt kriegen soll. – Geschweige denn, falls man es irgendwie schaffen sollte, daraus ein komplettes Bett, inklusive Lattenrost und Nachtkommode zu werkeln. Wie ich sehe, kommen Sie also doch mit zum Arbeitsamt. Kleinen Moment noch. Gleich geht’s los. Nur der Vollständigkeit halber: All jene, die bereits in einem holzverarbeitenden Beruf tätig waren, haben es auch nicht viel leichter als wir aus der Stahlbranche kommenden Umschüler. Denn die müssen nun zusehen, dass sie ihre bislang genagelten oder Spax-geschraubten Balken- und Bretterkonstruktionen mittels Zapfen, Keile oder Schwalbenschwanzführungen ans Halten kriegen.

  •    Wenn Sie in einem unüberlegten Moment vorhaben sollten, mit der Eisenbahn zum Arbeitsamt zu fahren, werden Sie die einzigartige aber sicherlich unangenehme Erfahrung machen, dass der Zug über eine Schottertrasse mit querliegenden Holzbohlen rumpelt – obwohl, da fällt mir gerade ein, in einer Welt ohne Stahl kann es weder Schienen, noch eine Eisenbahn geben. Sie merken, es ist nicht ganz leicht, sich solch eine stahllose Welt vorzustellen. Bemühen wir uns trotzdem weiter.

       Wenn es keine Eisenbahn gibt, dann logischerweise auch keinen Omnibus, kein Automobil und kein Moped. Ja, noch nicht einmal ein Fahrrad. Was wiederum für alle, die kein Pferd haben, bedeutet, dass sie sich zu Fuß auf den Weg zum Arbeitsamt machen müssten. Jene, die allmorgendlich, als es noch Stahl gab, im Stau standen, werden beim Anblick der leergefegten Straßen vielleicht denken: »Mist, jetzt wo endlich die Bahn frei ist, hab’ ich nichts mehr zu fahren.«

       Am Arbeitsamt angekommen würden wir verblüfft feststellen, dass es ein solches nicht gibt. Zumindest keines, das so stabil gebaut ist, wie wir es gewohnt sind. Denn in einer Welt ohne Stahl konnte noch niemand ahnen, dass der Verbundwerkstoff Stahlbeton, diese gleichermaßen auf Zug und Druck beanspruchbare Mischung, irgendwann einmal dem Menschen von sehr großem Nutzen sein würde. Zu verdanken haben wir diese Errungenschaft übrigens der Experimentierfreude eines französischen Gärtners, dem jedes Jahr im Winter seine aus Zementmörtel gegossenen Pflanzkübel zu Bruch gingen. Statt ständig neue zu kaufen, überlegte Joseph Monier ein Weilchen und kam schließlich auf die geniale Idee, seine Kübel mit einem Eisengeflecht zu verstärken, das in den Beton eingegossen, den ähnlichen Ausdehnungskoeffizienten besitzt, wie der Zementmörtel.

       Als im darauf folgenden Frühling, es war im Jahre 1867, die Quecksilbersäule wieder in den Plustemperaturbereich kletterte, stellte Monsieur Monier mit freudigem Juchzen fest, dass all seine modifizierten Pflanzkübel den wechselhaften Witterungsbedingungen standgehalten hatten: Das mit Sicherheit auch in dem Fußboden unter oder in der Zimmerdecke über Ihnen verarbeitete Monier-Eisen war erfunden.

       In einer Welt ohne Stahl würden kein Öltanker und kein Containerschiff über die Weltmeere schippern. Und das Clubschiff Aida wäre bestenfalls ein Tretboot. Was aber auch nicht sein kann, weil die Tretmechanik dieses Boot-Typs aus Stahl besteht, und der Rumpf aus Kunststoff. Dieser wiederum wird durch Polymerisation, -addition oder -kondensation synthetisch hergestellt. In aus Stahlkesseln und Stahlrohrleitungen gebauten Chemieanlagen, in deren Prozess auch ein aus Edelstahl gebauter Dünnschichtverdampfer eingebunden ist. (Den Sie übrigens bei meinem Chef in hervorragender Qualität günstig kaufen können.)

       Tut mir furchtbar Leid, aber wie Sie bemerkt haben, wird auch die geplante Aida-Kreuzfahrt zur Silberhochzeit wegen des Nichtvorhandenseins von Stahl ins Wasser fallen.

       Doch nicht nur zu Wasser und auf dem Land würde gähnende Leere herrschen. Auch in der Luft. Denn ohne Stahl kann weder ein Hubschrauber, noch ein Flugzeug vom Boden abheben. Kein Satellit könnte um unsere Erde kreisen. Kriege könnten nicht mehr aus weiter Entfernung mit Marschflugkörpern, Panzergeschossen oder Schnellfeuergewehren, sondern müssten vis-à-vis, Mann gegen Mann, mit Keule und Steinaxt geführt werden.

       In einer Welt ohne Stahl würden wir – falls uns noch nach Lachen zumute wäre – ungewöhnlich viele schiefe, gelbe oder faule Zähne zu sehen bekommen. Solche, wie sie der liebe Gott für uns vorgesehen, und nicht wie sie uns der Zahnarzt implantiert hat. Mit welchen Werkzeugen sollte er dies tun? –

       Neben Stahlbohrern und Zahnspangen wären uns auch Hochspannungsleitungen, Sicherheitsnadeln und ein Toaster fremd. Unsere Zettelwirtschaft könnten wir weder mit Büroklammern haltern, noch tackern. Wir könnten dem unsympathischen Kollegen keinen Heftzweck auf seinen Bürostuhl legen, und auf dem Rummelplatz weder Achter- noch Geisterbahn fahren. Dafür würden wir gezwungen werden, mehr für unsere Gesundheit zu tun. Weil wir in Kaufhäusern und Flughäfen, statt Rolltreppe oder Fahrstuhl fahren, wieder Treppen steigen müssten.

       Unsere Einkäufe würden wir mit seltenen Muscheln, mit Steinen oder mit Münzen aus Silber oder Gold bezahlen. Doch wohin mit unseren Ersparnissen? Vorhängeschlösser oder Tresore sind aus Stahl gebaut und somit nicht verfügbar. Der Sicherheit wegen könnten wir wieder anfangen zu tauschen. So wie damals, als vor langer Zeit der Handel begann. Was allerdings recht umständlich werden dürfte. Denn zuallererst müssten wir einen Tauschpartner finden, der zum einen genau die Ware anbietet, die wir selber gerade brauchen und der gleichzeitig das sucht, was wir anzubieten haben. Sind wir fündig geworden, müssten wir uns nur noch handelseinig werden. Was auch nicht immer einfach werden dürfte, denn nicht jeder beurteilt die Ware des anderen genauso hochwertig wie er selbst.

       Sie merken, sich in einer Welt ohne Stahl zurechtzufinden, wäre ganz schön mühsam. Oder aber, je nachdem wie man’s nimmt, sehr einfach, weil es im Vergleich zu heute kaum etwas geben würde. Wie wenig oder wie viel, hängt natürlich davon ab, in welche stahllose Zeit es uns verschlägt.

    […]

    Beijing, China, im April 2009
    Stephan Thiemonds©
    "Querweltein Unterwegs - Schweißen verbindet"