Die Magie der Industrie

   Hört sich merkwürdig an, nicht wahr? Ich meine die Überschrift: Die Magie der Industrie. Und die mit ihr einhergehende Frage, was an der Industrie bitteschön magisch ist? Für gewöhnlich assoziiert man den Begriff Magie mit Zauberei, mit Fantasie und Alchemie. Aber doch nicht mit Industrie! Nicht mit einer Wirtschaftsbranche, deren Produktion von Gütern und Waren auf Normen und Regelwerken basiert. Immer der Wirklichkeit trauend, auf Wissen aufbauend. Und nicht auf irgendwelchen Hirngespinsten. Weil Hokuspokus, das sieht bereits jedes Kind bei seinem ersten Zirkusbesuch, unbegreiflich ist. Aber auch für uns Erwachsene ist Magie nicht nachvollziehbar. Rational unerklärbar. Und deswegen im Berufsleben gefährlich. Für Mensch und Maschine. Verboten von der Berufsgenossenschaft. Safety first! Unberechenbar für Wirtschaftsprüfer. Industrie plus Magie – unterm Strich prallen mehr als zwei Ungleichheiten aufeinander. Zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Ende der Diskussion. Zurück an die Arbeit.

  •    Ist dem tatsächlich so?, fragte ich mich, still in meine industrielle Berufserfahrung hineinhorchend. Mich zurückerinnernd durch drei Jahrzehnte erlebte und teils niedergeschriebene Industriegeschichte(n). Herausgepickt hab‘ ich zwei konkrete, bislang noch nicht erzählte Beispiele. Ein Theoretisches und ein Praktisches. Beginnend mit der Praxis, mit meinem Schweißstil. Sich zugetragen während meiner Ausbildung zum Schweißer. Als mein alter Ausbildungsmeister Fritz Kiy meine autogengeschweißten Stumpf-Stoß-Blechnähte kritisch beäugte. Um, in Anlehnung an die DIN EN ISO 17637:2011-05, die die visuelle Prüfung von Schmelzschweißverbindungen regelt, vom äußeren Nahtaussehen Rückschlüsse auf die Güte meiner Schweißverbindungen zu ziehen. Während der Inspektion strich er mit seinen Fingerspitzen über die erkalteten, gewölbten Schweißraupen, der Länge lang, über eine nach der anderen. Als würde es sich dabei über die filigran gearbeitete Oberfläche eines wertvollen Reliefs handeln. So zumindest nahm’s mein der Wirklichkeit vorauseilender Stolz auf. Als stilles Kompliment. Ausgelöst durch meines Altmeisters Berührung. Durch seine Stille und Ehrfurcht vor dem Werk seines Meisterschülers. Meine Überheblichkeit hielt so lange, bis Meister Kiy eine seiner grauweißbuschigen Augenbrauen lupfte und im Tonfall der Aussichtslosigkeit meinte, »Stephan, die Schuppung deiner Schweißnähte sieht aus, als wäre eine Schar Hühner darüber getippelt«. Endzeitstimmung.

       Frustriert klappte ich meinen Schweißhelm runter und senkte mein Haupt ehrfürchtig gen Schweißtisch. So, als wär dieser das Spielfeld der Champions League, in der ich selbst als Auswechselschweißer nie-niemals mitschweißen dürfte. Im Bewusstsein dessen hatte sich eine Träne an meinen Wimpern gesammelt und war, symbolisch wie eine zu schwer gewordene Last, auf die Innenseite des schwarzgetönten Schweißglases getropft. Unbemerkt von der davor stahlhart mit mir umgehenden Industriewelt. In dieser dunklen Stunde meines jungen Berufslebens dachte ich ernsthaft darüber nach, meine gerade begonnene Karriere als Schweißer hinzuschmeißen und mein Lebensglück als Hühnerzüchter zu versuchen. Doch obschon es mir selbst im Laufe meiner ersten Gesellenjahre nicht gelingen sollte, die mondsichelförmige Schuppung meiner Schweißnahtraupen gleichmäßiger hinzubekommen, traute ich mich nicht, den Schweißbrenner ins Korn zu werfen und vom angesparten Lohn die ersten Hühner zu kaufen. Stattdessen redete ich mich mit Durchhalteparolen glücklich. In Anlehnung an das durch Apelles, einen der bekanntesten Maler des antiken Griechenlands, erstmals ausgesprochene Sprichwort. Das mit dem Schuster und seinen Leisten. Ich sagte mir: »Schweißer Stephan, bleib bei deinen Schweißstäben!«

       Wie ein Mantra wiederholte ich diesen Satz, mehrmals täglich, leise während der lauten Arbeitszeit. Solange, bis er sich in meinem Durchhaltewillen festgeschweißt hatte. So blieb ich. Zog mich jedoch zurück. Immer dann, wenn beim Schweißen die Zwischenlagentemperatur beachtet werden musste. Wenn Nahtgefüge und Grundwerkstoff Zeit zum Abkühlen benötigten. Was bei einem zentimeterdicken Apparatebauteil mitunter ganz schön lange dauern kann. Willkommene Wartezeit während der ich, obschon ’s völlig unsinnig war, meinen Schweißhelm runterklappte. Unbemerkt hinter dem zugezogenen Vorhang meiner Schweißbox, in der von Schweißrauchen durchzogenen, vom metallischen Hämmern nur so lärmenden Kupferschmiede. Rückzug von der Arbeitswelt ins eigene Innere. Dort, in der einsamen Dunkelheit meines Ichs machte ich eine grandiose Entdeckung. Als ich, vor Einsamkeit nach Trost suchend, meinem in einer Ecke meiner Seele zusammengekauerten Inneren Kind ein Lied von Peter Maffay vorsang.

    »Ich wollte nie erwachsen sein,
    hab‘ immer mich zur Wehr gesetzt …«

       Hat aber nix genützt, das zur Wehrsetzen. Auch ich musste lernen, erwachsen zu werden. Beim Feilen, Sägen, Meißeln, und Hämmern. Während dem „Grundlehrgang Metall“ vor dem Schraubstock stehend. Ähnlich, wie es Maffay besingt.

    »Außen wurd‘ ich hart wie Stein (in meinem Fall, wie Stahl)
    Und doch hat man mich oft verletzt

    Irgendwo tief in mir
    Bin ich ein Kind geblieben
    Erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann
    Weiß ich, es ist für mich zu spät,
    zu spät, zu spät.«

       Kurz bevor es zu spät war gelang es mir, mein im Erwachsenenleben unterdrücktes Erfinderkind wieder zum Leben zu erwecken. Wiederbelebt durch die mich wie ein Fluch im Berufsalltag quälende Frage: Wie kann es bloß gelingen, das Aussehen meiner ungleichmäßigen Schweißraupen zu verbessern?

    »Ich gleite durch die Dunkelheit
    und warte auf das Morgenlicht.
    Dann spiel' ich mit dem Sonnenstrahl
    der silbern sich im Wasser bricht.«

       Plötzlich blitzte es vor meinen Augen. Ein eigentlich grellheller, jedoch durchs dunkle Schweißglas getönter Sprühfunken. Ähnlich so, als ob jemand eine Stabelektrode gezündet hätte. Funken zu allen Seiten. Im Tropfen meiner auf dem Schweißglas durch die Strahlwärme trocknenden Träne wie ein Regenbogen schillernd. Wunderschön hell und klar sah ich, umrahmt von der Dunkelheit des Schweißhelmes, die Lösung meines Problems. Doch wie kam ich darauf? Frust und Ärger über meinen miserablen Schweißstil waren die Auslöser. Durch den beim Schweißen einmal mehr aufgepoppten Alptraum einer mir durchs Schmelzbad tippelnden Hühnerschar. Im Hintergrund mein alter Ausbildungsmeister mit hochgezogener Augenbraue und resignierendem Kopfschütteln. Es fühlte sich derart echt an, dass mir im Angesicht dieser mir selbst ins Hirn eingespielten Wirklichkeit der Schweiß ausbrach. Im darauffolgenden Augenblick bewegte sich meine soeben fabrizierte Schweißraupe, löste sich in kriechender Wellenform vom Stahlbauteil ab. Mutierte zu einem kleinen gemeinen Monster. Rastlos auf der Suche nach seinem einzigen Nahrungsmittel: meinem Angstschweiß.

       Just in diesem kritischen Moment, als sich die Schweißraupe auf mich und meinen Schweiß stürzen wollte, gelang es mir, an was Realistisches zu denken: an Mutter Natur. Daran, dass eine Raupe eine Larve ist. Während diesem nimmersatten Fressstadium eher ungeliebt. Solange, bis das Wundersame geschieht: ihre Verwandlung von der runzeligen Raupe zum filigranen, wunderschön anzusehenden Schmetterling. Dieses uns Menschen von Gott geschenkte, von Zoologen Metamorphose genannte Naturgesetz, übertrug ich auf mein berufliches Problem. Mit Zuhilfenahme der Bionik: Lernen von den Phänomenen der Natur. Übertragen auf die Technik. So kam ich von der Larve über die runzelige Schuppung meiner Schweißraupe hin zur wunderschön anzusehenden, filigran geschuppten Schweißnahtverbindung. Von der Wirklichkeit über eine Phantasterei hin zur Lösung meines Problems: Durch die Erfindung der Schweißnaht-Schuppen-Schönmach-Maschine©.

       Was folgte war nicht die fristlose Kündigung aufgrund unqualifizierter Phantastereien unter dem heruntergeklappten Schweißhelm während der Arbeitszeit, sondern eine industrielle Erfolgsgeschichte. Fast so unglaublich schön zu lesen, wie ein Monteurs-Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Eine regelrechte Über-Nacht-Revolution in der modernen Schweißtechnik. Ein akkubetriebenes, grasgrün lackiertes Maschinchen. Vom Aussehen an eine Raupe erinnernd. Nimmersatt die runzeligen Unregelmäßigkeiten einer Schweißnaht abknabbernd. Mit Hilfe meines damaligen Canzler-Chefs konstruiert und patentiert. Auf Fachmessen vorgestellt und in Serie gefertigt. Inzwischen weltweit und überall dort im Einsatz, wo unschön geschweißt wird. Seitdem sind sowohl ungleich geschuppte Schweißraupen als auch frustrierte Schweißer Industriegeschichte. Übrigens: In den Augen des alten Fritz mutierte ich vom hoffnungslosen Fall zum talentiertesten Jungschweißer, den er in seinem vierzigjährigen Berufsleben ausgebildet hat.

       Soweit das praktische Beispiel zur Erklärung der merkwürdig erscheinenden Überschrift. Sie erinnern sich, Die Magie der Industrie. Nun zu der sich dahinter verbergenden Theorie. Zu dem wundervollsten Kompliment, welches ich bezüglich meines theoretischen Schreibstils erhielt. Ausgesprochen vor einigen Jahren von meinem Kollegen Michael Reusch. Als ich, auf Kurzbesuch in der Butzbacher Werkstatt, mit ihm am Kaffeeautomaten stand. Wir brühheißen Pulverkaffee aus Plastikbechern schlürften und dabei einen fünf Minuten Plausch über Gott und die Arbeitswelt, über unseren Chef und meine letzte berufliche Reise hielten. Mit einem Mal meinte Michael, »Stephan, wenn ich deine Querweltein Unterwegs-Geschichten lese, frage ich mich oftmals, ob du mir von deiner beruflichen Wirklichkeit erzählst oder mir ein Monteurs-Märchen aufbindest.«

       Mit einem schelmischen Lächeln ließ ich Michael im Zweifel. Seinerzeit noch völlig ahnungslos, dass es für sein beim Lesen empfundenes Gefühl in der Literaturwelt einen Fachausdruck gibt. Erst ein paar weitere Berufsjahre und etliche Geschichten später sollte ich kapieren, welche Faszination mein Kollege Michael so herrlich lapidar in nur einem Satz ausdrückte: die des Magischen Realismus. Ohne mir bis dato der Tiefenwirkung meiner Schreibweise bewusst zu sein, baute ich den mit dem Magischen Realismus einhergehenden Zauber in meine Industriegeschichten ein. Ließ in die Normalität meiner beruflichen Wirklichkeit das Irreale einsickern. Um nicht nur Michael, sondern jeden Leser zu verführen. Um deren Gedanken ins Ungewisse zu locken, um den magisch realistischen Effekt zu erzielen. Unterschwellig, in Anspielung auf die zentrale Frage. Jene, die bereits Cervantes im frühen 17. Jahrhundert in der von ihm geschaffenen Welt des Don Quichote stellte: Was ist Wirklichkeit und was Traum?

       An diesem ständigen Konflikt zwischen Fantasie und Realität hat sich bis heutzutage nix, aber auch gar nix geändert. Der lebende Beweis ist mein SMS-Kollege, Michael Reusch, aus Butzbach. Sein mir gegenüber offen geäußertes, ihn beim Lesen meiner Geschichten beschäftigendes Gefühl von Zweifel. Durch seine Gefühlsoffenheit, wie sie übrigens im von stahlharten Männern dominierten Metallgewerbe fast nie stattfindet, entdeckte ich meinen Schreibstil: Die Kunstform des Magischen Realismus. Dafür bin ich meinem Kollegen überaus dankbar und werde ihm bis zum Renteneintrittsalter den Automatenkaffee spendieren. Immer dann, wenn ich mal wieder auf Kurzbesuch in der Butzbacher Werkstatt bin.

       Der Ursprung der künstlerischen Strömung des Magischen Realismus liegt in den 1920er Jahren. Erstmals angewendet in der Malerei und in der Literatur. Wer von beiden Künsten der allererste Anwender war ist unklar. Sicher ist hingegen die Ausweitung des Magischen Realismus zu Beginn des 21sten Jahrhunderts: auf die Industrie. Erst auf die Schweißtechnik. Dann auf die Mechanik, auf den Maschinen- und Anlagenbau. Sie denken, ich fantasiere? Kann ich verstehen. Weil in der Welt der Technik(er) die Magie ein Tabuthema ist. Ihrer Auffassung nach unbrauchbar zur Erfüllung einer technischen Arbeitsaufgabe. Weil der Magische Realismus unsichtbar ist, ein nicht greifbares Werkzeug.

       Und dennoch gibt es ihn. Immer knapp unter der Arbeitsoberfläche lauernd. Jedoch hängt‘s vom eigenen Blickwinkel ab, ob man die mit der Industrie einhergehende Magie im Berufsleben erkennt. Wo diese nicht mehr als Illusion erscheint, sondern als grundlegende, oft verborgene Wahrheit. Für feinfühlige Kollegen ist sie spürbar. Und allen stahlharten Zweiflern beweisbar. Sich vornehmlich dann offenbarend, wenn die Lösung eines Problems unmöglich zu sein scheint. Wenn der Techniker an der Grenze des rationalen Denkens erstarrt. Eingeengt innerhalb der zulässigen, von Normausschüssen vorgegebenen Toleranzen. Befangen von der lähmenden Angst sich beim nächsten Schritt in der Unwirklichkeit zu verlieren. Festgeschweißt in der Meinung, dass nur aus geprüften Fakten funktionierende Praxis hervorgehen kann. Unverrückbar überzeugt davon, dass Gefühl und Magie schlechte Ratgeber sind. Ausschließlich vertrauend auf die Stimme seines Technikerfachverstands für den es nur zwei Möglichkeiten gibt:

       1.) Es funktioniert.
       2.) Es funktioniert nicht.

        Genau dort, nur einen Schritt hinter der aus schwarz-weißen Denkmustern gezogenen Grenzlinie technischer Möglichkeiten, beginnt der Magische Realismus. Dort, wo alte Schlosserweisheiten unter- und neue Sterne aufgehen. Dann, wenn eine „ach so verrückt klingende Idee“ wie ein Komet ins Gehirn einschlägt und der kurz darauffolgende Sternschnuppenregen aus Einfällen dazu antreibt weiterzudenken. Angetrieben durch die eigene Vorstellungskraft. Beflügelt durch den Glauben an die Wirkung von Wunschdenken. Naiv wie ein Erfinderkind. Rausfliegen aus der einengenden Denkerbox. Hinaus in die Weite eines Universums, bei dem die Grenze des technisch Machbaren Millionen Lichtjahre weit von der Erde entfernt liegt.

       Gedanklich unterwegs auf diesem Raumflug der Extremperspektiven – eng und unendlich – kollidierte ich plötzlich mit der auf mich zufliegenden Frage, »Was ist eigentlich wichtiger im (Berufs-)Leben: Wissen oder Fantasie?«

       Ohne einen Wimpernschlag zu zögern antwortete seinerzeit Albert Einstein, »Fantasie!, denn das Wissen ist begrenzt«.

       Aus diesem kinderleicht nachvollziehbaren Grunde appelliere ich dafür, dass ab dem Beginn des kommenden Grundschuljahres neben Addieren und Subtrahieren auch Fantasieren gelehrt wird. Damit die nachrückenden Generationen den Magischen Realismus im Berufsleben ebenso selbstverständlich anwenden wie Mathematik und Rechtschreibung. Fachwissen derart geschickt mit Phantastereien vermischen, dass die Grenze im dichten Schweißrauch vernebelt. So praktiziere ich‘s inzwischen seit ein paar Jahren. Mit erstaunlichem Erfolg. Es funktioniert immer. Und überall auf der Welt. Entweder noch während meiner Kundeneinsätze oder spätestens kurze Zeit danach. Es ist ein globalgültiges Berufsalltagsgesetz: das mit der Magie und der Industrie. Sogar mein Chef, vom Wesen eigentlich immer sachlich und fachlich und nie-niemals emotional agierend, fühlt sich inzwischen magisch von ihm angezogen. Warum das so ist und wie es dazu kam, erzähl‘ ich Ihnen nun.

       Nach ziemlich genau der Hälfte meines bisherigen Berufslebens kam ich vom Schweißen zum Schrauben, unter Beibehaltung des Schreibens. Nebenberuflich schrieb ich meine Monteurs-Märchen aus Tausendundeiner Nacht, während ich hauptberuflich, auf Wunsch meines Chefs, Montageberichte zu schreiben begann. Hauptsächlich übers Schrauben. Manchmal auch übers Schweißen. Seite für Seite tonnenschwere technische Fakten, toleranzgenaue Problembeschreibungen, Ursachen und Lösungen, weiterentwickelt zu Verbesserungsvorschlägen. Zum bildlichen Verständnis ergänzt mit Fotografien. In einem Wort: Bilderbuchmontageberichte. Kinderleicht nachvollziehbar. Erst recht für alle SMS-Vollbluttechniker: für meinen Chef, für seine Konstrukteure, Schweißfachingenieure und Projektleiter. Pünktlich zugemailt immer am letzten Tag meines jeweiligen Einsatzes.

       Doch irgendwann schlich sich bei mir so ein Gefühl der Sinnlosigkeit ein, als ob keiner meine Montageberichte lesen würde. Dieser Verdacht basierte auf einer Tatsache. Weil mich sämtliche am Projekt beteiligten Kollegen nach meiner Rückkehr mit aufrichtiger Neugierde fragten, wie der Einsatz denn verlaufen sei. Ob es Probleme gab, ob diese zur Kundenzufriedenheit gelöst werden konnten und ob ich bereits einen Verbesserungsvorschlag für alles Schiefgelaufene parat hätte. Woraufhin ich, eingelullt durch die Verlockung, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen, die Geschehnisse erzählte. Jedem der mich fragte. Ich erzählte und erklärte, jeden getätigten Handgriff. Vorgetragen mit weit ausladender Gestik, durch die ich sowohl die Größe der Anlage, als auch die der gelösten Probleme aufzuzeigen versuchte. Verstärkt durch eine verkniffene Mimik, um die Schwere der Arbeit auszudrücken. Es war wie im Theater. Die Livevorstellung meines schriftlichen Montageberichtes, auf den ich, als der Vorhang fiel, zwecks Vertiefung in die Materie hinwies. Dabei, wie Kermit der Frosch mit den Ärmchen zappelnd, mein Publikum um Applaus-Applaus-Applaus bat.

       So vergingen unzählige Montageeinsätze und deren Aufführungen. Bis ich mir in einem aufmerksamen Moment selber zuhörte und kapierte, dass ich zukünftig weniger reden sollte. Weil ich mir zwar den Mund fusselig redete, meine Berichte aber immer noch keine Beachtung fanden. Eindeutiger Hinweis auf die Richtigkeit meiner stillen Vermutung war die nach wie vor an mich gestellte Wie-ist-es-gelaufen-Frage. Doch statt mit dem Theaterspielen fortzufahren, konfrontierte ich fortan jeden mich fragenden Kollegen, auch meinen Chef, mit einer simplen Gegenfrage. »Haben Sie meinen Montagebericht nicht gelesen?«

       Die Antwort war immer gleich: Kopfschütteln nach einem kurzen Moment stiller Verwunderung. Dazu ein unmissverständlicher Gesichtsausdruck, Warum sollte ich mich mit Lesen anstrengen, wenn ich‘s anschaulich erzählt bekomme.

       Frustriert und demotiviert machte ich mich vom Bürogebäude aus auf den Weg rüber zu den Werkhallen, um mir im Versand einen Kaffee zu ziehen. Der Fertigungsbereich hatte bereits Feierabend, als ich mit schwer über den Betonboden schleifenden Stahlkappenschuhen durch die Schweißerei in Richtung Automat schlurfte. Zufällig fiel mein Blick, an einem zurückgezogenen Vorhang einer Schweißbox vorbei, auf den auf einem Schweißtisch liegenden Schweißhelm. Wie von einer magischen Kraft angezogen ging ich drauf zu. Zog hinter mir den Vorhang zu, setzte mich auf den Hocker und den Schweißhelm auf den Kopf. Diesmal jedoch ohne diesen ehrfürchtig zu senken oder gar eine Träne zu vergießen. Umgeben von der Ruhe ausstrahlenden Dunkelheit des Schweißhelmes horchte ich in mich hinein. Ließ mich vertrauensvoll tief in meine lösungsorientierte Gedankenwelt sinken. Den Blick zurück nach vorn. Auf der Suche nach einem Universalwerkszeug mit dem ich meine Kollegen zum Montageberichte-Lesen bringen könnte. Schlagartig fiel mir der „Meinungsverstärker“ ein. Das Arbeitsmittel eines Kupferschmiedes: der Vorschlaghammer. Bereits als Lehrling hatte ich beim Schmieden kirschrot-glühender Stahlzargen seinen ihm bei fachgerechter Anwendung innewohnenden, durchschlagenden Erfolg bewundert. Dennoch verwarf ich diese Idee gleich wieder. Schließlich wollte ich meine Kollegen nicht durch Brutalismus zum Lesen bringen, sondern aus Einsicht.

       Mit friedfertigem Geist suchte ich weiter. Plötzlich wurde es vor dem Schweißglas hellgrell, was jedoch, durchs getönte Glas geblickt, dunkler erschien. Es machte den Anschein, als hätte ich soeben einen WIG-Schweißbrenner gezündet, in dessen sich scharf abzeichnendem Lichtkegel ich nun – Nanu! – das Abbild meines Kollegen Michael Reusch erblickte. In seinem blauen SMS-Arbeitsanzug neben dem Kaffeeautomaten stehend, umkränzt von einer göttlichen Helligkeit. Mit zwei Plastikbechern in Händen auf mich wartend. Mich durch seine Erscheinung an so manch gemeinsamen Plausch erinnernd.

       »Heiliger Hephaistos!« rief ich, dem griechischen Gott der Schmiede zu Ehren, klappte das Schweißschild hoch, lief von der Schweißerei in den Versand zum Kaffeeautomat und wäre Michael, wenn er denn da gewesen wäre, jubelnd um den Hals gefallen. Aus Dankbarkeit für sein Erscheinen zum goldrichtigen Zeitpunkt.

       Einige Arbeitseinsätze später. Wiedermal auf Kurzbesuch bei der SMS in Butzbach. Mit ziemlich hoher Geschwindigkeit im Treppenhaus des Bürogebäudes unterwegs, wäre ich beinah mit dem mir ähnlich forsch entgegenkommenden Projektleiter zusammengeknallt. Zufällig mit dem, für den ich gerade unterwegs war.

       »Ah, Stephan! Wie ist‘s gelaufen?«, fragte er ad hoc, sichtlich angenehm überrascht mich zu treffen und blieb mitten auf der Treppe stehen. In offensichtlicher Erwartung, dass auch ich stehen bleiben und wie gewohnt mit dem Theaterspiel beginnen würde.

       »Tschuldige«, antwortete ich kurzatmig, vom schnellen Treppensteigen aus der Puste, bremste zwar ab, bewegte mich jedoch langsam aber stetig weiter.

       »Bin in Eile. Muss hoch in den Fünften. Zum Chef.« Ich schnappte nach Luft. »Anschließ-end gleich nach Chi-ina. Morge-genfrüh«, haspelte ich und war fast schon um die Mauerecke entschwunden.

       »Les‘ doch den Montagebericht«, schlug ich ihm vor. »Steht alles drin. Inklusive dem Grund, warum auch der zweite Lagerschaden und die damit einhergehende Designänderung auf deine Projektkosten gehen.« Ich machte eine Kunstpause. Schnappte Luft. Hängte »Mach’s gut«, fix hintenan und war schwuppdiwupp ums Eck entschwunden. Aber immer noch so nah an ihm dran, dass ich sein auffällig lang gezogenes, dadurch irritiert klingendes, Daaanke, – Duuu auch,  mitbekam. Ich verspürte eine wohltuende Zufriedenheit mit mir und meiner Kurzvorstellung, die ich mir lange zuvor gründlich überlegt hatte. Statt wie gewohnt den SMS-Showmaster zu spielen, gab ich ihm einen innovativen Impuls. Ausgelöst durch die Signalwörterkette, zweiter Lagerschaden; erneute Designänderung; auf deine Projektkosten. Daraufhin abzielend, dass diese die Aufmerksamkeitsglocken jedes Projektleiters hell läuten lassen. Mit einem ähnlich harten Klöppelanschlag, als wenn ich die Glocke mit dem Meinungsverstärker angeschlagen hätte. Ich war hundertprozentig sicher, dass nun nicht nur er meinen Montagebericht lesen müsse, sondern auch der von ihm eilig alarmierte, weil für alle Designänderungen verantwortliche, Konstruktionsleiter. Durch ihn wiederum würde auch die große SMS-Glocke angeschlagen werden. Unseren Chef wachläuten, meinen Montagebericht zu lesen. Um sich gründlich darüber zu informieren, warum er als Firmeninhaber solch immense Zusatzkosten bezahlen müsse.

       Als inzwischen selbsternannter Textmechaniker hatte ich begonnen, meine Montageberichte anders aufzubauen. Zwischen den mechanischen Bauteilen einige magische Elemente einzubauen. Unmerklich für den ahnungslosen Leser. Mal hier ein Wort, mal dort eine Andeutung. Hab mit jedem folgenden Bericht den Anteil gesteigert. Die ersten phantastischen Sätze eingefügt. Sätze die dazu einladen die Arbeitswelt neu zu sehen und damit neu zu denken. Gespickt mit Wörtern, die im Kopf wie eine Nachglut verweilen. Kurze Absätze, die sich beim Lesen ins Gehirn reinschrauben. Bis ich mich schließlich traute, technische, physikalische und verfahrenstechnische Gesetze nicht nur in Frage, sondern komplett auf den Kopf zu stellen. Derart geschickt, dass mystisch und märchenhaft anmutende Textpassagen einen selbstverständlichen Teil der erzählten Berufswirklichkeit bilden. Ich vollzog die literarisch-technische Verschmelzung von Wirklichkeit und Traum. Auf ähnlich handwerkliche Weise, wie ich es während meiner Ausbildung zum Schweißer gelernt hatte: unterschiedliche Metalllegierungen durch Schmelzschweißen stoffschlüssig zu verbinden. Der Magische Realismus war zu einem unlösbaren Bestandteil meiner Montageberichte geworden.

       So berichtete ich beispielsweise von einem Kundeneinsatz im Rheinland, bei dem ich von früh bis spät alles Monteursmögliche versuchte. Vergeblich. Lange nachdem die Sonne untergegangen war warf ich den Schraubenschlüssel in die Ecke, machte frustriert Feierabend und fuhr ins Hotel. Vergaß beim Zubettgehen sogar, den Schutzhelm abzunehmen und grübelte über das schier unlösbare Problem solange, bis ich vor Kopfschmerzen in einen traumhaften Zustand verfiel. Woraufhin Unglaubliches geschah. Zur Nachtschicht schlichen sich, am Sicherheitsdienst vorbei, die Heinzelmännchen von Köln in die Anlage des Kunden. Zogen mit vereinten Kräften das auf der Antriebswelle des Verdampfers festgefressene Lager runter und das neue gleich auf. »Fachmännisch einwandfreie Arbeit!«, lobte mich am darauffolgenden Morgen der Kunde und fragte überrascht, wie ich das über Nacht bloß hinbekommen hätte. Ausnahmsweise antwortete ich nicht fachlich, sondern poetisch. Frei heraus mit dem leicht abgeänderten Gedicht von August Kopisch (1799-1853):

    »Wie war zu Köln es doch vordem,
     Mit Heinzelmännchen so bequem!
     Da kamen bei Nacht,
     Ehe ich’s gedacht,
     Die Männlein und schwärmten
     Und klappten und lärmten
     Und Schraubten und schweißten
     Und eh ich Faulpelz noch erwacht,
     War all mein Tagewerk bereits gemacht!«

       Um meine Montageberichte noch lebhafter zu gestalten, fluche ich hin und wieder. Schreibe in wörtlicher Rede all jene von Gott verbotenen Flüche auf, die mir beispielsweise beim Herausdrehversuch einer bombenfestsitzenden Schraube herausplatzten. Just in jenem verfluchten Moment, wo sie bündig am Ende der Gewindebohrung abreißt. Ich berichtete, dass mir beim Schrauben und Fluchen bei 36° im Schatten der Schweiß zwischen den A-Backen herunterlief und sich in meinen Arbeitsschuhen sammelte, sodass es beim Gehen nur so schluchzte.

       In einem anderen Festsitzfall beschrieb ich, wie ich schweres Gerät einsetzen musste. Ein Zugwerkzeug anschweißen, einen Kettenzug anbringen, den Vorschlaghammer ein-, letztendlich aber doch den Schneidbrenner ansetzen musste, um die auf der Antriebswelle festsitzende Hohlwelle runterzureißen. Was ich, vor Tatkraft strotzend, so schweißrauchig und metallisch-lautschallend darstellte, dass sich bei meinem den Montagebericht lesenden Projektleiter nach eigener Aussage der Bizeps spannte,  ihm Schweißtropfen auf der Stirn perlten und er sich vor Schweißrauch hüstelnd eine Feinstaubmaske aufsetzte und Ohrstopfen einpfropfte. Fest im Glauben, nicht mehr schwarz-weiß zu lesen, sondern leibhaftig mit mir an der SMS-Front zu malochen. Dieses Phänomen nenne ich „Reality-Report-Reading“, das meinen daheim hinterm Schreibtisch gebliebenen Kollegen ein umfassendes Verständnis verschafft. Ein mit allen Sinnen nachvollziehbares Gefühl für die von ihnen geplante, konstruierte und teils verbockte, von mir vor Ort ausgeführte und wieder gerade gebogene Arbeit.

       Bislang nur ein einziges Mal ging beim Montageberichtschreiben der Magische Realismus vollends mit mir durch. Während eines Blitzeinsatzes in Thailand. Als ich erst beim Kunden erfuhr, dass die Risse in unseren Rotorprofilen nicht durch das herkömmliche WIG-Schweißverfahren repariert werden sollen, sondern mittels Laser – Wow! – woraufhin meine Fantasie zu einem Steilflug ansetzte und in meinem Kopf die unverkennbare Star Wars Erkennungsmelodie ertönte:

       »Ta Ta, Ta-da-da-da Ta, Ta-da-da-da Ta, Tadadada …«

       Zeitgleich mutierten die mit ihrer Arbeit an unserem Rotor beginnenden Laserschweißer zu Jedi Rittern. Kämpften tapfer mit ihren Laserschwertern (die ich in den Laserschweißmaschinen zu erkennen glaubte) für die Gute Macht. Sprich, für die Wiederherstellung des Deutschen Know-hows in Südostasien, welches wiederum die thailändische DSI, das Deparment of Special Investigations, ausspionieren wollte, indem man den Know-how-Träger (also mich) zu kidnappen versuchte. Dieser Arbeitseinsatz lief ab wie in einem Agententhriller, wie man ihn sonst nur auf der Kinoleinwand sieht. Drehbuchartig in meinem Montagebericht beschrieben und mit Special-Effekts versehen. Überschrift: Die Rückkehr der Jedi Ritter. Auf die Realität während dieses Thailandeinsatzes ging ich selbstverständlich auch ein. Dass die nach deutschem Standard ausgebildeten Schweißer der thailändischen Fachfirma mit hochtechnologischen, in Bayern entwickelten Laserschweißmaschinen die Risse im Rotor ohne Schweißverzug reparierten. Lediglich ein einziges Geheimnis behüte ich bis heute. Wenn meine Kollegen zweifelnd nachfragen, Stephan, sag mal, ist das tatsächlich so passiert? Neugierig darauf, ob und wenn ja, wo im Bericht die Grenzen zwischen beruflicher Wirklichkeit und persönlicher Fantasie verlaufen.

       Neben dem großen Kino verwende ich häufig kleine aber effektvolle, sich im Verlaufe des Berichtes ausbreitende Hinweise, um meinen Kollegen die Problematik leichter verständlich vor Augen zu führen. So schrieb ich in einem Bericht nicht nur, dass das vom Kunden zum Nachschmieren ins Lager gepumpte Fett das falsche war, weil blaufarbig. (Das in der SMS-Betriebsanleitung vorgeschriebene Standardfett ist cremeweiß.) Sondern ich schrieb, dass es Schlumpf-Blau war. Darunter kann sich jeder, der einmal ein Kind war, was Konkretes vorstellen. Sowas überrascht jeden Montageberichtleser. Weil’s eine kindliche Heiterkeit in den mitunter tristen Büroalltag mitbringt. Und es erweckt des Lesers Neugierde. Und dessen Fantasie. Dahingehend, wie es wohl bei diesem heiklen Kundeneinsatz weiterging. Beziehungsweise wie’s im Bericht auf den folgenden Seiten weitergehen mag.

       Nach einem Absatz technischer Fakten berichtete ich von der Ursachenfindung, von der Fettuntersuchung im kundeneigenen Labor. Wie sich beim Blick durchs Mikroskop zur unserer aller Verwunderung zeigte, hatten sich offenbar durch den Fetteintritt-Stutzen lauter winzig kleine Schlümpfe ins Lagergehäuse eingeschlichen. Zweifelsohne, es waren die Schlümpfe! Jene in Belgien um das Jahr 1958 erfundenen, vom belgischen Zeichner Peyo (1928-1992) entworfenen Comicfiguren.

       Vermutlich aus einer Mischung aus Langeweile und Neugierde hatten sie sich von Schlumpfhausen aus auf den Weg zum jenseits ihres Waldes gelegenen Industriegebiet gemacht. Waren aufs Werksgelände unseres Kunden geschlichen, den Stahlbau bis auf die Antriebseinheit des Verdampfers hochgeklettert. Um in dem mit 220 Umdrehungen pro Minute rotierenden Pendelrollenlager Karussell zu fahren. Die gesamte Schlumpf-Familie. Papa-, Mama- und Babyschlumpf, Opa- und Omaschlumpf, der Gärtner-, der Koch- und der Doktorschlumpf, der Skischlumpf, der Witzboldschlumpf und natürlich Schlumpfine. Was keiner ahnte: Es sollte ihr letztes Schlumpf-Abenteuer werden. Bei unserer Untersuchung deutete alles darauf hin, dass die Schlümpfe auf der fettig-glitschig-glatten Metalloberfläche den Halt verloren. Schlidderten, in die Spalten des Lagerkäfigs gerieten und von den rotierenden Wälzkörpern zerquetscht wurden. Für mich als ehemaliger Schlumpf-Figürchen-Sammler war’s der schrecklichste Lagerschaden in meiner sechszehnjährigen SMS-Laufbahn. Es war ein Trauma. Die Zerstörung meiner kindlichen Illusion. Unmittelbar vor meinen Augen, zig-fach vergrößert beim Blick durchs Mikroskop: Die Schlümpfe waren gar keine phantastischen Comicfiguren. Sie haben wirklich gelebt!

       »Verschlumpfnochmal«, schluchzte ich mit triefender Nase und Tränen in den Augen. Wollte einfach nicht glauben, was ich sah: Pastöses, ursprünglich weißfarbiges Schmierfett, durchzogen von Schlumpf-blauen Schlieren. – Mir fiel nur einer ein, der sich an diesem grausamen Anblick, an die vernichteten Schlümpfe, erfreuen würde: Hexenmeister Gargamel. Ich spürte wie meine Todtraurigkeit in Zorn umzuschlagen drohte. Schaffte es aber irgendwie, dieses negative Gefühl in eine positive, sich fast realistisch anfühlende Erinnerung umzuwandeln, zurückkatapultiert ins Jahr 1978. Um vom Anfang einen Bogen zum Ende zu schlagen. Zwischen Alfa und Omega, Leben und Tod. Erneut hatte ich meine tränenfeuchten Augen ans Okular geführt. Diesmal jedoch sah ich, statt des Schmierfett-Schlumpf-Massakers, heile Kinderwelt. Vader Abraham mit grauem Rauschebart und Melone, umringt von der Schlumpf-Familie. Hörte, wie er sie mit tiefer Bassstimme singend fragte:

    »Sagt mal von wo kommt ihr denn her?

       Ihre Antwort kam ohne Zögern, einstimmig im Chor gesungen …

    Aus Schlumpfhausen bitte sehr!

       Vergnügt wiegten sie dazu im Takt der Melodie ihre Köpfe, sodass die steif nach vorn gebogenen Schlumpf-Mützen-Spitzen schaukelten. Was ich damals als Kind einfach nur ulkig anzusehen fand und was in mir keine weiteren Fragen aufwarf. Bis ich als Erwachsener in diesem Lagerschadensfall ermittelte. Herausfand, dass es sich bei den Schlumpf-Kopfbedeckungen um sogenannte Phrygische Mützen handelt, die um 800 v. Chr. vom gleichnamigen, in Anatolien lebenden Volke getragen wurden. Mützen, die in ihrer ursprünglichen Funktion aber – Achtung jetzt kommt’s – als Stier-Hodensack dienten. Weil Mann seinerzeit dem irrwitzigen Glauben verfallen war, die besonderen Fähigkeiten eines Stiers würden auf jeden übertragen werden, der sich dessen Hodensack auf den Kopf setzt. Soweit die Fakten. Wer hingegen auf die Idee kam, den unschuldigen Schlümpfen – inklusive der armen Schlumpfine – einen Stier-Hodensack als Mütze aufzusetzen, konnte ich im Zuge meiner Ermittlungen leider nicht herausfinden, weil es sich dabei um das am zweitstrengsten behütete Geheimnis der Belgier handelt. Bei dem Strengsten handelt es sich um die Beantwortung der Frage, warum man als Wahrzeichen für die Landeshauptstadt Brüssel ein pinkelndes Männlein auswählte.

    Und jetzt alle!

    La la lalalala lala la,
    La la lalalala lala la ...«

       In diese Schlumpf-launige La-la-Leichtigkeit hinein vernahm ich, wie Vader mich ermahnte: Hey, du, wir sind hier nicht in der Badewanne!

       »Oh, ähm, ja, Danke für den Hinweis«, flüsterte ich nach Orientierung suchend und nahm meine Augen vom Okular. Hinübergleitend in die mich umgebende Realität: hin zum Kunden und meiner Arbeit: Dem kurz darauffolgenden Lagerschaden. Es war wie von Gargamel verhext. Was folgte war eine monatelangandauernde Ursachensuche. Peinlicherweise an einem Verdampfer-Typ, wie er seit sechzig Jahren von der SMS gebaut wird. Erklärungsnotstand gegenüber dem Kunden der seinerseits die Fachkompetenz der SMS in Frage stellte, während die wiederum ungebrochene Zuversicht ausstrahlte. Wörtlich ausgedrückt durch das Versprechen, den Verdampfer ans Laufen zu kriegen. Woran mit jedem weiteren Lagerschaden (in Summe sollten es fünf werden) zwar kaum einer glaubte, was schlussendlich und tatsächlich aber gelang. Aus Anerkennung verlieh mir der Kunde den Beinamen Gandalf, the Lord of the (Bear-)RingsDer Herr der Kugellager. Was ich in meinem Montagebericht als kleines persönliches Highlight selbstverständlich erwähnte. Geleitet von dem Hintergedanken, jedem zwischen den Zeilen Lesenden zu suggerieren, dass trotz aller technischer Probleme und monatelangem Produktionsausfall ein gutes Kunden-Lieferanten-Verhältnis aufrechterhalten werden konnte. Von Anfang bis Ende. Von Alfa bis Omega.

       Nach dem Happy Ending dieses Einsatzes schrieb ich auf Wunsch meines Chefs einen Bericht über dieses indonesische Lagerschaden-Desaster. Für unsere Firmenzeitschrift SMS-Aktuell. Vom Ergebnis war mein Chef begeistert. Gleichzeitig unschlüssig darüber, ob man so viel kompakt zusammengefassten Misserfolg in der Öffentlichkeit kundtun sollte. Zumal, so die Begründung meines Chefs, man nie weiß, wem die Firmenzeitschrift in die Hände fällt. Ich nickte zustimmend und schlug ihm vor, den Tatsachenbericht als Monteurs-Märchen umzuschreiben. Um alle nicht am Projekt beteiligten Kollegen, Nicht-Firmenangehörigen und potentiellen Neukunden im Zweifel zu lassen, ob sich diese katastrophale Aneinanderreihung von Lagerschäden tatsächlich zugetragen hat. Oder ob es sich nur um die fiebrigen Spinnereien eines, dem feuchtschwülen Äquatorklima Indonesiens zu lange ausgesetzten, Monteurs handelt.

       Mein Chef stimmte zu, woraufhin der Textmonteur in mir sich an die Arbeit machte, den Magischen Realismus einzuarbeiten. Das Ergebnis wurde in unserer Firmenzeitschrift veröffentlicht, wodurch ich zum ersten offiziellen Monteurs-Märchen-Schreiber der Buss SMS Canzler GmbH wurde.

       Spätestens seitdem werden meine Montageberichte nicht mehr nur abgeheftet oder bestenfalls überflogen. Nein, sie werden gelesen. Wort für Wort. Von der Überschrift bis zum, wenn auch manchmal bitteren, Ende. Und warum? Na, ganz einfach! Weil meine Kollegen und mein Chef beim Lesen nicht nur fachlich informiert werden wollen, sich schon gar nicht durch allzu viele Fakten erschlagen fühlen möchten. Nein, Sie wollen unterhalten werden! Unterschwellig gespannt, ob vielleicht schon beim nächsten Wort eine neue Überraschung aufpoppt. Eine Wortzauberei, die ihre Arbeitszeit verfliegen lässt. Sie ablenkt von der denkerischen Schwere am Schreibtisch. Geheime Fluchtfantasien auslösend. Seien wir doch mal ehrlich: kein normaler Mensch hält acht Stunden Wirklichkeit aus. Fakten sind unfrei. Sogar nackte. Wohingegen wohldosierte Phantastereien anregen. Zum Selber-drüber-nachdenken motivieren. Dies schafft nur (Trommelwirbel bitte) der Magische Realismus. Dieser vermag den in jedem Kollegen steckenden, im Berufsalltagstrott jedoch meist im Passivmodus schlummernden Inspirationsmechanismus zu erwecken. Durch die Kombination von Fakten und Fantasy werden selbst im Maschinen- und Anlagenbau derartige positive Kräfte mobilisiert, die das beste Statik-Programm nicht berechnen kann. Ein lebender Beweis dafür ist unser Herr Brenner, der Konstruktionschef der SMS, der jeden meiner Montageberichte in Cc erhält. Und liest. Und darauf reagiert.

       Eines Tages kam der von Natur aus freundliche, immer fachlich kompetent analysierende, problemlösungsorientiert denkender Abteilungsleiter auf mich zu. Bat mich um ein Vieraugengespräch bezüglich eines zurückliegenden Einsatzes. Hinter geschlossener Bürotür ließ er mich wissen, wie surreal ihm mein im Montagebericht beschriebene Verbesserungsvorschlag vorkam. Begründete dies damit, dass dieser sämtliche Newtonsche Gesetze aushebeln und dadurch die Grundfesten der Klassischen Mechanik zum Beben bringen würde. Derart heftig, dass die Erschütterungen seine Neugierde wachrüttelten. Ihn paradoxerweise zum Ernsthaft-darüber-nachdenken inspirierten. Dahingehend, ob mein, in seinem Verständnis irrealer, Vorschlag vielleicht doch irgendwie technisch umsetzbar wäre. Woraufhin Herr Brenner konstruierte und berechnete. Überlegte, skizzierte, radierte und verwarf. Holte die zusammengeknüllten Überlegungen wieder aus dem Papierkorb, strich sie glatt und betrachtete sein Konstrukt erneut. Kam zu dem Schluss, dass meine Grundidee nie-niemals hätte umgesetzt werden können. Aber dennoch war mein wie ein Siemens-Lufthaken über seinem Schreibtisch schwebender Vorschlag erfolgreich. Weil er ihn gedanklich verführte. Ihn auf eine weiterführende Idee brachte. Aus dieser wurde eine Vision und daraus schließlich Wirklichkeit: die durch einen unmöglichen Vorschlag inspirierte, vom SMS-Konstruktionsleiter entwickelte, am Prüfstand prototypgetestete und inzwischen in der Butzbacher Werkstatt in Serie gebaute Kinderzimmer-Aufräummaschine©. Sie ist die maschinelle Offenbarung dafür, dass Fiktionen imstande sind, Wirklichkeiten zu schaffen. Durch die Integration des Magischen Realismus in meine Montageberichte entstand Innovation, die in lukrative Projekte umgewandelt wurde.

       Schaut man sich die im Hintergrund abgelaufenen Mechanismen dieser Erfolgsgeschichte an, so spielte dabei die „Lex Quarta“ eine entscheidende Rolle: das vierte Newtonsche Gesetz. Dieses beschreibt das Prinzip der ungestörten Überlagerung physikalischer Größen, die sich beim Überlagern allerdings nicht gegenseitig behindern. Beschrieben am Ende des 17. Jahrhunderts von Isaac Newton:

    Wirken auf einen Punkt oder einen starren Körper, (im SMS-Fall auf den Konstruktionschef) mehrere Kräfte (seine technische Fachkenntnis und meine im Montagebericht aufgeführten Phantastereien) ein, so addieren sich diese zu einer resultierenden Kraft (zur Erfindung der Kinderzimmer-Aufräummaschine©).

       Seitdem dieses Wunderwerk der Technik zu einem neuen und stabilen Standbein der SMS wurde (vom Kinderzimmeraufräumen genervte Eltern gibt’s schließlich überall auf der Welt), ist selbst mein Chef von der Magie in der Industrie überzeugt. Davon, dass das Berufsleben nicht nur aus Realität besteht, dass Fantasieren während der Arbeitszeit wertschöpferisch wertvoll ist.

       Doch Vorsicht! Wer zu viel oder gar nur fantasiert, wird nicht ernst genommen und entlassen. Jüngstes Beispiel war einer unserer Jung-Ingenieure. Während einer Projektbesprechung tat er mit einer wegwischenden Handbewegung das neue Rotordesign als ein, Zitat, »weit hergeholtes Hirngespinst« ab. Worauf ihn mein Chef im Brustton der Überzeugung darüber in Kenntnis setzte, »Wer am Zauber des Magischen Realismus zweifelt ist kein Realist«. Am nächsten Tag erhielt der Kollege die fristlose Kündigung. Begründung: „Unfähigkeit zum Glauben an das Unmöglich-Machbare.“

       Und genau darin liegt die knifflige Krux mit dem Magischen Realismus im Berufsleben: die phantastische Seite der Wirklichkeit auszuleben - ohne gefeuert zu werden. In einer von Normen und Newtonmeter bestimmten Arbeitswelt ein Freigeist zu bleiben. Sich geschmeidig hin und her zu bewegen zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Zwischen Schweißen, Schrauben und Schreiben. Ständig der Gefahr ausgesetzt, die Balance zu verlieren. Auf metallisch rutschigem Untergrund ein ähnliches Schicksal zu erfahren, wie die Schlümpfe. Schliddernd zwischen das Zahnräderwerk der Industrie zu geraten und zerquetscht zu werden.

       Im Bewusstsein all dieser Gefahren kommt es mir wie ein Wunder vor, dass ich während meiner dreißigjährigen beruflichen Weltreise selbst durch den dichtesten Schweißrauchnebel hindurch meinen eigenen Weg fand: Den des Magischen Realismus. Meine spirituelle Tankstelle auf der langen Reise durchs (Berufs-)Leben. Er befriedigt meinen ungestümen Unwillen, mich einzig und allein auf die Realität einzulassen. Er ist das Universalwerkzeug, mit dem ich meine persönliche Sicht der wunderbaren Wirklichkeit darstellen kann. Meine Wünsche und Träume mit meinen Beruf vereinen. So, wie ich es sehe und zu erleben glaube. In einer gesamten, weltumspannenden Faszination.

       Obschon der Magische Realismus inzwischen mir, meinen Kollegen und unserem Chef das berufliche Leben erleichtert, so bleibt doch die mit ihm und mit dieser Geschichte einhergehende Kernfrage unbeantwortet: »Was ist Wirklichkeit und was Traum?«, fragte Cervantes im frühen 17. Jahrhundert seine Leser, in der von ihm geschaffenen (Schein-)Welt des Don Quichote. Zufällig zu einer Zeit, als Isaac Newton die drei Grundgesetze der Bewegung beschrieb und in seiner Philosophiae Naturalis Principia Mathematica veröffentlichte. Während der eine Fakten schaffte, beging der andere Realitätsflucht. Damals wie heute?

       Seinerzeit glaubte ein sinnreicher Junker, als tapferer Ritter mit seinem Schwert gegen Riesen zu kämpfen, die in den Augen der Realisten nur Windmühlen waren. Heutzutage glaubt ein schlossernder Kupferschmied, sich als Abenteurer mit Schraubenschlüssel und Schweißbrenner durch einen Dschungel von Lianen und Riesenschlangen einen Weg zu bahnen, während er in den Augen der Techniker lediglich in einer Industrieanlage Rohrleitungen anschraubt und schweißt.   

       Wirklichkeit oder Traum? Oder gar doch nur ein Mythos? Im ursprünglichen Sinne eine Erzählung, die den Magischen Mechanismus mit dem Magischen Realismus verknüpft. Mit dem tiefsinnigen Ziel, hinter die Grenze unserer Wissens-Welt zu gelangen. Dorthin, wo ratlose Techniker allein durch den Glauben an das Unmögliche weiterkommen: Durch den Glauben an die Magie in der Industrie. Diese fesselnde Faszination wurde am Ende des 20. Jahrhunderts, am Übergang zwischen Industrie- und Informationszeitalter, sogar besungen. Von der britischen Rockband Queen. Ziemlich fast genau zu jener Zeit, als ich den Schweißbrenner ins Korn werfen und Hühnerzüchter werden wollte. Nachdem mein Ausbildungsmeister meine autogengeschweißten Stumpf-Stoß-Blechnähte visuell prüfte und mir mit hochgezogener Augenbraue mitteilte, dass die unregelmäßige Schuppung meiner Schweißraupen aussähe, als wäre eine Schar Hühner drüber gelaufen.

       Heutzutage, fast drei Jahrzehnte später, bin ich dem alten Fritz für seine Aufrichtigkeit überaus dankbar. Durch seine Beurteilung wurde er zu meinem Orakel, durch das ich die mit der Industrie einhergehende Magie erstmals spüren durfte. Dieses ganzkörperlich vibrierende Gefühl, als meine, mit mir aus der Ausbildungswerkstatt flüchtende Fantasie, die Schweißnaht-Schuppen-Schönmach-Maschine© zu erfinden begann. Inspiriert und beflügelt durch den als Hintergrundmusik aus dem Radio tönenden E-Gitarren-Sound. Gefolgt von der einzigartigen Vier-Oktaven-Stimme Freddie Mercurys. Jedoch erkannte und begriff ich den im Liedtext innenwohnende Zauber erst viele-viele Berufsjahre später. Als ich mich mit dem Ende dieser zauberhaften Geschichte beschäftigte.

    »Ein Traum, eine Seele, eine Bestimmung, ein Ziel,
    Ein goldener kurzer Blick auf das, was sein könnte.
    Es hat etwas Magisches an sich.

    Ich höre geheime Wohlklänge.
    Diese Glocke, die in deinem Verstand klingt,
    Fordert die Grenzen der Zeit heraus.
    Es hat etwas Magisches an sich.

    It’s a kind of Magic, Magic, Magic, MAGIC …«

    Querweltein Unterwegs, irgendwo im September 2017

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