Querweltein Unterwegs: Ein Kindertraum

   Ziemlich genau vor fünfzehn Jahren träumte ich diesen Traum zum ersten Mal. Tagsüber, sozusagen als Tagträumer. Und das, obschon ich seinerzeit, als Einunddreißigjähriger, kein Kind im ursprünglichen Sinne mehr war. Vielmehr berührte dieser Traum eine Bedürftigkeit, auf die jedes Kind ein Anrecht hat.

   Damals, als ich auf meinem Fahrrad Querweltein Unterwegs durch Indien radelte. Nur ein paar Kilometer von der südlichsten Spitze des Subkontinents entfernt. Nachdem ich am Nachmittag zuvor, an der Westküste aus nördlicher Richtung kommend, die hakenscharfe Linkskurve genommen hatte, um weiterhin der landestypischen Dreiecksform entlang zu radeln. An der Ostküste hinauf Richtung Norden. Als mich frühmorgens ein achtjähriger Junge auf einem kettequietschenden, schutzblechscheppernden und für ihn viel zu großen Fahrrad im Wiegetritt überholte. Noch während des flotten Überholmanövers verlangsamte er seine Fahrt, passte sie meinem Tempo an und radelte neben mir weiter. Mich aus neugierigen Kulleraugen betrachtend. Nach ein paar weiteren Kurbelumdrehungen hatte er Mut und Vertrauen gefasst, mich auf Englisch anzusprechen, eine Einladung in seine Schule auszusprechen. Ich folgte ihm. Blieb auf Wunsch des Schuldirektors zwei Tage. Wurde im Herzen tief berührt, als die Waisenkinder in ihren Schuluniformen an ihren Holzpulten standen und für den Besucher sangen. – In jenem Gänsehautmoment, ich erinnere mich als wär‘s gestern geschehen, gab ich mir mit wässrigen Augen das Versprechen, nach meiner Heimkehr bei einem Sechser im Lotto eine Waisenhausschule zu bauen. Irgendwo in Asien. Weil ich als Halbwaise die Bedürftigkeit von Vollwaisen zwar nicht vollständig, zumindest aber zur Hälfte nachempfinden kann. Dieses wohlige Gefühl vom Wohlbehütetseinwollen, das für eine gesunde Entwicklung unverzichtbar ist: Dass da jemand ist – zumindest einer! – der sich um das hilflose Kind kümmert. Papa oder Mama, Opa oder Oma oder eine kinderfreundliche Hilfsorganisation. Jemand, der dem unschuldigen Kind in einem sicheren Umfeld Zugang zu Bildung verschafft. Weil Schulbildung (Lebens-)wichtig ist! Weil das heranwachsende, mit jedem absolvierten Schuljahr mehr und mehr gebildete Kind eines Tages sein Leben in die eigenen Hände nehmen und selbstbestimmt leben kann. Um sich selber, seiner Familie und vielleicht sogar anderen zu helfen. Soweit mein Kindertraum.

  •    Monate später kam ich heim. Zurückgeradelt ins Leben, in die stahlharte Berufs- und Alltagswelt. Verbunden mit dem bleischweren Gefühl, dass meine Querweltein geträumten Träume unterwegs auf dem Fahrrad viel leichter zu realisieren waren. Ich verspürte das desillusionierende Gefühl, ausgeträumt zu haben. Weil die Chance, mir meinen Kindertraum durch einen Lotto-Sechser zu erfüllen, statistisch bei eins zu Fünfzehnmillionen-fünfhundertsiebenunddreißigtausend-fünfhundertunddreiundsiebzig lag. Mit Zusatzzahl sogar bei nur 1 zu 139.883.162. Vorher vom Blitz getroffen zu werden war wahrscheinlicher. Eine ähnlich niederschmetternde Wirkung hatte der Blick auf meine monatliche Gehaltsabrechnung. Auf die in schwarz-auf-weiß gefasste Tatsache, dass ich mir durch mein Einkommen als schlossernder Kupferschmied selbst eine kleine Waisenhausschule nicht vom Mund absparen könnte. Die Chance, währenddessen zu verhungern, wäre lebensgefährlich hoch.

       Unterdessen hatte ich die ersten Bücher geschrieben, die Buchreihe Querweltein Unterwegs entwickelt. In ihr sah ich, meist unter der warmen Dusche stehend, meine zweite Chance, die sogar ein Milchmädchen ausrechnen konnte: einen Euro Reinerlös pro verkauftes Buch, multipliziert mit mindestens einer Million verkaufter Bücher. Macht unterm Strich eine wunderschön große und dem stärksten Monsunsturm trotzende Waisenhausschule. Das Hauptproblem dieser Chance kam alljährlich mit der Tantiemen-Abrechnung meines Verlages. Die Tatsache, dass statt einer Million Menschen, nur ein paar hundert, mit den Jahren addiert nur wenige tausend meine Bücher lesen wollten. Immerhin, dachte ich, jedem Leser für sein Interesse dankend, könnte ich mit diesen gesparten Euros Holzschulbänke kaufen, eine große Schiefertafel und Kreide. Für naturnahen Unterricht im Schatten einer ausladenden Baumkrone. So wie ich es aus dem Fernsehen von der afrikanischen Savanne kannte. Was aber bei genauem Hinsehen leider kaum mehr war als eine kindsidyllische Träumerei, die spätestens durch die ersten Monsunregentropfen als Kreideschlieren die Tafel herunterlaufen würde. Ähnlich wie die über die Wangen kullernden Tränen eines im Leben allein gelassenen Kindes.

       Realistisch betrachtet sah ich meinen Kindertraum in fast unerreichbarer Ferne, wie einen beim Kindergeburtstag zu groß aufgeblasenen Luftballon, zerplatzen. Peng! Widerborstig mit den Füßen auf dem Boden stampfend beschloss ich, die Schule selbst zu bauen. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln. Mit meinen eigenen Händen, wobei ich zur Aufmunterung das zum Bauen passende Kinderlied singen würde.

       »Wer will fleißig Handwerke seh’n
       Der muss zu uns Kindern geh’n
       Stein auf Stein, Stein auf Stein
       Die Schule wird bald fertig sein.«

       Diese Idee war kein theoretisches Hirngespinst. Sie basierte auf praktischer Erfahrung. Immerhin hatte ich so manchen Hausbau innerhalb der Familie miterlebt. Wenn auch nur als Beton mischender, Schubkarre fahrender, Steine schleppender und Nägel aus Schalbrettern ziehender Handlanger. Als gelernter Schweißer und Kupferschmied könnte ich für meine Schule lediglich das Treppengeländer und den Fahrradständer bauen. Außerdem hatte ich ein Zeitproblem. Laut Arbeitsvertrag nur dreißig Tage Tarifurlaub. Und obendrein keine Ahnung, was ich neben Steinen, Sand und Zement, Betonmischer und Brettern sonst noch für den Bau einer Schule in Fernost benötigen würde. Höchstwahrscheinlich gute Beziehungen. Genehmigungen, Stempel und Unterschriften und vielleicht sogar etwas Extrageld, damit es besser rutscht. So kam ich nach jahrelangen Hin- und Herüberlegungen zu der Erkenntnis: Mein Wille war da. Aber ich fand keinen Weg.

       Eine der spannendsten Besonderheiten im Leben eines Querweltein-Unterwegs-Reisenden ist, dass man gewiss und unausweichlich vielen Menschen begegnet. Den meisten nur oberflächlich. Einigen wenigen tiefer. Aber wer eigentlich, mal so nebenbei gefragt, entscheidet über wen und wen nicht und wenn ja, wie tief? Der Zufall oder das Schicksal? Sind wir Menschen, wie der Volksmund behauptet, unseres eigenen Glückes (Kupfer-)Schmied? Oder gibt es tatsächlich einen überirdischen Weltenlenker? Einen Gott, der die Verläufe des Berufslebens, des Lebens und der Liebe bestimmt.

       Ich bemerkte, wie meine Gedanken von meiner ursprünglichen Denke weg, hin zu philosophischen Sphären abdrifteten. Um mit Heiterkeit von diesem Fahrt aufnehmenden Gedankenkarussell abzuspringen, sang ich den Liedrefrain der Kastelruther Spatzen aus dem Jahre 2005.

       »Sag, ist es Zufall oder Schicksal?
       Was ist unser Leben?
       Steht es in den Sternen,
       ob wir uns begegnen?«

       Einen beherzten Gedankensprung später landete ich im Jahr 2004, rückblickend auf einen Arbeitseinsatz in Südostasien. Zufällig, so schien ’s mir zumindest, machte ich die Bekanntschaft mit dem damals 64jährigen Josef Seelen. Einsatztechnisch hatten wir nix miteinander zu tun. Er machte sein Ding (Modifikationen an einem Dampfheizkessel) und ich machte meins (Passstücke einer kupferausgekleideten Reaktorrohrleitung schweißen). Nicht die eigentliche Arbeit führte uns an diesem ungewöhnlichen Ort der Begegnung zusammen, sondern die deutsche Sprache. Die einzigen zwei Deutschen, gestrandet auf der nur eineinhalb Quadratkilometer kleinen Insel namens Pulau Bukom. Knapp drei Seemeilen südlich vor der Küste Singapurs gelegen. Frühmorgens waren wir, gemeinsam mit einem Trupp asiatischer Arbeiter, mit einer Fähre zum Raffineriestandort geschippert worden. Zutritt für Unbefugte streng verboten! Dorthin, wo täglich 500.000 Barrel Rohöl durch raffinierte Technologien zu petrochemischen Produkten weiterverarbeitet werden. An einem der strategisch wichtigsten Standorte der Royal Dutch Shell, einem der weltgrößten Mineralöl- und Erdgas-Unternehmen.

       Eigentlich wollte er Seemann werden, erzählte mir Josef, als wir mit der Abendfähre von der Insel zurück zu unserem Hotel nach Singapur schipperten. Entgegen seines Kindheitsraumes gab ihm sein Vater den guten Rat, zuvor „etwas vernünftiges zu lernen“. Josef stach nicht in See, wurde stattdessen Maschinenbaukonstrukteur. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung machte er seinem damaligen Chef einen Verbesserungsvorschlag, den dieser jedoch vehement ablehnte. Josef kündigte, ließ seine Idee patentieren und gründete eine, nein, seine Firma. Die Josef Seelen GmbH aus Xanten. Dort werden seit fast vier Jahrzehnten Rußbläser mit Vierrollenführung und Bürstenabdichtung® konstruiert und produziert. Individuell auf Kundenwunsch. Made am Niederrhein. Weltweit im Einsatz bei Raffinerien und Kraftwerken. Um durch Josefs Technologie einen störungsfreieren Produktionsbetrieb zu gewährleisten.

       Dass die Begegnung mit Josef und seiner Bürstenabdichtung kein Zufall war, sondern ein schicksalhafter Meilenstein zum Bau meiner Schule, hätte ich mir selbst in meinen kühnsten Kinderträumen nicht erträumt.

       Nach Singapur verloren wir uns aus den Augen. Aber nicht aus dem Sinn. Hielten lockeren Kontakt. »Hallo, wie geht’s? Gesund und munter und immer noch Querweltein Unterwegs? Frohe Ostern! Happy Birthday! Fröhliche Weihnachten!« Alle Jahre wieder. Mehr als zehn Jahre lang. Unterdessen suchte ich weiter nach einer Möglichkeit. Wohlwissend, dass ich mangels Lottoglück, Arbeiterverdienst und Unwissen keine eigene Schule bauen könnte. Aber ich könnte mich bei einer Organisation engagieren, die sich um hilfsbedürftige Kinder kümmert, dachte ich in einem hellen Moment. Allerdings ohne konkrete Vorstellung. Bis es im Jahre 2015 – Zufall oder Schicksal? – bei einem Kunden in Indonesien zu einem verheerenden Lagerschadenschadendesaster kam. An einem von meinem Chef gebauten Dünnschichtverdampfer. Mehrmals und kurzzeitig hintereinander. Ein verhängnisvoller Designfehler war die Ursache. Wochenlanges Ausprobieren und Reparieren. Schlaflose Nächte im Hotel. Tropenhitze und Schweißausbrüche. Ständig beschäftigt mit der Frage, wie man das im Innenraum des Verdampfers sitzende Lager und vor allem dessen Lippendichtung zukünftig vor verkrustendem Schmutz schützen könnte?

       In einer dieser nicht enden wollenden Nächte poppte plötzlich mein alter Bekannter Josef auf. In einer über meinem Bett schwebenden Gedankenblase. Lächelte mir als inzwischen 77-jähriger weißhaarig-weise zu. Mir dabei mit einem seiner Bürstenflansche zuwinkend. Ich brauchte zwei-drei Augenblicke um seinen Wink zu kapieren. Bis ich senkrecht im Bett stand. Ausgelassen wie ein Kind auf der Matratze hopsend. In meiner Brust mein vor Freude mithüpfendes Technikerherz spürend. Überzeugt von Josefs nächtlicher Eingebung, unser Lagerproblem durch sein Patent lösen zu können.

       Quasi über Nacht kamen wir uns wieder näher. Wir telefonierten und diskutierten. Josef hatte sich nicht verändert. Gab sich so, wie ich ihn kennengelernt hatte. Energiegeladen wie die Kraftwerke, für die er arbeitet. Entflammt von jeder neuen Idee. Entzündet am Wiederstand eines zu lösendes Problems. Neugierig wie ein Erfinderkind. Voller Tatendrang die Theorie in die Praxis umzusetzen. So tickt Josef. Sowohl damals bei seiner Entscheidung zur Selbstständigkeit, als auch vierzig Jahre später, als er seine Bürstenabdichtung bei einer neuen Industrieanwendung erfolgreich einsetzt: am unteren Lager eines Dünnschichtverdampfers.

       Josef konstruierte, studierte und probierte den notwendigen Bürstenanpressdruck zur Welle aus. Er produzierte den Prototyp und schickte ihn per Express nach Indonesien. Und wenn Josef so weiterwerkelt, wovon auszugehen ist, weil er, Zitat: „nicht den ganzen Tag an seinem Karpfenteich sitzen und seine Kois füttern kann“, wird er in 23 Jahren das lebendige Vorbild des Protagonisten in Jonas Jonassons Fortsetzungsroman: „Der Hundertjährige der in Xanten aus dem Fenster stieg um weiterhin Rußbläser zu bauen und weltweit zu verkaufen“.

       Einige hundert Stunden im rauen Produktionsbetrieb später stand fest, dass Josefs Bürstenabdichtung genau das tat was sie tun sollte: sie hielt dicht. Kehrte das ähnlich wie Sand im Getriebe wirkende Produkt zuverlässig von Lager und Lippendichtung fort. Das Problem war gelöst. Bescherte mir persönlich aber ein neues. Am Ende meines indonesischen Langzeiteinsatzes stand ich, mit dem Kopf in den Nacken gelegt, vor einem riesigen Berg angehäufter Überstunden. Mich mit gerunzelter Stirn und am Kinn reibend fragend, was ich bloß damit anfangen sollte? Wohlwissend, dass es weitaus schwierigere Fragen im Berufsleben gibt. Die Antwort war klar: Zwangsurlaub, Stundenabbau. Drei Monate Auszeit in Thailand. Hervorgegangen aus einem Wochen zuvor genommenen Flug von Surabaya nach Singapur und zurück. Zwecks Visumverlängerung für Indonesien. Einen Teil der kurzen Flugzeit verbrachte ich damit, das Bordmagazin der Silk Air, der Tochterfluggesellschaft von Singapur Airlines zu durchblättern. Dabei fiel mein die Hochglanzseiten überfliegender Blick – Zufall oder Schicksal? – auf die Artikelüberschrift Child‘s Dream. Auf einen Bericht über ein von Silk Air gesponsertes Kinderhilfswerk. Im Jahre 2003 von zwei jungen, aber bereits international erfahrenen Ex-Bankern in der Schweiz gegründet. Seitdem vom nordthailändischen Chiang Mai aus helfend: in Thailand, Laos, Kambodscha und Myanmar. Mit dem Hauptfokus auf Bildung. Durch den Bau von Schulen und Schülerunterkünften und durch die Vergabe von Stipendien. Noch beim Lesen des Artikels verspürte ich eine herzerwärmende Sympathie für Child‘s Dream, deren Projekte und Visionen die, – Zufall oder Schicksal? – exakt zu meinem Kindertraum zu passen schienen.

       So kam ich ein paar Monate später, Im Frühjahr 2017, als Volontär nach Thailand. In die Child‘s Dream Hauptstelle nach Chiang Mai. Dort lernte ich die beiden Gründer kennen, Daniel und Marc. Viele ihrer asiatischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ihre inneren Strukturen, Arbeitsweisen und Projekte. Summa summarum eine überaus sympathische Mischung aus viel Herzblut, und Heiterkeit, schweizerischer Intelligenz und Organisationstalent. Ich besuchte zahlreiche Schulprojekte im Grenzgebiet zu Myanmar, in Nordthailand und Süd-Laos. Durfte zum Höhepunkt an einer Schuleinweihung in Nord-Laos teilnehmen. Miterleben, wie die Kinder während der Eröffnungszeremonie vor ihrem neu gebauten Schulgebäude eine Tanzaufführung darboten. In diesen, mich ähnlich tief wie seinerzeit in Indien berührenden Momenten entschied ich, Child‘s Dream zukünftig zu unterstützen. Auch ohne einen Sechser im Lotto gehabt zu haben, auch ohne eine Phantastillion Bücher verkauft zu haben. Lediglich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten. Fünf Monate später wurde ich zum Deutschen Child‘s Dream-Botschafter ernannt.

       Wieder zurück in Deutschland und bei der Arbeit rief – Zufall oder Schicksal? – Josef an. Erkundigte sich zuerst nach meinem Befinden. Dann nach dem unserer Bürstenabdichtung in Indonesien. Beruhigt und zufrieden, dass sowohl diese als auch ich störungsfrei liefen (und immer noch laufen), fragte er, was ich sonst so machen würde. Woraufhin ich ihm aus aktuellem Anlass meine Child‘s Dream-Geschichte erzählte. Von dieser schien Josef gar noch mehr begeistert, als von unserem technischen Erfolg. Derart, dass er mich nach Xanten einlud, um mehr über meinen Kindertraum zu erfahren. Höhepunkt unseres Treffens war die Vision, unter der Schirmherrschaft von Child‘s Dream eine Schule zu bauen. In Kooperation mit den Schweizer Schulbau-Profis in Südostasien. Weil Child‘s Dream seit ihrem 14jährigen Bestehen bereits 247 Schulen erfolgreich gebaut hat.

    Treffen mit Daniel und Marc in Chiang Mai

       Wenige Monate später. Im November 2017 reisten Josef und ich gemeinsam nach Thailand. Weil Josef sich gerne die Arbeit von Child’s Dream mit seinem eigenen Auge ansehen wollte. (Das andere hatte er vor vielen Jahren bei einem Autounfall verloren.) Um beim Sehen ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sinnvoll, effizient und erfolgreich mit Spendengeldern umgegangen wird.

       Im Hauptsitz in Chiang Mai trafen wir Daniel und Marc. Und ihre beiden jungen, aber bereits erfahrenen Team-Thailand-Mitarbeiterinnen Meow und Wahn. Mit ihnen war ich bereits im Frühjahr zu Projektbesuchen unterwegs. Diesmal besuchten wir mit Josef ein unweit von Chiang Mai liegendes Ausbildungszentrum in dem von Child’s Dream unterstütze Jugendliche einen Beruf erlernen. Theoretisch und praktisch. Dual nach deutschem Vorbild. Höhepunkt unserer Reise war der Besuch der Baan Huay Hang Schule. Von Chiang Mai aus erreichbar über die berühmteste Serpentinenstrecke Südostasiens, den Mae Hong Son Loop. Die zierliche Wahn steuerte den bulligen Toyota-Allrad. Geübt und selbst in unwegsamen Gelände fahrsicher. Meow saß neben ihr. Josef und ich auf der Rücksitzbank.

       Nach hunderten Rechts-links-rechts-Spitzkehren (auf dem 820 Kilometer langen Gesamt-Loop sind‘s 1.864!) bogen wir ab, auf kaum mehr als einen Feldweg. Immer weiter hoch und manchmal wieder kurz runter, durch postkartenidyllische Dschungellandschaft. Querweltein durch die sich uns am Ende der Regenzeit sattgrün präsentierenden Bergwelt Nordwest-Thailands.

       Unweit der Grenze zu Myanmar erreichten wir unser Ziel. Ein kleines, mitten ins Grün hinein gebautes Dorf. Überwiegend errichtet aus Holz und Bambus und Palmwedel und Wellblech. An den Dorfrand angrenzend und durch ein Schiebetor vor der Wildnis geschützt, das Schulgelände. Bestehend aus mehreren, dem hügeligen Landschaftsprofil angepassten, auf unterschiedlichen Ebenen liegenden Gebäuden. Einstöckige Unterrichtsräume, vom Kindergarten bis zur siebten Klasse. Spartanische, aber voll funktionsfähige, auch ohne Warmwasser zweckdienliche Sanitäranlagen. Schülerunterkünfte für Jungen und Mädchen. Für jene Kinder, die elternlos sind oder deren Heimat ein fußläufig zu weit entferntes Dorf ist. Im Zentrum des Schulkomplexes ein Vorplatz. Versammlungs- und Spielplatz mit kinderfreundlich-bunt gestrichenen, vom Wetter teils verblassten Kletter- und Schaukelgeräten. Gegenüber ein Fahnenmastsockel und ein buddhistischer Schrein. Weiter unten im Gelände ein betonierter Bolzplatz mit angerosteten Fußballtoren ohne Netze. Zumindest aber rundherum und ziemlich hoch mit Maschendraht umzäunt. Schließlich gibt es nur einen einzigen schönen Fußball, den der Dschungel, bei einem missglückten Torschuss in Richtung Wolken, vermutlich nicht mehr hergeben würde. Ein Stück weiter ein dunkelfeuchter Holzverschlag in dem Pilze gezüchtet werden. Daneben ein Schweinestall und ein Froschgehege. Zum einen als Eigenverzehr für Schüler und Lehrer. Zum anderen als Mittel zum Zweck, zum ganzheitlichen Lernkonzept. Beim Großwerden fürs Leben lernen, Verantwortung übernehmen.

       Wir blieben zwei Tage. Mitten im Gewusel von 74 Kindern, einem Schuldirektor mit Halbglatze und warmherzigen Augen, zwei Lehrerinnen, einem Lehrer und einer Child’s Dream-Volontärin. Einer jungen studierten Thailänderin aus Bangkok, die dem sozial engagierten Lebensweg des im letzten Jahr verstorbenen Königs Bhumipol für sechs Monate folgt. Zufälligerweise durfte ich bei meinem Aufenthalt im Frühjahr aktiv dabei sein, als in eben dieser Schule das mit Meow, Wahn und mir mitgereiste Fernsehteam von Chanel 9 eine Dokumentation zu diesem königlichen Anliegen drehte. Kurze Zeit später im thailändischen Fernsehen ausgestrahlt unter dem Titel: »Follow the way of King Rama IX«.

       Verständigungsprobleme gab’s keine. Wir nahmen am Englischunterricht teil und spielten mit Lehrern und Kindern Bingo und Eierlaufen. Wir halfen ihnen morgens, mittags und abends in der schuleigenen Küche auf offenem Feuer und Gas zu kochen. Wir aßen und spülten gemeinsam. Und wir unternahmen einen Schülerausflug zur Dorfschmiede. Beobachteten den Schmied dabei, wie er einen Streifen Stahl, den die Kinder in der Glut des Schmiedefeuers mit Hilfe des Blasebalges kirschrot erwärmt hatten, auf dem Amboss zu einer Buschmesserklinge hämmerte. Zum Ausklang des abwechslungsreichen Tages nahmen wir, zur Beruhigung von Körper und Geist, an der allabendlich stattfindenden Gruppenmeditation teil. Und als die Kinder und Lehrer in ihren Schlafräumen waren, gingen Josef und ich noch einmal auf den Vorplatz. Die schon früh hinter den Bergen abgetauchte Sonne hatte der Dschungelwelt ein schwarzes Nachtkleid übergestülpt. Darüber funkelten, auf dunkelblauem Hintergrund, Millionen Sterne die wir eine Weile mit in den Nacken gelegten Köpfen in Demut und Dankbarkeit betrachteten. –

       »Wie damals im Pfadfinderzeltlager«, meinte Josef im Flüsterton in die alles einnehmende Stille hinein und ich wusste, dass es keines weiteren Kommentars bedurfte. Schweigend gingen wir vorsichtigen Schrittes im Schein unserer Taschenlampen die Böschung hinunter. Hin zu dem aus Holz und Bambus gebauten Schulgästehaus. Auf den Bodenmatratzen rollten wir unsere Schlafsäcke aus, krochen hinein und zogen die Reißverschlüsse zu.

       »Wie damals im Pfadfinderzeltlager«, meinte Josef abermals. Ich sah zu ihm herüber, sah ihn im Schein seiner Taschenlampe strahlen; wie eben jener Junge, der er vor siebzig Jahren war. Wir wünschten uns eine gute Nacht, knipsten die Lampen aus und schliefen alsbald mit den durch die Ritzen unserer Behausung dringenden Geräuschen des Dschungels ein.

       Um halb sechs rappelte der Wecker. Frühsport während der Morgendämmerung auf dem Bolzplatz im Kreis einer quickfidel wirkenden Kinderschar. Warmlaufen, Rumalbern, Gymnastik und Fußball. Als Besonderheit zum Frühstück gab‘s in Kokosmilch getränkten Sticky-Rice. Diesen in Bambusrohren gestopft und von uns an den Flammenspitzen des Lagerfeuers geköchelt. Fertiggegart mit der Machete aufgespalten, herausgefingert und verspeist. Josef strahlte vor Abenteuerlust und Dankbarkeit, all dies inmitten der Kinderschar, in diesem besonderen Raum des nicht Alltäglichen erleben zu dürfen.

       Nach Zähneputzen und Umziehen versammelten sich Schüler und Lehrer auf dem Vorplatz. Aufgereiht nach Schulklassen geordnet vor Fahnenmast und Buddha-Schrein. Eine der Lehrerinnen stimmte den Morgengesang an. Gefolgt von einer kurzen Ansprache des Schuldirektors. Anschließend eine klassisch-traditionelle Tanzvorführung der Kinder. Herzberührende Momente. Beim Abschied versagte Josef vor Rührung die Stimme. Begleitet von einem tränenfeuchten Auge. Vermutlich ein ähnliches Kindertraum-Gefühl verspürend, wie ich es seinerzeit beim Schulbesuch in Indien erlebte. Wenig später wiederholte er mir gegenüber die uns seit unserem Treffen in Xanten antreibende Vision. Die Erfüllung unseres gemeinsamen Kindertraumes. Unter der Schirmherrschaft von Child’s Dream eine Schule in Asien zu bauen. Kennwort: Querweltein Unterwegs.

       Gut fünf Stunden dauerte die Fahrt aus dem Dschungel zurück nach Chiang Mai. Abermals über den Mae Hong Son Loop, diesmal in umgekehrter Richtung. Hunderte Spitzkehren. Links-rechts-links ging’s durch die Bergwelt Nordwest-Thailands. Kontrastprogramm zwischen Drinnen und Draußen. Innerlich einschläfernder Slalom. Äußerlich atemberaubende Ausblicke. Neben mir auf der Rücksitzbank des Toyota-Geländewagens hielt Josef ein Nickerchen. Im Schlaf in Miss Wahns Fahrkünste vertrauend, währenddessen sein Kopf so unkontrolliert wie der eines Wackeldackels schlenkerte. Hunderte Male von links nach rechts nach links … Simultan mit jeder Kurve.
    Da ich mich mitverantwortlich für Josefs Wohlergehen in Thailand fühlte, fragte ich mich, ob sein Kopf durch das stundenlange Hin und Her abbrechen könnte? Diese beim ersten Hinhören absurd klingende Frage war nicht unberechtigt. Hergeleitet aus meiner praktischen Erfahrung mit gealtertem Metall. Wenn dieses einem klassischen Ermüdungsbruch erliegt. Hervorgerufen durch Lastwechselbeanspruchung. Worauf sich übrigens der größte Teil aller Brüche im Maschinenbau zurückführen lässt. Verstrickt in dieser Denke kam mir der in Fachkreisen bekannte „Elastizitätsmodul“ in den Sinn. Jener Materialkennwert aus der Werkstofftechnik, der den Zusammenhang zwischen Spannung und Dehnung bei der Verformung eines festen Körpers beschreibt. Grundsätzlich gilt: je mehr Widerstand ein Material seiner elastischen Verformung entgegensetzt, umso höher ist der Zahlenwert des E-Moduls. Ich wusste, dass der von Baustahl 210 beträgt. Der von Kupfer 130 und der von Blei 19. Diamant hat 800 und Kautschuk 0,05. Und irgendwo dazwischen liegt der Elastizitätsmodul einer menschlichen Halswirbelsäule, dachte ich, während ich Josefs Wackel-Kopf besorgt betrachtete. Zweifelsohne war die aktuelle Belastung auf Hals und Wirbel ziemlich hoch. Mitunter sogar extrem. Speziell bei einer von Wahn zu flott durchfahrenen S-Kurven-Kombination. Als Josefs schlaff nach vorn hängender Schädel mit Schwung von links kommend, aus voller Kurvenfahrt rechts gegen die Seitenfensterscheibe donnerte. Bemerkenswerterweise schien ihn der Aufprall keineswegs in seinem Schlaf zu stören.

       Unter Berücksichtigung aller mir zu diesem Zeitpunkt bekannten Fakten schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass sein Kopf innerhalb der nächsten fünf Stunden abbricht, als unwahrscheinlich ein. Immerhin sitzt dieser bereits seit mehr als 77 Jahren unverrückbar zwischen seinen Schultern. Was in Stunden umgerechnet rund 672.700 sind. Diese wiederum dividiert durch die fünf Fahrstunden bis Chiang Mai ergibt ein verschwindend geringes Risiko von 1 zu 134.540. Und wenn sein Kopf dennoch abbrechen sollte, wär’s kein Schicksal, sondern ein höchstseltener, technisch unerklärbarer Zufall.

       Es gab also keinen sinnigen Grund, den friedlich wie ein Pfadfinder auf der Rückfahrt von einem Buschcamp schlafenden Josef wachzurütteln. Bestärkt in dieser Entscheidung fühlte ich mich durch die im Volksmund bekannte, bereits vor 500 Jahren vom Nürnberger Spruchdichter Hans Sachs (1494-1576) verwendete und von mir auf den Josef-Fall leicht abgewandelte Redewendung: »Schlafende Wackel-Dackel sollte man nicht wecken«. Noch während mir diese Worte durch den Sinn gingen, verspürte ich Zufriedenheit. Das wohlige Gefühl, mir hinsichtlich meiner Fürsorgepflicht ausreichend Gedanken gemacht zu haben.

       Die Aufmerksamkeit von Josef abwendend, blickte ich aus meinem Seitenfenster. Gegen die unweit davor vorbeikriechenden, sattgrünen Dschungelwände der gerade durchfahrenen Kurve. In leichter Schräglage fragte ich mich, wie es dazu kam? Wie Josef und ich eigentlich hierhin kamen? Um die in der Vergangenheit liegende Antwort leichter ausfindig machen zu können, blendete ich das Hier und Jetzt aus. Ich schloss die Augen und reiste zurück. Soweit, bis – Nanu! – auf der Leinwand meiner Lieder ein mitten im Wald liegender See erschien. An seinem Ufer sah ich mich stehen. Mit tief in den Hosentaschen steckenden Händen. Unschlüssig auf das glatt wie ein Spiegel da liegende Wasser blickend. In Richtung des gegenüberliegenden Ufers, das für mich in schier unerreichbarer Ferne lag.

       »Nur Mut, Stephan«, hörte ich plötzlich eine Stimme zu mir sagen. »Spring!«
       »Und wohin?«, fragte ich plump auf die Weite des Sees hinaus.
       »Hab Vertrauen und spring!«, ermutigte mich die Stimme abermals.
    Ich zögerte. Dann sprang ich. Einen weiten Satz nach vorn. Fort vom sicheren Ufer. Und landete – Zufall oder Schicksal? – nicht wie befürchtet im Wasser. Stattdessen auf einer etwas mehr als zwei Fuß breiten, unförmig-rundlichen Steinplatte, die kurz nach meinem Absprung, als es kein Zurück mehr gab, unverhofft aus dem See auftauchte. Ich taumelte. Ruderte überrascht mit den Armen. Den bei der Landung abrupt gebremsten Schwung des Fluges ausbalancierend. Schließlich das Gefühl einer sicheren Landung genießend. Eine gefühlte Ewigkeit stand ich da. Bis ich die fast schon vergessene Stimme abermals hörte.

       »Spring!«, sagte sie.
    Ich war überrascht. Zweifelte. Genährt vom Glauben an einen glücklichen ersten Zufall. Mich zudem fragend, wohin und warum? Zurück ans Ufer?

       »Wenn du dein Ziel erreichen willst«, erklärte die Stimme, »musst du mir, deiner Stimme, weiterhin vertrauen.«
    Ich sprang. Landete – Nanu! – auf einer zweiten, unverhofft aus dem See aufgetauchten Steinplatte. Verwundert darüber, erneut im goldrichtigen Moment aufgefangen worden zu sein. Abermals das seltene Glücksgefühl genießend. Solange, bis mich die innere Stimme ein drittes Mal, und nach dem dritten geglückten Sprung ein viertes Mal zum Springen aufforderte.

       Auf der vierten Steinplatte stehend fragte ich mich, hinunter auf meine nach wie vor trockenen Füße blickend, wie ich eigentlich hierhin gekommen bin: Zufall oder Schicksal? Ob’s im Leben immer so geht? Und wenn ja, wie’s mit mir weitergehen würde? Ich sah ein, dass ich die Antworten nicht im Ausharren sondern nur beim Fortschreiten finden würde. Zögerlich richtete ich den Blick auf und nach vorn. Bemerkte, dass ich – Nanu! – mit nur einem einzigen weiteren Sprung das in unerreichbarer Ferne geglaubte Ufer erreichen würde.

       Ohne diesmal auf den inneren Impuls zu warten sprang ich. Landete sicher am Ufer, schaute von dort über meine Schulter zurück. Sah die Weite des Sees. Und meinen zurückgelegten Weg. Die Aneinanderreihung scheinbarer Zufälle. Hintersinnig dargestellt durch vier Steinplatten.
       Die Erste: Der indische Junge auf seinem Fahrrad und die Einladung in seine Waisenhausschule.
       Die Zweite: Die Begegnung mit Josef und seinen Bürstenflanschen in Singapur.
       Die Dritte: Die Lagerschäden in Indonesien und die Idee deren Ursache durch Josefs Patent zu beheben.
       Die Vierte: Der Artikel über Child‘s Dream im Bordmagazin der Silk Air.

       Still und stumm stand ich da. Mir der schleichenden Verwirklichung meines Kindertraumes bewusst geworden. Gleich darauf verwirrt durch aufkommende Selbstzweifel. Ausgelöst durch das dumpfe Gefühl, das gegenüberliegende Ufer nicht aus eigener Kraft erreicht zu haben. Nur mit Hilfe anderer. Voran- und am Ziel angekommen, weil sie mich, den Luftikus, im richtigen Moment auffingen und verhinderten, dass mein Traum ins Wasser fiel. Aber immerhin, so erkannte ich, habe ich den Mut aufgebracht zu springen. Ohne, dass mir jemand vor dem Absprung die Garantie einer sicheren Landung versprach. Ebenso gut hätt‘ ich ins Wasser plumpsen können. Von Schlingpflanzen am Bein gepackt und in die Tiefe gezogen, oder von einem Seeungeheuer gefressen werden können. Dennoch hab ich die den Absprung verhindernde Ungewissheit überwunden. Bin gesprungen. Meiner inneren Stimme vertrauend. Schlussendlich kapierend, durch den kurzen Blick zurück.

       Nun war mir klar, dass all dies kein Zufall gewesen sein konnte. Sondern eine glückliche Fügung des Schicksals. Weil ich mir das Erreichen dieses Ziels von Herzen gewünscht hatte. Vom Unterbewusstsein geleitet, über meinen individuellen Weg dorthin. Ausgelöst durch einen tagsüber geträumten Kindertraum. Beflügelt von Phantastereien, von Lotto- und Buchmillionen. Realisiert durch nicht zufällige Begegnungen. Mit jenen Menschen, die ebenfalls erst davon träumten, benachteiligten Kindern den wichtigsten Traum ihres Lebens zu erfüllen. Umsetzend durch gemeinschaftliches Handeln. Durch Teamwork verbunden. Was – Zufall oder Schicksal? – ebenfalls meiner weltweiten Berufserfahrung entspricht. Seit vielen Jahren zum Ausdruck gebracht durch das Begleitmotto meiner Querweltein Unterwegs-Buchreihe: You‘ll Never Work Alone!

       Ich verspürte Erleichterung, als Wahn den Toyota im Blumenpflücktempo durch die letzte scharfe Kurve unseres Ausfluges lenkte. Durch die Toreinfahrt der Child’s Dream Hauptstelle in Chiang Mai. Just in dem Moment, als die Stollenreifen des Geländewagens über die Führungsschiene des Rolltores hoppelten, hob Josef überrascht seinen Kopf. Sah sich nach Orientierung suchend um und anschließend mich so an, als wolle er fragen, wer oder was ihn gerade aus seinem Schlaf gerüttelt hat. Ich lächelte milde in Anbetracht dessen, was hinter ihm lag und meinte weltmännisch „We are arrived!“ Heilfroh, dass seine Halswirbelsäule der stundenlangen Extrembelastung standgehalten hatte. Denn wäre sein Kopf während der Rückfahrt abgebrochen, hätten wir uns schwerlich mit Marc über die Umsetzung unserer Vision unterhalten können. So aber erfuhren wir, wo nach vorangegangener Child’s Dream-Vorortrecherche Schulbedarf und Bildungsmangel herrscht. Woraufhin wir gemeinsam beschlossen, unweit der kambodschanischen Stadt Siam Reap eine Schule zu bauen.

       »Im ersten Quartal des kommenden Jahres geht’s los!«, sicherte Marc uns zu, woraufhin ich vor lauter Vorfreude spontan zu singen begann.

       »Wer will fleißig Handwerke seh’n
       Der muss zu uns Kindern geh’n
       Stein auf Stein, Stein auf Stein
       Die Schule wird bald fertig sein.«

       »Die Eröffnungsfeier wird Ende 2018 stattfinden«, meinte Marc in einem zuversichtlichen Tonfall, der auf seiner Erfahrung mit bislang 247 in Asien realisierten Schulbauprojekten basierte. »Ein projektbezogenes Spendenkonto innerhalb der Child’s Dream Foundation wurde eröffnet. Kennwort: Querweltein Unterwegs.« Eingerichtet für all jene, die an der Erfüllung dieses Kindertraumes mitwerkeln möchten. Finanziell und steuerlich absetzbar. Und die vielleicht sogar mit Josef, Marc und mir zur Schuleröffnung nach Kambodscha reisen mögen. Um den Kindern in ihrer neuen Schule zu begegnen. Um beim Sehen ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sinnvoll, effizient und erfolgreich mit Spendengeldern umgegangen wurde. Um emotional berührt zu werden. Zum Ausdruck gebracht durch tränenfeuchte Augen. Ausgelöst durch den plötzlich aufpoppenden Sinnesreiz, dass ein weiterer wichtiger Kindertraum Wirklichkeit wurde. Aber ich greife vor.

       Erst einmal ist bis auf weiteres alles erzählt. Was nicht bedeutet, dass diese Geschichte hier und jetzt zu Ende ist. Mitnichten. Sie wird sich fortsetzen. Im Frühjahr 2018 in Kambodscha. Wir werden davon berichten.

    Chiang Mai, Thailand im November 2017

„Ein Kindertraum.
Wer denen treu bleibt,
macht nicht unbedingt viel Geld.
Aber er macht sich glücklich.“